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Merkelbach: Liebe vergeht, Hektar besteht

Rolf (links) und Alfred Merkelbach.
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Die Winzerbrüder Alfred und Rolf Merkelbach kamen vor dem Krieg zur Welt und keltern immer noch Wein an der Mosel. Christoph Hahn hat die beiden besucht und ihnen zugehört.
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In der deutschen Weinszene sind Alfred und Rolf Merkelbach aus Ürzig Kult. Die beiden betagten Brüder sind Winzer der ganz alten Schule und machen ihre Rieslinge derart traditionell, dass sie fast schon wieder modern sind.

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Das heißt: Detailverliebt arbeiten, den Riesling Fuder für Fuder immer wieder anders zum Wein werden lassen, dabei Süße und Frucht in den Vordergrund stellen. Ein Besuch führt zurück in eine Zeit, als der deutsche Wein gerade erst anfing, sich zu verändern.

In der Ürziger Brunnenstraße liegt die Mosel nur ein paar Meter weit weg. Der Fluss wälzt sich träge dahin. Alles ist wie früher. Die Straßen sind eng, die Häuser wirken erfrischend unmodern und auch sonst ist nichts so, als hätte sich im Herzen des für seine Lage Würzgarten weltweit berühmten 900-Seelen-Orts zwischen Kues und Traben die Moderne ereignet.

Rund um den Globus gilt Riesling von der Mosel als werthaltiges Produkt aus deutscher Herstellung. So wie ein Auto aus Stuttgart oder eine Kraftwerksturbine. Nichts von diesem ruhmvollen Glanz ist hier zu spüren. Der Besucher gerät in eine Zeitkaspsel, in der fast alles noch ist wie zu Omas Zeiten.

In dieser Straße steht das einzige ansehnliche unter den ansonsten eher bescheidenen Gebäuden. Es trägt die Nummer 11 und gehört den Brüder Alfred (Jahrgang 1935) und Rolf (Jahrgang 1937) Merkelbach.

Die beiden machen ihr Ding und das weitgehend alleine. Gut, einen von zwei Hektar haben sie an den Kollegen Johannes Schmitz abgegeben. Und beim Schneiden und Binden der Reben hilft Karl Erbes mit, ein anderer Hüter der Würzgarten-Tradition, der kaum jünger als die Merkelbachs ist. Doch den Rest erledigen die beiden Junggesellen noch immer selbst. Teils unter Verwendung ihres Traktors der Marke Fendt, der mit dem Baujahr 1963 auch kein ganz junger Hüpfer mehr ist.

Das Inneren des Hauses wirkt so, als wäre Adenauer soeben zurückgetreten. Dass ihnen beiden die Frau fürs Leben nie begegnet ist, darüber trösten sich die Merkelbachs mit einem flotten Spruch hinweg: Liebe vergeht, Hektar besteht. Wer hätte uns denn heiraten sollen? Wir hatten doch nichts.

Auf den Etiketten ihrer Flaschen steht: Gebrüder Albertz Erben. Albertz war ein aus Heerlen in den grenznahen Niederlanden an die Mosel übersiedelter Apothekersohn, der das Weingut gründete. Irgendein Merkelbach heiratete eine Albertz-Tochter. Der alte Name blieb.

Eine Verkostung bei den Merkels dokumentiert, dass Alfred und Rolf mit neumodischen Trends nichts am Hut haben. Die Weine, überwiegend süße Spät- und Auslesen, kommen ungekühlt auf den Tisch und werden in alte Treveris-Gläser aus der Wirtschaftswunderzeit eingeschenkt. In der Probierstube, die gleichzeitig als Wohnzimmer der Senioren dient, hängt in dunkles Holz geschnitzt der alte Spruch „Im Wein ist Wahrheit“ über der Tür. Nur der Flachbild-Fernseher in einer Ecke des Zimmers kündet davon, dass die Jetztzeit hier doch ein bisschen eingezogen ist. Weiteres Zugeständnis ist ein Auto aus Wolfsburger Produktion, mit dem Rolf und Alfred zum Arzt oder zum Einkaufen fahren.

Im breitesten Moselfränkisch und auch sonst von keinem Kalkül gehemmt packt Alfred Merkelbach noch vor den ersten Geschichten die Geschichte auf den Tisch. Da kommt ein Kellerbuch von 1867 zum Vorschein, jenem Jahr, in dem der Urgroßvater das aus Schiefersteinen errichtete Haus in der Brunnenstraße erwarb. Und auch gleich noch der Kaufvertrag für das stattliche Anwesen.

Im Laufe der Jahrzehnte ist aus den zwei Brüdern eine symbiotische Gemeinschaft geworden. Selbst drücken sie das viel einfacher aus: Wir machen alles zusammen. Nur zur Lese rücken vier Polen an. Ansonsten läuft alles in Eigenregie. Dabei ging es lange nicht nur um Wein: Bis 1965 hatten wir noch Kühe und Schweine. Als der Vater 1951 einen Herzinfarkt erlitt und fortan arbeitsunfähig war, gingen die Merkelbachs aufs Gymnasium in Bernkastel. Sie mussten die Schulbank Knall auf Fall verlassen, um ab dann zusammen mit der Mutter den Betrieb zu schultern.

Weitere grobe Einschnitte im Leben der Merkelbachs gab es nicht. Von der Aufgabe der gemischten Landwirtschaft sowie dem Tod von Vater (1965) und Mutter (1989) einmal abgesehen. Höchstens 1975 nochmal. Damals wurde der Keller an den Ortsrand Richtung Kinheim ausgelagert. Hier fand auch der betagte Traktor ein Obdach. Und hier stehen Etikettiermaschine und andere Geräte, die das Handwerk der Winzer erleichtern. Gegenüber beginnt der Wingert der Merkelbachs. Alles noch Einzelpfahl-Erziehung. Old school wie vieles andere bei den Merkelbachs.

Die Brüder füllen im Jahr durchschnittlich 12.000 Flaschen ab. Absatzprobleme? Die kennen die Merkelbachs eigentlich nicht. Alfred: 85 Prozent gehen in die USA. Seit etlichen Jahren haben die Ürziger mit Terry Theise einen festen Importeur. Der Rieslingfanatiker und Wein-Autor aus New York legt größten Wert auf Authentizität und schaut sich ganz genau an, wer die Weine macht. In dessen Schriften finden sich wunderbare Verrücktheiten, aber auch Grundsätzliches: Die Seele eines Weins ist wichtiger als alles andere, sie spiegelt die Dreieinigkeit von Produzent, Boden und Handwerk. Da haben die Merkelbachs einen gefunden, der sie versteht.

Seit kurzer Zeit öffnet sich noch ein weiteres Fenster in die Welt. Eine Webseite nebst Internet-Shop, die „ein junger Mann aus Kröv“ betreut. Die Merkelbachs nehmen es hin als Teil der Moderne, der sich nun mal nicht verhindern lässt.

Um die Art des Weinmachens macht das Duo auch nicht mehr Worte: Wir machen alles so wie immer. Der Wein aus jeder Parzelle kommt in ein separates Fuder, ein großes Holzfass mit dem Fassungsvermögen von 960 Litern, und wird separat ausgebaut. Überwiegend süß, seit ein paar Jahren aber auch trocken. Auch so eine Konzession an den Zeitgeist.

Sorgen um die Zukunft? Die macht sich weder der verschmitzte Rolf noch sein stillerer Bruder Alfred: Es klappt noch ganz gut. Es ist genug Interesse da. Die Merkelbachs trägt ein Wesenszug weiter, der im Gespräch immer wieder auffällt, ihre Bauernschläue. Die blitzt zum Beispiel durch, wenn sich Rolf und Alfred an die Finanzierung ihres Keller-Neubaus neben dem Hotel Würzgarten erinnern: Den Neuvertrag mit der Bausparkasse damals, den haben wir uns mit Wein erkauft.

 

Datum: 9.6.2020
 

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