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„Der Keller ist Männer-Domäne“

Sie macht Winzerinnen.
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Winzerinnen-Grande-Dame Stefanie Weegmüller-Scherr findet, man soll unterscheiden zwischen denen, die wirklich Wein machen und jenen, die nur auf PR-Fotos lächeln.
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Wer an das Schiff schreibt, dem schreibt das Schiff zurück – alte Seemannsweisheit! Winzerin Stefanie Weegmüller-Scherr aus der Pfalz schrieb dem Captain. Und der antwortete. Was dabei herauskam, ist ein Interview über Frauen im Winzerberuf.

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Wer an das Schiff schreibt, dem schreibt das Schiff zurück – alte Seemannsweisheit! Winzerin Stefanie Weegmüller-Scherr aus der Pfalz schrieb dem Captain. Und der antwortete. Was dabei herauskam, ist ein Interview über Frauen im Winzerberuf.

Der Captain: Sie waren vor über 30 Jahren die erste Frau, die in einem deutschen Weinkeller die volle Verantwortung übernahm. Wie kam es dazu? Nach der Ausbildung bin ich nach Hause in den elterlichen Betrieb gegangen. 1984 musste dann der damalige Kellermeister aus gesundheitlichen Gründen ausscheiden, daher entschied ich mich die Verantwortung für die damalige Ernte von 60.000 Litern zu übernehmen. Das war eine gewaltige Herausforderung, denn während meiner Lehre im Weingut Bassermann-Jordan zwischen 1977 und 1979 hatte man dort im Keller nicht die Ausbildung wie heute. Auch in der Weinbauschule Weinsberg, wo ich 1980 bis 1982 war, blieb der Keller eher Theorie. Damals haben wir zugeguckt, wie ein Fass voll wird. Heute werden die jungen Frauen voll ins Geschehen einbezogen – abziehen, pumpen und so weiter. Ich glaube, in der deutschen Winzerausbildung ist die Gleichbehandlung bereits Realität.

Warum gab es damals und gibt es heute immer noch so wenige Winzerinnen? Ich denke, das Zahlenverhältnis ist gar nicht so schlecht, wie es scheint. Ich war damals alleine unter 28 Jungs. Inzwischen kommen wir Frauen sicher auf 25% bis 30 %. Es ist halt nicht der typische Frauenberuf.

War Ihr Einstieg als Winzerin von keinen Schwierigkeiten begleitet…? Es gab nicht unbedingt große Probleme. Viele trauten mir am Anfang einfach nicht zu, dass ich unsere Weine selbst vinifiziert habe. Das berühmte Weingut Müller-Catoir liegt in unserer Nachbarschaft. Mit dem ehemaligen Kellermeister Hans Günter Schwarz verbindet mich eine jahrzehntealte Freundschaft. Da sagten viele hinter vorgehaltener Hand, der hätte mir wohl unter die Arme gegriffen, obwohl das gar nicht stimmte. Erst nachdem diverse Prämierungsergebnisse kamen, wurde ich anerkannt.

Sie sagen, man soll unterscheiden zwischen Winzerinnen, die nur fürs Foto die Führungsrolle innehaben und solchen, die echte Weinmacherinnen sind. Warum sind Sie so streng. Sind die PR-Winzerinnen nicht auch ein guter Anfang? Das Thema Weinfrauen-Frauenweine begleitet mich schon die letzten Jahre. Nein, ich unterscheide nicht streng, wer als Frau einen Betrieb führt und wer für die Weine zuständig ist. Mich ärgert es aber dann doch, wenn mit dem Frauenthema geworben wird und oftmals die richtigen Schaffer hintenan stehen. Der Keller ist eine Männerdomäne, immer noch. Auch wenn die heutigen Jungs die Mädels Gott sei Dank respektieren.

Sie haben im Laufe der Jahre rund 50 Nachwuchskräfte im Winzerberuf ausgebildet. Die Hälfte davon waren Frauen. Gehen Frauen an die Aufgaben des Weinmachens anders ran und wenn ja – wie? Wenn ein Mädchen diesen Beruf ergreift, dann sag ich ihr: du musst 150 % leisten, um nach vorne zu kommen. Aber die Mädels wissen, worauf sie sich einlassen und beißen sich durch. Man darf nicht vergessen, dieser Beruf findet ja nicht nur im Keller statt, auch die Weinberge gehören dazu und überall ist schwere körperliche Arbeit dabei. Ob Frauen generell anders Wein machen als Männer, kann ich nicht sagen. Wenn ich über mich spreche, dann eindeutig JA! Ich entscheide öfter aus dem Bauch heraus. Zum Beispiel vor 10 Jahren bei der Frage, ob wir auf die Sorte Scheurebe setzen oder uns dem Sauvignon Blanc-Trend anschließen. Damals habe ich gesagt „ich pfeif´ auf den Sauvignon Blanc“ und habe recht behalten, obwohl mich alle ausgelacht haben. Den gibt´s jetzt überall aber meine Scheurebe-Weine werden mir aus den Händen gerissen.

Ihre Hauptrebsorte ist Riesling. Aber auch Grünen Veltliner (der 2012 bei einer Vergleichsprobe in Wien den 1. Platz belegte) pflanzen Sie an und sie exportieren Wein in die ganze Welt. Wenn Sie heute auf Ihre Karriere zurückblicken – was würden Sie anders machen, wenn Sie nochmal von vorne anfingen? Ich würde nichts anders machen. Ich liebe meinen Beruf, heute wie damals. Und ich gebe meine Erfahrung gerne den jungen Menschen mit. Genauso wie die anderen Ausbilder. Das ist in meinen Augen das Geheimnis, warum wir in der Pfalz inzwischen tolle junge Winzer und Winzerinnen haben.

Ist was dran am Gerücht, dass Winzerinnen-Weine anders schmecken als die von Männern? Das ist vollkommener Quatsch. Es gab einmal eine Verkostung, bei der man genau das aufzeigen wollte – den Unterschied, ob ein Mädel oder ein Bub den Wein gemacht hat. Aber da war nichts rauszufinden.

Zum Schluss bitten wir Sie noch um Ihre ganz persönlichen Winzerinnen-Empfehlungen… Ja, da fallen mir schon einige ein, die ich ausgebildet habe und mit denen ich immer noch in Kontakt bin: Yvonne Lucas vom Weingut Margarethenhof in der Pfalz, Meike und Dörte Näkel vom Weingut Meyer-Näkel an der Ahr, Luise Freifrau von Racknitz-Adams vom Weingut von Racknitz an der Nahe, Esther Bangerth vom Weingut Bangerth-Rinck, Anette Closheim, Dorothee und Karoline Gaul, Nicole Graeber, Christina Hengerer-Müller vom Weingut Drautz-Hengerer, Ulrike Lenhardt vom Weingut Göring, Katharina Wechsler, Josephin Cramer von der Azienda Agricola Candialle im Weinbaugebiet Chianti, Irene Grünefelder vom Weingut Eichholz in Graubünden/ Schweiz und Annatina Pelizzatti ebenfalls in Graubünden.

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Datum: 19.9.2019 (Update 20.9.2019)
 

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