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Madiran: ehrlicher als Bordeaux?

Vielleicht mächtigster Weinberater der Welt: Michel Rolland
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Der Captain trinkt eine dunkle Würzbombe aus dem Südwesten Frankreichs, die viel von der legendären Rebsorte Tannat enthält. So viel erdige Klarheit tut gut.
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Heute serviert dir dein Captain Rotwein aus dem Madiran, einer Weinregion im Südwesten Frankreichs, die südlich von Bordeaux gelegen ist, von wo man auf die Kollegen herabblickt wie auf bucklige Verwandte. Dieser Ruf hat allerdings auch seinen Vorteil: Weine aus solchen Gegenden werden nie richtig teuer.

Bevor ich aber zum aufregend-würzigen Madiran Cuvée Vieux Ceps von Château Barreat komme (der zu 80% aus der mythischen Rebsorte Tannat besteht), gibt es heißen Klatsch aus der bel étage der Weinwelt: Aufruhr im Bordelais!

Dort wurde jetzt nämlich ein Cannabis-Wein präsentiert. Jawohl, Rotwein, der einen sehr kleinen (und gerade noch legalen) Anteil der Haschisch-Pflanze enthält.

Cannabis oder Cannabidiol ist je gerade sehr hip und wird als Lifestyle-Substanz gehandelt. CBD gibt es in Badeöl, Kosmetika, Hautcremes und Pflegeprodukten für Hunde. Ein gigantischer Markt ist da entstanden und er wächst beängstigend schnell weiter. Das zieht natürlich auch die Glücksritter der Weinwirtschaft an.

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Das neue Produkt heißt „Burdi W“ und ist ein aromatisiertes Getränk auf Weinbasis. Angeblich steckt ein größeres Unternehmen aus Bordeaux dahinter, das aber aus dem Verborgenen agieren möchte und sich Anonymität ausbedungen hat. Auf jeden Fall gibt es reichlich Marketing-Kohle, denn der wahrscheinlich teuerste Weinberater der Welt hat sich dazu überreden lassen, in einem Video (kucke unten) die Vorzüge der Cannabis-Kreation zu loben: Michel Rolland.

Wer ist Michel Rolland? Der Winzersohn (Jahrgang 1947) ist inzwischen so erfolgreich, dass er mehrere Weingüter in seiner Heimatregion Bordeaux besitzt, aber auch weltweit Beteiligungen an florierenden Betrieben hält. Schon zu Beginn seiner sagenhaften Karriere beriet er berühmte Châteaux wie Tropolong Mondot und Angélus.

Rolland hat natürlich nicht nur Bewunderer. In den Augen seiner Kritiker steht Rolland für die Globalisierung des Weingeschmacks. Die von ihm betreuten Weine schmecken alle ähnlich, heißt es. Und sie sollen den Geschmacksvorlieben eines engen Freundes entgegenkommen. Dieser Freund ist (bzw. war) der mächtigste Weinritiker der Welt. Muss ich erwähnen, wie der heißt? Na gut: Robert Parker.

Winzer, die mit Rolland arbeiteten, singen ein Loblied auf den Weinzauberer und rühmen sein Cuvéetier-Talent,das auch der berühmte Weinkritiker James Suckling („Wine Spectator“) bestätigt. Suckling gesteht Rolland außerdem zu, dass er stets bestrebt sei, einem Weingut seine individuelle Note zu belassen.

Auf Wikipedia existiert eine Liste aller Weingüter, die unter dem Einfluss Rollands stehen – sei es durch seine Rolle als Eigentümer, Helikopter-Kellermeister oder Berater. Die schiere Länge dieser Liste (ganz abgesehen von den Namen, die darin stehen), sagt eigentlich schon alles. Als der Captain die Namen durchging, dämmerte ihm, wie viel Weine er schon im Mund hatte, die von diesem Mann mitgestaltet wurden.

Und was hat das mit meinem Madiran-Wein zu tun? Beruhigenderweise NICHTS. Das rustikale Weingut Château Barrejat baut nicht auf klingende Namen. Die Socialmedia-Präsenz ist dermaßen armselig, dass man fast Mitleid empfindet. Das verfliegt jedoch schnell, wenn man diesen Abendwein probiert. Ein würziger Brummer aus Trauben uralter Rebstöcke, der mitten im eisigen Winter wie gerufen kommt und wie ein funkenversprühendes Kaminfeuer auf die Seele wirkt: Vieux Ceps heißt „alte Reben“ und das heißt in diesem Fall, dass die Stöcke 80 bis 200 Jahre alt sind, behauptet das Weingut. Tiefdunkler Wein aus 80% Tannat und den beiden Sorten Cabernet Franc und Cabernet Sauvignon. Alles reifte in neuen Barriques. Im Glas ganz dunkles Rubinrot, das von innen leuchtet. In der Nase konzentrierte und klare Kirschnoten, geröstete Haselnuss. Im Mund leicht adstringierend (so nennt man das, wenn sich die Schleimhäute leicht zusammenziehen) und nach Hustentropfen, dann Kakaopulver. Ich schmecke Blutorange, Heidelbeeren, kandierte Kirsche, Thai-Basilikum, Sojasoße, bengalischen Pfeffer mit erdigen Noten und spüre fleischige Struktur, die mich automatisch kauen lässt. Herrlich! Ein handfester Brummer mit irre würzigem Kern und saftig-weichem Mantel.

Tannat ist eine rote Rebsorte, deren Ursprung im Baskenland liegt, an der Grenze zwischen Frankreich und Spanien. Obwohl Tannat hier in den Bergen immer noch verwendet wird, ist die Anbauregion Madiran berühmt für diese außergewöhnliche Traube. Einige Puristen behaupten, dass Uruguay den „wahren“ Tannat hat, da der Stil dort mehr jenem alten Madiran aus der Zeit vor der gefräßigen Reblaus entspricht. Der farbintensive Tannat ist im Vergleich zu anderen roten Sorten sehr tanninreich und enthält deutlich mehr Resveratrol, das vorbeugend gegen Herzerkrankungen wirkt. Deshalb Tannat-Weine als „gesund“ zu bezeichnen ist jedoch Unsinn.

Klassischer Tannat zeichnet sich durch feste Tanninstruktur, seine dunkle Farbe, hohen Alkohol und gute Lagerfähigkeit aus. Das Aromaprofil ist leicht teerig und duftet nach eingekochten roten Beeren. Moderne Tannat-Klone weichen davon ab und bedienen eher die Geschmacksvorlieben des Publikums, das molligen Merlot und würzig-saftigen Syrah bevorzugt.

 

Datum: 12.2.2021
 

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