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Krieg & Frieden im Glas

Den Spruch mag ich.
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Die Geschichte dieses unkomplizierten, frischen und köstlichen Landweins aus Südfrankreich könnte Stoff für eine große TV-Serie sein.
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Legt euch vielleicht ein oder zwei Taschentücher bereit, bevor ihr diesen Artikel lest. Denn er ist wirklich rührend.

Die Geschichte des Weißweins Tariquet Classic beginnt im Jahr 1912 in New York. Dort lebt Jean Pierre Artaud, ein junger Mann, der in einer angesagten Bar der Stadt Cocktails mixt. Er ist verheiratet mit der hübschen Pauline. Die Vorfahren der beiden stammen aus der gleichen Gegend in Frankreich: Ariège. Das liegt am Fuße der Pyrenäen an der Grenze zu Spanien und Andorra.

Eines Tages bekommt Jean Pierre eine Nachricht seines Vaters, der irgendwann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in die USA gekommen war und nach Jahrzehnten voller Heimweh wieder zurückgekehrt ist: „Sohn, lass uns daheim in Frankreich ein Weingut kaufen!“

Der alte Artaud ist auf seine späten Tage etwas rührselig geworden und hat Sehnsucht nach Ariège, seiner alten Heimat. Er findet nicht weit davon entfernt im Department Gers ein Anwesen, in das er sich sofort verliebt: Château Tariquet.

Aber er hat nicht genug Geld. Also wendet er sich an seinen Sohn und gemeinsam erwerben die beiden den alten Kasten. Jean Pierre bleibt aber lieber in New York.

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Zwei Jahre später reist Jean Pierre nach Frankreich, um im Ersten Weltkrieg für sein Vaterland zu kämpfen. Blöde Entscheidung.

Er wird durch ein Bajonett schwer verwundet, verliert viel Blut und Teile seiner Erinnerung. Als Amnesiepatient bleibt er bis 1922 in französischen Krankenhäusern.

Währenddessen in New York: Pauline pilgert Woche für Woche zum Hafen, sie verpasst kein Schiff, das aus Le Havre einläuft. Aber nirgends ist ihr geliebter Jean Pierre. Jahrelang.

Als sie ihm eines Tages dann doch gegenübersteht, erkennt sie ihn fast nicht wieder. So sehr haben Krieg und Verwundung ihren Mann verändert.

Das hektische und laute New York ist nichts mehr für Jean Pierre. Bald verlässt das Ehepaar die Staaten und geht nach Frankreich. Dort bauen sie gemeinsam mit dem alten Artaud die Weinberge ihres Châteaus wieder auf.

Die Landluft tut Jean Pierre offenbar gut. Schon bald kommt seine Tochter Hélène auf die Welt.

Viele Jahre später tobt in Europa der Zweite Weltkrieg. Und auf den Straßen des Örtchens Éauze, wo Tariquet liegt, begegnen sich die zu einer hübschen jungen Dame herangewachsene Hélène und der wilde Widerstandskämpfer Pierre Grassa.

Wie die Geschichte weitergeht, ist rasch erzählt: Verliebt, verlobt, verheiratet. Kinder kommen zur Welt, die beiden übernehmen das Weingut.

Schneuz! Ich komme jetzt besser mal zum Wein.

Eigentlich ist das Anbaugebiet Côtes de Gascogne nicht für Wein bekannt, sondern für Armagnac. Das ist ein Weinbrand und die älteste Spirituose Frankreichs. Auch Hélène und Pierre Grassa stellten ihn her und das recht erfolgreich. Aber ihr Sohn Yves hat Weinbau in Kalifornien, Australien und Südafrika studiert und zu Beginn der 1980er-Jahre andere Pläne.

Gegen den Rat seines Vaters fängt er damit an, frische, leicht zu trinkende Weißweine zu keltern. Und das Ding läuft.

Inzwischen arbeitet schon die nächste Generation im Betrieb. Heute ist Tariquet das größte französische Weingut in Familienbesitz. Auf mehr als 950 Hektar wachsen Reben, mehr als acht Millionen Flaschen (!) füllen die Grassas jedes Jahr ab.

Eine davon steht nun vor mir auf dem Tisch – der weiße Tariquet Classic. Dieser Wein ist eine Mischung aus den typischen Armagnac-Rebsorten Ugni blanc (45%) und Colombard (35%) mit Trauben von Sauvignon Blanc (10%) und Gros Manseng (10%).

Die Farbe des Weins ist ein helles Zitronengelb. In der Nase kitzeln mich zunächst Noten von frisch geriebener Zitronenschale und aufgeschnittenem Weinbergspfirsich. Nach einer Weile gesellt sich der Duft einer gestückelten, fleischigen Ananas hinzu. Sehr frisch, sehr animierend, das macht Lust auf den ersten Schluck.

Im Mund plätschert der Tropfen vergnügt meine Zunge hinunter. Der erste Gedanke, der mir kommt: Zitronenlimonade! Aber keine billige aus dem Supermarktregal sondern eine selbst gepresste und sehr gute. Zu der kommt dann frische Ananas und dezente Noten von saftigem Pfirsich. Die prägnante Säure und seine leicht salzige Note geben jedem Schluck eine schöne Struktur. Das ist ein Weißwein, der viel mehr kann als sein geringer Preis vermuten lässt.

Das ist kein großer Wein – das will er auch gar nicht sein. Der macht einfach enormen Spaß und kostet fast nichts – was für einen so fein komponierten Wein keine Selbstverständlichkeit ist. Die gerade mal 11 Volumenprozent Alkohol sorgen dafür, dass man diese Gaudi auch nicht allzu rasch bereut.

Zum Essen schlage ich einen Meeresfrüchtesalat vor. Oder eine Käseplatte.

 


Datum: 6.6.2018
 

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