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Klima: Es gibt kein Entrinnen

Winzerin Marina Marcarino.
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Ob an der Ahr oder im Barolo-Land Langhe - auch in der Weinwelt entkommt man dam Klimawandel nicht. Das kapiert leider nicht jeder.
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Am Dienstag vertschüsste sich der Captain (ganz goethemäßig) nach Italien, um dem Drama daheim zu entfliehen. Genauer gesagt: in die Langhe. Traumhafte Landschaften, idyllische Städtchen auf hochaufragenden Hügeln, die von Rebpflanzungen umgeben sind.

Gemeinsam mit einer Handvoll Weinkritiker aus ganz Europa probiert der Captain bis zum Freitag 400 Weine aus den aktuellen Jahrgängen, bevor diese in den Verkauf gehen. Er ist nicht zum ersten Mal in dieser hochkarätigen Anbauregion, die monumentale Weine hervorbringt: Barolo, Barbaresco, aber auch viele leichter zugängliche Getränke, die nicht so viel kosten.

Langhe Nebbiolo: Barolo für Arme?

Die Idee hinter dieser Reise war: Hier ist die Welt noch in Ordnung. DAS WAR EIN IRRTUM! Beim abendlichen Treffen mit Bio-Winzerin Marina Marcarino, die Chefin des feinen Winzerverbands Consorzio di Tutela Barolo Barbaresco Alba Langhe e Dogliani, wurde klar: Man kann vor dem Klimawandel und seinen Folgen nicht fliehen. Marina erzählte gestern: Letzte Woche hatten wir den härtesten Hagelsturm der letzten 25 Jahre. Die Ernte ganzer Weinberge ging verloren. Teilweise lagen die Eisbrocken 15cm hoch auf dem Boden. Etliche Weingüter wurden vom Schmelzwasser geflutet. In den Kellern schwammen die Fässer.

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Hagel im Juli ist schlimm, denn die Wachstumsphase der Pflanzen ist weitgehend beendet, die Selbstheilungskräfte der Stöcke sind nur noch gering. Die Schäden können so stark sein, dass 5 bis 6 künftige Jahrgänge verloren sind. Manchmal bleibt nur noch die komplette Neubepflanzung. Marina: Wir gehen definitiv durch einen Klimawandel, aber das wird in der Weinwelt weitgehend ignoriert.

Stichwort Ahrtal. Wie die aktuelle Situation vor Ort ist, beschreibt Weinkritiker Michael Schmidt weiter unten. Michael lebt in Ahrweiler und schrieb vor ein paar Tagen diesen Bericht.

Seitdem ist eine berührende Welle der Hilfsbereitschaft über die Region geschwappt (blödes Bild) und lässt im Elend Hoffnung wachsen. Was besonders trostvoll wirkt, ist die enorme Energie, die aus der deutschen Winzerschaft kommt, um den Kollegen im verwüsteten Tal zu helfen.

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Dabei erweist sich Instagram als wichtigstes Kommunikationsmittel, um für Unterstützung und Spenden zu werben. Wer hätte gedacht, dass dieser manchmal sehr platte Heile-Welt-Kanal eines Tages für etwas richtig Nützliches brauchbar ist? Les, was Michael aus dem Ahrtal zu berichten hat:

„Die Bilder der Zerstörung werden immer eindringlicher, der Einsatz der Helfer immer unermüdlicher. Gestern fuhr ich in Heimersheim zufällig an dem Ort vorbei, wo der ganze Schutt vorübergehend abgelagert wird. Es ist ein riesiger Berg, in dem die vernichteten Habseligkeiten der Bewohner sich mit dem Asphalt zerstörter Straßen und angespültem Schlamm und Dreck vermischen. Apropos Dreck: Auch Waschen oder gar Duschen geht für die meisten nicht. Die Wasserversorgung ist genauso zusammengebrochen wie die Gasversorgung. Es ist schwer, Dankbarkeit für die Natur zu empfinden, aber im Winter wäre alles noch viel schlimmer geworden. Jedoch die Helfer sind da. So viele junge Leute aus anderen Regionen, die von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang schippen, putzen, graben. Sie helfen den Einwohnern, darunter viele ältere Leute, die nicht die Kraft haben. Es mag keinen Strom, kein Gas, kein Wasser geben, aber das Netzwerk der Kommunikation brummt, und mit einem Anruf aus München wurden meiner Frau und mir drei junge Männer aus Würzburg vermittelt, denen wir ein Nachtlager gewähren können. Als wir heute am Morgen in das Zimmer schauten, hatten sie sogar ihre Betten gemacht. Dabei waren sie erst um 23 Uhr auf Umwegen über Dernau bei uns angekommen. Wir sind nicht nur dankbar, wir sind stolz auf unsere Jugend. Im Übrigen ist auch die Lebensmittelversorgung noch unterbrochen. Kein Fisch, kein Fleisch in Ahrweiler. Die noch aufhaben, verkaufen das, was sie im Lager finden, soweit sie verschont wurden. Alle Bäckereien waren gestern noch zu. Glücklicherweise kommt man aus Ahrweiler auf die Autobahn, sodass wir uns gestern in Bonn mit Lebensmitteln versorgen konnten. Das können die Menschen aus Altenahr nicht, um nur einen Ort zu nennen. Die Hubschrauber machen, was sie können. Heute wurde am Bahnhof in Ahrweiler eine Corona-Impfstation eingerichtet. Mit dem engen Zusammenarbeiten von so vielen Menschen steigt auch wieder das Infektionsrisiko. Aber wir Einwohner und unsere Helfer werden es nie akzeptieren, dass dies ein aussichtsloser Kampf ist.“

Michael konnte Jancis Robinson dazu bewegen, einen → weltweiten Spendenaufruf zu starten. Für deutsche Leser haben Michael und Ahrwinzer Marc Adeneuer, dessen Weingut zerstört ist, ein eigenes Spendenkonto eingerichtet, auf das du einzahlen kannst. Die Spenden sollen rasch und unbürokratisch unter Winzern des Tals verteilt werden. Volle Transparenz ist zugesichert. Details folgen in Kürze, verspricht Michael:

Ahr – A wineregion needs H elp for R ebuilding e.V.
IBAN: DE94 5775 1310 0000 3395 07
BIC: MALADE51AHR
KSK AHRWEILER

Auf seinem Flug gen Süden überquerte der Captain Südtirol und konnte sogar runter nach Bozen blicken, woher mein Abendwein von heute kommt. Sinnigerweise von einem Biodynamik-Winzer, der als einer der Ersten begriff, dass die intensive Landwirtschaft (inklusive Weinbau) ein Irrweg ist. 1979 gründete die alteingesessene Schokoladen-Dynastie unter Rainer Loacker (gelernter Apotheker) oberhalb von Bozen ein Weingut. Inzwischen sind es drei an der Zahl – eines in Südtirol und zwei in der Toskana.

Bio-Weinbau wurde Ende der 1970er-Jahre genauso misstrauisch beäugt wie die kommunistische Partei. Entsprechend massiv waren die Widerstände. Doch das ist Schnee von gestern. Loacker zählt zu den Leitbetrieben Südtirols und seine Produkte sind begehrt.

Der Gran Lareyn Lagrein Riserva von Loacker ist ein Meisterwerk der Rotweinkunst und dafür gar nicht mal arg teuer: Monumentaler Biodynamik-Wein von 24-55 Jahre alten Stöcken. Handgelesenen, im Barrique spontanvergoren und ebendort 12 Monate gereift (in 50% neuen und 50% gebrauchten Fässern), dann für weitere 12 Monate ins 500-Liter-Tonneau umgefüllt und schließlich noch für 6 Monate in den Stahltank gelegt. Was für ein Aufwand. Im Glas tintiges Purpurrot. In der Nase würzige Beerennoten, teerig und nach Eukalyptus. Dann Tiroler Räucherspeck und Lakritze. Im Mund enorm konzentriert und dunkelkräutrig, dabei frisch und von bitter-weichen Gerbnoten geprägt. Ich spüre viel dunkelrassige Säure und schmecke Brombeere, Holunderbeere und im Saft den gnadenlosen Schliff eines Keramikmessers. Keine Spur von versöhnlichem Extraktzucker, sondern nur ein kaltes, tiefes, dunkles Loch aus Wein. Das ist druckvoller Rotwein für Fortgeschrittene. Aufregend und schön.

 

Datum: 25.7.2021
 

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