X
Newsletter
X
X
Login
Passwort vergessen?


Konto erstellen

Johannes Deppisch: der seltene Franke

Weinmacher Johannes Deppisch
Kommentare
Ähnliche Weine
Ähnliche Artikel
Der Captain trank köstlichen Weißwein aus der seltenen Sorte Ehrenfelser. Schon mal gehört? Der Captain auch nicht.
Anzeige

Erst vor wenigen Tagen saß der Captain in einer anstrengenden Weinfortbildung mit Blindproben aus Franken. Es ging um den Einfluss geologischer Gegebenheiten auf den Weinstil und wie die Winzer damit umgehen. Und siehe da – schon darf der Captain sein eben eingesammeltes Wissen im praktischen Leben anwenden. Mit einer fränkischen Weinrarität, die schon nach einem Schluck Abendwein-Weihen verpasst bekam, weil sie so grandios schmeckt. Es ist der gelbfruchtig-konzentrierte Erlenbacher Krähenschnabel Ehrenfelser Kabinett vom Weinhaus am Main des Winzers Johannes Deppisch in Marktheidenfeld, Franken.

Vor etwa 240 Millionen Jahren bedeckte das Triasmeer Mainfranken, bis das Wasser durch das Maintal abfloss. 60 Millionen Jahre lang lagerte das Meer drei Schichten ab, die den Hauptnährboden des Frankenweins bilden: Buntsandstein (Westen), Muschelkalk (Mitte) und Keuper (Osten), die mineralstoffhaltige Weine mit würzigem Geschmack hervorbringen. Weil es in Folge mächtiger Plattenbewegungen zu Brüchen kam, treten diese drei Gesteinsarten an unterschiedlichen Stellen nach oben und prägen lokale Weinstile, die teilweise von Dorf zu Dorf verschieden sind.

Wer sich für Frankenwein interessiert, sollte bei jeder Flasche nach dem Boden fragen, in dem die Rebstöcke wurzeln. So sammelt man Weinwissen und hat mehr Spaß beim Trinken. Für Besserwisser: Ja, im Nordwesten Frankens gibt es auch Schieferböden.

Newsletter schon abonniert?

Weiterlesen geht nur mit News­letter-Abo. Hier abonnieren:

Schon angemeldet? Dann hier bitte E-Mail-Adresse eingeben:

Weiterlesen
Bitte akzeptieren Sie unsere Cookies, um Ihre E-Mail-Adresse zu speichern und nicht bei jedem Seitenaufruf erneut eingeben zu müssen!

Was für ein bescheuerter Name, dachte sich der Captain, als er Erlenbacher Krähenschnabel Ehrenfelser Kabinett las und dachte (wie so oft) an Loriots Oberföhringer Vogelspinne, das Hupfheimer Jungferngärtchen und den Klöbener Krötenpfuhl. Dann sprach er mit Deppisch (Bild ganz oben) und lernte: Ehrenfelser ist eine Rebsorte, gezüchtet 1929 von Prof. Dr. Heinrich Birk, Leiter des Instituts für Rebenzüchtung der hessischen Forschungsanstalt Geisenheim.

Der Captain recherchierte und fand diese Zusammenfassung über Ehrenfelser das: Der grünlichgelbe Wein hat ein feinduftiges, traubiges Bouquet (Apfel, Grapefruit, Pfirsich, Aprikose). Er ähnelt dem Riesling und ist gut für Prädikatsweine geeignet. Die Säure ist ausgewogen, die Weine entwickeln sich rasch.Warum wurde nichts aus dieser Sorte?

Es gibt keine zuverlässige Angabe über die Verbreitung in Deutschland, die irgendwo zwischen 100 und 200 Hektar beträgt. Auch in Berlin stehen angeblich 100 Stöcke Ehrenfelser im Rheingau-Viertel am Rüdesheimer Platz. Muss der Captain mal prüfen. Johannes Deppisch kennt keinen anderen Winzer, der daraus Wein macht. Wetten, dass sich einige melden, wenn dieser Artikel raus ist?

Etwa 1.000 Flaschen füllt Deppisch pro Jahr. Die angebaute Fläche misst 0,4 Hektar und besteht aus sonnenspeicherndem Muschelkalk-Boden, der – wie der Captain nun weiß – feinfruchtige, balancierte und kräftige Weine hervorbringen kann, wenn der Winzer sein Handwerk versteht.

Obwohl Ehrenfelser als sog. Neuzüchtung gilt, sind die Deppisch-Stöcke schon uralt: 48 Jahre! Zum Beweis schickte mir der Winzer ein Foto (siehe oben) und sagte: Das sind richtig dicke Knochen, aus denen ganz tolle Trauben wachsen. Es ist mein Lieblingsweinberg.

Man sieht Deppisch förmlich strahlen, wenn er am Telefon über seinen Ehrenfelser spricht. 2003 am Heiligabend um 5 Uhr in der Früh holten Deppisch und seine Helfer bei minus 11 Grad Ehrenfelser-Eisweintrauben nach Hause. Der fertige Wein gewann alle Preise, die es dafür gibt. In London, New York, Bordeaux.

Zurück zum trockenen Ehrenfelser von Deppisch: Im Glas satt leuchtendes Gelb mit grünlichen Reflexen. In der Nase opulent-frischer Schmelz nach Akazienhonig, Mandarinenschale, Limette. Was für interessante Mischung! Ich nehme einen Schluck und bin begeistert: Ölig rutscht ein saftiges Konzentrat aus reifen Noten über die Zunge. Ich schmecke Aprikosenmark, Zitrusschalenabrieb, Orangeade und junge Ananas – Säure und Frucht in feiner Balance. Großartig und wunderbar belebend und das mit braven 11,5% Vol. Alkohol.

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

Ein Beitrag geteilt von Johannes Deppisch (@josecco_man)

Kreuzfahrttouristen, die von Amsterdam nach Budapest auf Flussstraßen Europa durchqueren, landen in Deppischs altem Holzfasskeller und sind ganz hin und weg, wenn sie diesen Wein trinken. Das kannst du jetzt auch. Aber Eile ist geboten. Vom schön angereiften Jahrgang 2019 sind nur noch etwa 150 Flaschen da. Wer zu spät bestellt, kommt beim 2020er zum Zug und sollte die Flasche eine Zeitlang weglegen. In jedem Fall ist dieser Wein ein grandioser Genuss, der sein Geld wert ist.

 

Datum: 4.6.2021