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Solveigs: der Pinot-Prediger

Geisterstunde bei Jens Heinemeyer.
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Jens Heinemeyer macht Sekt in Norwegen, göttlichen Spätburgunder im Rheingau und berät Weinprojekte in der ganzen Welt. Der Captain erklärt den Mann hinter dem Weingut Solveigs.
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Steigt man zu Jens Heinemeyer über eine halsbrecherische Wendeltreppe in seinen Tiefkeller hinab, der unter einem aufgelassenen Weingut liegt, das in ein Bürozentrum umgekrempelt wurde, lässt man alles Gewohnte hinter sich. Kein Handyempfang, absolute Stille und gebirgsklare Luft. Ein paar schwache Glühbirnen tauchen das Gewölbe in mystisches Licht, strategisch platzierte Kerzen verführen zu pastoraler Einkehr. Der Captain denkt an die geheimen Versammlungen der Urchristen Roms, als Heinemeyer vor einer Handvoll Weinbaustudenten zu sprechen beginnt. Es ist die warme Rhetorik eines Menschen mit Mission, dessen Prophezeiungen längst eingetroffen sind. Und zwar in Gestalt umwerfender Rotweine, die hier viele Meter unter der Oberfläche in einer akkurat ausgerichteten Reihe von Barriquefässern der Wandlung von Saft in Lebensfreude entgegendämmern.

Wie Psalme betet Heinemeyer die Versatzstücke moderner Weinbaukommunikation runter: kontrolliertes Nichtstun, Verzicht auf technische Verfahren, keine Schönungsmittel etc. Das kennt man nun zur Genüge, denkt sich der Captain und spaziert weiter durch die Katakomben, inspiziert den sogenannten Kellerteppich (Myriaden von Pilzzellen, die sich als große Geflechte über die Wände spannen und für saubere Luft sorgen) und genießt die Ruhe. Erst später und im direkten Gespräch packt Heinemeyer aus, was er wirklich weiß, und erweist sich auch hier als Priester, der mit den Instrumenten der Weinseelsorge zu hantieren weiß. Die da heißen: Showbiz und hard facts.

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Auf Heinemyer stieß der Captain, als er einen mittelmäßigen, aber trotzdem interessanten Sekt (siehe oben) trank, der die Neugier deshalb weckt, weil seine Herkunft exotisch ist. Es handelte sich um den Waalem Brut des gleichnamigen Weinbauprojekts auf der Nordseeinsel Föhr, den der Captain im Lager eines Versekters entdeckte und sich griff. Heinemeyer, dem (wie jedem Religionsführer) ein guter Geschäftssinn zueigen ist, war Geburtshelfer dieses Getränks, das der Captain im Rahmen eines langen Artikels über den Klimawandel im Wein verwurstete:

Waalem: Milliardärs-Sekt aus Föhr

Dass Heinemeyer auf Föhr eigentlich in Diensten des milliardenschweren Weinliebhabers und schwedischen Pharma-Erben Frederik Paulsen steht (dem unter anderem die österreichische Sektkellerei Schlumberger gehört), verriet er dem Captain nicht. Auf diese Fährte kam ich erst durch ein Interview, das Weinjournalist Rudi Knoll mit Paulsen führte, und war erstmal sauer. Karl Kraus schrieb: Ein Journalist ist einer, der nachher alles vorher gewusst hat.

Heinemeyer begann nach dem Weinbau-Studium mit Barriquefässern zu handeln, die waren damals ganz neu in Deutschland, und später mit Wein. Er lernte schnell: Zunächst achtete ich darauf Leute anzusprechen, die Geld haben. Aber das war falsch. Man muss Menschen finden, die Spaß an Wein und gutem Essen haben. Bei ihnen spielt Geld eine geringere Rolle und sie zahlen gerne höhere Preise.

Eine zeitlang war Heinemeyer an einem Weingut beteiligt, später wollte er totaler Herr im Hause sein und gründete Solveigs, seinen eigenen Betrieb, der so heißt wie die eigene Tochter. 30% der Solveigs-Produktion bleibt in Deutschland. Berlin ist ein wichtiger Markt, weil dort viele Pinot-Noir-Fans sitzen, die von einer neugierigen Gastro-Szene und umtriebigen Kleinst-Händlern inspiriert werden. Mehr als in München, wo man traditionell Italiens Brummern zugewandt ist, und Frankfurt, das als wichtiger Bordeaux-Markt gilt.

Ein Großteil von Heinemeyers Pinots geht jedoch nach Skandinavien. Wie das? Es hat mit Heinemeyers Forscherdrang im Dienste des Weingenusses zu tun. Ein skandinavisches Biotech-Unternehmen für Molkerei-Hefen, das in einem eigens eingerichteten wine department die mikrobilogischen Prozesse der Vergärung untersucht, wollte wissen, wie Heinemeyer die Spontangärung mit wilden Hefen domptiert, ohne dass die Weinwerdung außer Kontrolle gerät. Heinemeyer verbringt seither viel Zeit im Norden, hält Kontakt zur Weinszene und berät die vom Klimawandel wachgeküsste Winzerschaft. In einem Fjord bei Drammen (50 Kilometer von Oslo entfernt) steht sogar eine Rebpflanzung mit Solaris-Trauben für Sekt, dessen Herstellung Heinemeyer betreut. Am liebsten baue ich professionelle Produktionsstrukturen auf und führe die Leute ins Weinmachen ein, bis sie es selbstständig hinbekommen.

Auf insgesamt rund zwei Rheingau-Hektar stehen Heinemeyers eigene Pinot-Rebstöcke in der ehemaligen Großlage „Steil“, zu der die Einzellagen Hinterkirch, Höllenberg und Frankenthal gehören. Im Boden steckt jede Menge Phyllit-Schiefer. Mit chemisch-analytischem Verstand geht Heinemeyer das Weinmachen an, was ihn zu den Ursprüngen zurückführt. Besonderes Augenmerk legt der Weinmacher auf die Pektine, die das Zellgerüst der Beerenfrüchte bilden. Deren Art der Zersetzung ist später für Textur und Körper verantwortlich und trägt wesentlich zum Stil des Weines bei. Man kann Pektinen sanft beikommen, das dauert und macht Arbeit, oder aber forciert, was wiederum „gestylte“ Weine ergibt. Rate selbst, welche Gangart Heinemeyer vorzieht.

Der Captain könnte auf viele weitere Details von Heinemeyers Handwerk eingehen, aber eigentlich fehlt im die Lust. Er will lieber trinken. Aber was? Er probierte sich durchs gesamte Solveigs-Programm, das Weine zu Preisen zwischen 18 und 50 Euro vorhält, eine Halbflasche Trockenbeerenauslese kostet sogar 200 Euro. Ich entscheide mich für den Hauptwein, von dem reichlich Flaschen vorhanden sind. Insgesamt stößt der Betrieb ja nur 6.000 Buddeln pro Jahr aus. Es ist der spontanvergorene und unfiltrierte Pinot Noir Steil mit 13,0% Vol. Tiefdunkel und wolkig im Glas. In der Nase konzentriert: volle Kanne Cassis und Kirschsaft, dann ein Haufen abgeschnittener Äste in einem winterlichen Laubwald, Milchschokolade mit Haselnüssen. Im Mund konzentriert, kühl, auf schöne Weise dreckig und voll mineralischer Würze. Ich schmecke Kirschsaft, Orangenschale, schwarzen Pfeffer und spüre viel Druck auf der Zunge. Man kann diesen Wein nur langsam und in kleinen Schlucken trinken und zuckt sofort zurück, so intensiv und herausfordernd ist das Geschmackserlebnis, das die Papillen ans Hirn funken. Das ist ein aufregender Rheingau-Pinot und für dieses sensorische Abenteuer geradezu günstig. Unbedingt karaffieren!

 


Datum: 2.8.2020 (Update 7.8.2020)
 

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