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H.L. Menger: der alte Schatz

Horst Menger
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Der Captain trink eine Weinrarität aus der uralten Rebsorte Muscat d'Eisenstadt und ist komplett aus dem Häuschen.
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Zerstörerische Spätfröste setzen dem europäischen Weinbau zu. Seit rund 10 Jahren treiben die Reben immer früher aus, berichten Winzer. Dann kommt nochmal heftiger Frost und die Triebe sind tot. In Frankreich wurden in den vergangenen Wochen 30 Prozent des erwarteten Erntevolumens vernichtet. Da hilft nichts anderes als Weitermachen.

Oder nach alternativen Rebsorten Ausschau halten, die angepasster sind. Viele setzen auf Neuzüchtungen oder uralte Rebsorten, die generell mehr aushalten. Nicht dass der Captain ständig auf der Suche nach neuen/ alten Trauben ist. Das Thema ist ziemlich nischig. Die Leser wünschen das Gewohnte: Chardonnay, Riesling, Merlot etc. Wie schrieb ich neulich: Was der Deutsche nicht kennt, sauft er nicht. Aber der Zufall leitete jetzt dem Captain eine alte Rebsorte ins Glas, die ihn bestürzte, weil dieser Wein so unfassbar gut schmeckt.

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Es geschah gestern Abend. Ich bin noch immer komplett geflasht (Jugendsprache) vom Muscat d’Eisenstadt vom Weingut H.L. Menger in Rheinhessen, irgendwo zwischen Worms und Mainz gelegen. Im Glas leuchtendes Gelb wie aus einer alten 40-Watt-Birne. In der Nase irre ätherisch. Ich rieche ganz intensiv Zitrusschale. Die Säure spritzt mir in mikroskopischen Fontänen entgegen, so aufregend ist dieser Duft. Eigentlich würde ich diesen Wein am liebsten nur schnüffeln und habe Angst, dass der erste Schluck den Zauber vertreibt. Trotzdem: im Mund raumgreifend warmfruchtig und satt-gelb. Ich spüre Aprikose, reifen Pfirsich, Pomelo. Aber keine Breite. Da ist immer noch die Säure aus der Nase, die zwischen Frucht und Süße steht und ein sensorisches Ping-Pong-Spiel eröffnet. Dann noch eiskalte Zuckermelone. Was für ein faszinierender Wein. Kompliment an den Weinmacher und danke, dass ich diesen Wein probieren durfte!

In diesem etwas süßlichen Filmchen sieht man, wie es bei den Mengers zu Hause aussieht:

Heute sprach der Captain mit Winzerin Dagmar Rückrich-Menger (siehe Bild oben), weil er mehr wissen wollte. Durch Zufall entdeckte man in Omas Garten einen alten, wenig beachteten Rebstock, der dort schon ewig stand. Eine Laboruntersuchung im Institut für Rebgenetik ergab: Es ist Muskat d`Eisenstadt, der um 1890 gepflanzt worden sein muss. Diese Rebsorte wird seit den 50er-Jahren nicht mehr kultiviert. Dagmar: Aus diesem historischen Schatz zogen wir durch Veredelung einen kleinen Bestand.

Der Captain fragt, wie viel die Flasche kostet, und Dagmar beginnt herumzudrucksen. Es ist unser teuerster Wein. Ich glaube nicht, dass die Leute den bezahlen wollen.

Der Captain denkt: Na gut, 30 oder mehr Euro für so eine Rarität sind wohl angemessen. Da sagt Dagmar: Unser Muscat d’Eisenstadt kostet 13,80 Euro.

Muscat d’Eisenstadt ist eine blaue Traubensorte. Daraus wird aber kein Rotwein, sondern Weiß- oder sehr heller Roséwein mit zarten Muskatnoten vinifiziert. Auch wurde der Muscat d’Eisenstadt immer wieder für die Züchtung anderer Sorten verwendet. So ist die Rebsorte auch Elternteil des Muskat-Ottonel. Ein Önologe der Universität für Bodenkultur in Wien entdeckte die Sorte 2008 bei einer Recherche über Rebsorten aus der Zeit Joseph Haydns in historischen Büchern. Er wurde im internationalen Rebsorten-Katalog „Vitis Internationale Vairety Catalogue VIVC“ fündig, wo sie je nach örtlichem Vorkommen in Europa verschieden benannt wird. Unter anderem auch Muscat de Noir Eisenstadt. Im August 2020 wurden 300 Setzlinge auf der Riede Feiersteig von Burgenland-Winzer Erwin Tinhof in Eisenstadt ausgesetzt.

Eigentlich wollten die Mengers ja ihren Malvasia beim Captain unterbringen, das passiert vielleicht ein anderes Mal. Denn diesen Muscat d’Eisenstadt musst du einfach kennen. Ich hoffe, mein Verkostungsbericht unten überzeugt dich. Vom Jahrgang 2020 wurden gerade 300 Flaschen abgefüllt. Mehr gibt es nicht. Eile ist geboten. Ich würde den Wein aber nicht gleich aufreißen, sondern für ein paar Wochen in den Keller legen. Und weil die Mengers über keinen Onlineshop verfügen, kannst du über eine E-Mail Kontakt mit dem Weingut aufnehmen: weingut-h.l.menger@t-online.de

Übrigens, Kellermeister Horst Menger (oben mit Dagmar und Tochter Katharina) ist der Meinung, dass seine Weine besser schmecken, wenn er bei der Zubereitung laute Rockmusik hört. Dagmar über ihren Mann: Mehr Rebellion ist nicht. Wir sind ganz normale Winzer, die in den 1980ern mit lauter schlechten Jahrgängen aufwuchsen. Was wir damals lernten, ist einfach nur ordentlich arbeiten. Wir greifen schon lange nicht mehr nach den Sternen. Diesen melancholischen Satz lässt der Captain so stehen.

 

Datum: 2.5.2021 (Update 12.5.2021)