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Grauburgunder für echte Männer

Franken-Winzer Thomas Fischer.
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Der Captain trinkt männlichen Grauburgunder - was auch immer das heißt - und hat plötzlich Lust auf seine Lieblingszigarre.
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Der Captain sitzt an seinem Verkostungstisch. Im breiten Burgunderglas vor ihm liegt ein dunkelgelbes Getränk, dessen Oberfläche leicht zittert. Daran ist der Schiffsdiesel schuld, der den Strom für das Leben an Bord liefert, wenn der Kahn am Charlottenburger Kai festgemacht hat. Vorsichtig schiebt der Captain seine Nase über das Glas. Der Rüssel saugt Luft.

Ogott, was ist denn das? Braune Birne, Banane mit Flecken, bayerische Creme und Tabakwürze. Dem Captain ist plötzlich nach einer seiner geliebten Cañones von Arturo Fuente, eine milde Zigarrenspezialität mit Überlänge, die jedem Mann, der sie in den Mund nimmt, sofort die Aura männlicher Entschlossenheit verleiht, wie Winston Churchill sie besaß: „Wir werden bis zum Ende gehen…“

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Was ist das nur für ein interessanter Wein? Denkt der Captain, fischt unter dem Pult nach der Flasche und zieht sie hoch: Wildfang Grauer Burgunder Alte Reben trocken von Fischer steht da. Der Betrieb ist in Wiesentheid im unterfränkischen Landkreis Kitzingen zu Hause. Silvanerland. Nie von diesem Weingut gehört. Vorsichtig nippt der Captain am Glas. Das schmeckt gut! Ein größerer Schluck flutet den Mundraum: Im Mund dichtgewoben und saftig, zartbitter, milde Säure. Ich schmecke Birnenschale, gelben Apfel, Banane. Am Gaumen Orangensaft und ein Quentchen Vanille. Großartiger Grauburgunder mit viel köstlichem Wumms, der auf der Alk-Skala mit stolzen 14% Vol. zu Buche schlägt.

125.000 Flaschen füllt Thomas Fischer pro Jahr ab, viel Literware für die Gastronomie. Sein Herz gehört jedoch den Raritäten wie diesem Grauburgunder, dessen 48 (!) Jahre alten Rebstöcke tief im Gipskeuper stecken. Extreme Ertragsbeschränkung im Weinberg. Der Most vergor mit wilden Hefen (daher kommt der Fantasiename Wildfang) und ruhte 8 Monat lang im französischen Barrique.

Von 2006 bis 2008 lebte Thomas in Australien und Neuseeland, lernte beim Weingiganten Penfolds und schuftete in einer Goldmine, um daheim nicht bei den Bankenspießern um Geld betteln zu müssen, das er in den Betrieb stecken wollte. Es kam alles irgendwie anders, wie das meistens so ist. Ein Männerleben halt, aus dem Männerweine wie dieser Grauburgunder entstehen.

Aus Australien brachte Thomas nicht nur ein bisschen Geld, sondern auch die fixe Idee mit, dass man Weißwein in relativ neue Eichenfässer stecken kann. Vor 10 Jahren war das noch keine Selbstverständlichkeit in Deutschland.Der Umgang mit Barriques erfordert Fingerspitzengefühl und ein gewisses Maß an Erfahrung, die sich Fischer inzwischen angeeignet hat.

Sieht man sich die Socialmedia-Aktivitäten des drahtigen Winzers an (Rebstöcke, Tanks, Fässer, Rebstöcke, Rebstöcke, Tanks und immer wieder: Lilly) ahnt man, welche Prioritäten der Mann setzt. Wer ist Lilly? So heißt die Rhodesian-Ridgeback-Hündin der Fischers, die der Winzer liebevoll in seinen Fotos inszeniert:

Was heißt „Alte Reben“? Eigentlich nichts, denn die Verwendung ist nicht gesetzlich geregelt. Danke, brauchen wir auch nicht, es gibt schon genug Vorschriften im Weingesetz und überall, wo der Krakenstaat seine Finger im Spiel hat. Manche Winzer schreiben „Alte Reben“ auf ihre Etiketten, wenn die Stöcke gerade mal 20 Jahre alt sind. Das ist natürlich Unsinn. Kann man alte Reben schmecken? 2016 wurde eine entsprechende Studie der Landwirtschafts-Uni Geisenheim umgesetzt, in der man Rieslingreben aus den Jahrgängen 1971 bis 2012 verglich. Der Unterschied: keiner. Weder bei Mostgewicht, pH-Wert, Gesamtsäure und Sensorik. Ist „Alte Reben“ nur ein Gag? Natürlich nicht. Erfahrene Verkoster berichten, dass man ab einem Rebstockalter von ca. 50 Jahren von spürbaren qualitativen Unterschieden sprechen kann. Ich zitiere aus dem Fachmagazin „Meiningers Sommelier“: Bei den besten Weinen aus Uralt-Parzellen gelingt eine bemerkenswerte Kombination aus Kraft und Finesse, sie haben Druck ohne Schwere und strahlen große innere Ruhe aus.

 

Datum: 26.3.2021 (Update 27.3.2021)
 

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