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Frühburgunder: die Uhr tickt

Ihr Kinderlein kommet.
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Der Captain trinkt Rotwein, den es (vielleicht) bald nicht mehr geben wird.
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Der Captain ist von seiner zweiwöchigen Reise nach Italien wieder zurück in Berlin. Hinter ihm liegen viele Gespräche mit Weinmenschen und Besuche in Weingütern im südlichen Veneto und im Lazio.

Oft war der Captain der erste Gast seit vielen Monaten in diesen Betrieben. Den Hausherren (und Frauen) war deutlich anzumerken, wie froh sie sind, wieder Gäste empfangen und ihre Weine präsentieren zu dürfen. Nächsten Sonntag geht’s wieder los – diesmal ins Collio. Es gibt eine Menge aufzuholen.

Immer, wenn der Captain von so einer Reise zurückkehrt, freut er sich über deutschen Wein mit Säure. Sorry, liebe Menschen in diesen schönen Ländern! Ist halt so. In Rom trank der Captain köstliche Toskana-Granaten, die auf der Zunge zerschmolzen, und riss dadurch ein Riesenloch in das Budget des Schiffs. Solche Weine wird es NIE in Deutschland geben. Klimawandel hin oder her.

Jetzt aber hat er einen frischen und eleganten Frühburgunder im Glas mit niedrigen 13% Vol. Alkohol und ist einfach nur zufrieden:

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Mit 13% Vol angenehm-sanfter und dabei substanzieller Rotwein. Im Glas dunkles Rubinrot durchscheinend. In der Nase Himbeer-Brause, dunkle Kirsche, Tiramisu mit Kakaopulver, geröstete Haselnüsse. Herrlich dunkle Noten nach Schwarzkirsche und Schokoladenmousse, dann saftige Frische von Blutorange und kräutrige Würze von Frankfurter Grüner Soße, alles unterlegt von warm schimmernder Extraktsüße. Mittlere Spannung, behutsam eingeträufelte rote Säure wie man sie von Granatapfelsirup kennt, ganz weiche Tannine. Delikat-leichter Rotwein mit schöner Tiefe und eleganter Struktur. Eine sehr erfreuliche Entdeckung.

Der Erste Offizier tritt ohne Klopfen in die Kajüte und kichert spöttisch. Insgeheim ist er natürlich froh, dass der Alte wieder da ist, würde das aber nie zugeben. Die Stille am Schiff ohne den Chaoten hatte was Beruhigendes, aber nach einigen Tagen wurde es ganz schön langweilig am Kai in Charlottenburg, wo der Kahn festgemacht hat.

ERSTER: Aha, der Captain geruht sich zu erfrischen. Wie niedlich.
CAPTAIN: Klappe. Ich muss mich konzentrieren. Zwei Tage kein Newsletter. Die Leser beginnen zu murren.
ERSTER: Wer hat den 15 Stunden im Zug gesessen und dabei keine einzige Zeile zustande gebracht?
CAPTAIN: Das war eine spirituelle Reise. Eine Fahrt durch die Mitte des Kontinents. So etwas muss man auf sich wirken lassen.
ERSTER: Der Alu-Koffer von RIMOWA stinkt noch immer nach Gorgonzola.
CAPTAIN: Hat sich aber gelohnt. Schmeckte gestern köstlich zur Beerenauslese aus Neuburger-Trauben von Tinhof in Eisenstadt.
ERSTER: Und während du dich diversen Genüssen des Süden hingabst, brannte hier die Stadt.
CAPTAIN: Jaja, die Rigaer. Interessiert das noch irgendwen? Demnächst werden wir international von einem first couple mit krimineller Energie repräsentiert. Das gab es noch nie, glaube ich. Frau Bürgermeister und ihr Gatte: beides Betrüger. Und du wunderst dich, dass sich die Menschen hier null um Gesetze scheren?
ERSTER: Stimmt ja nicht. Als ich neulich an der Planke Klappstuhl, Sonnenschirm und Stehtischchen aufbaute, kam gleich das Ordnungsamt und wollte schon einen Bußgeldbescheid ausfertigen. Hab ich gottseidank weggequatscht. Wie schmeckt der Rote?
CAPTAIN: Wirklich fein. Kein Wunder, ist ja auch von adeligem Geblüt. Der gemütliche Herr oben heißt Johannes Graf von Schönburg-Glauchau. Seine Frau Ivonne ist eine geborene von Opel.
ERSTER: Nicht so wie der leckere Südfranzose neulich von diesem deutschen Grafen aus München, der sich adoptieren ließ und mit klingendem Namen Hunderte Anleger mit Genussscheinen abzockte. Mindestens einmal im Monat landet bei uns eine E-Mail im Postfach und immer steht sinngemäß das Gleiche drin: Captain, wann schreibst du endlich über diesen Hochstapler?
CAPTAIN: Jaja, lass mich in Ruhe. Ist immer viel Arbeit.
ERSTER: Aber seit du den Schwindel-Winzer Würtz auffliegen ließt, erwarten das die Leute von dir.
CAPTAIN: Der Fluch des Ruhms. Der Würtz arbeitet übrigens nicht weit weg vom Weingut, wo mein heutiger Abendwein herkommt.

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ERSTER: Ein riesiger Kasten, dieses Schloss Westerhaus.
CAPTAIN: Und jede Menge Kinder, die Leben in die alte Bude bringen. Fünf an der Zahl – schau dir das Bild oben an.
ERSTER: Kennst du den Spruch aus den 70er-Jahren? Drei As sorgen dafür, dass Deutschland nicht ausstirbt: Arbeiter, Ausländer und Adelige.
CAPTAIN: Puh, darf man heute so etwas noch sagen?
ERSTER: Ach geh. Wir sind hier unter uns. Und die paar Linken, die mitlesen, freuen sich, wenn sie wieder was zum Schimpfen haben.

Der Captain schweigt. Genug gequatscht, um das seelische Gleichgewicht im ERSTEN wieder hergestellt zu haben. Ist ein ganz schönes Weichei, denkt sich der Captain und fährt fort, seinen Abendwein zu verkosten. Es ist der zartfühlige und vornehm gereifte Ingelheim Frühburgunder von Schloss Westerhaus, ein Wein, den es vielleicht nicht mehr lange geben wird und deshalb doppelt zum Genuss aufruft. Dazu mehr weiter unten.

Die Rebsorte Frühburgunder ist eine Herausforderung für jeden Winzer. Heute mehr denn je zuvor. Nomen est omen, reift er Wochen früher als sein enger Verwandter, der Spätburgunder. In manchen Jahren bereits im August. Das Säuremanagement angesichts der kurzen Reifezeit ist nicht einfach. Anders als beim Spätburgunder ist Frühburgunder ohnehin säureärmer und der Klimawandel drückt die Werte noch weiter runter. Das kann die Eleganz schmälern, wenn der Winzer nicht trickreich gegensteuert.

Frühburgunder ist auch bei Vögeln beliebt, die im Sommer noch nicht viel Nahrungsauswahl haben. Zum Leidwesen der Winzer, die sich Schutzvorrichtungen wie Netze, Knallautomaten oder dergleichen einfallen lassen müssen.

Beides hilft allerdings nicht gegen die aus Asien eingeschleppte Kirschessigfliege, die binnen weniger Stunden die Ernte eines ganzen Weinbergs vernichten kann. 2011 wurde das fiese Insekt Drosphila suzukii erstmals in Deutschland nachgewiesen. Es sägt mit einer Art ausklappbarem Kiefer die Haut der Beeren auf und legt ihre Eier im Innern ab. Die geschlüpften Larven fressen sich dann durch das Fruchtfleisch – und schwärmen nach ca. zwei Wochen als neue Fliegengeneration aus. Zurück bleiben verfaulte Beeren, die mühsam aussortiert werden müssen. Das Biest ist ein Kind des Klimawandels. Der milde Winter sichert ihr Überleben, im feuchten Sommer kann es sich ungehemmt vermehren.

Macht es angesichts solcher Pein überhaupt noch Sinn Frühburgunder anzupflanzen? Das fragen sich immer mehr Winzer und reißen ihre Frühburgunder-Stöcke aus.

 

Datum: 6.7.2021
 

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