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Die Haut der Italienerin

Sommelière und Wein-Instagrammerin Giulia Sattin.
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Der Captain trinkt erstaunlich günstigen gut gereiften Rotwein aus den Abbruzzen und liest ein altes Buch über Italien.
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Der Captain sitzt im arg verspäteten ICE von Basel nach Berlin (warum kriegen die nicht mal leere Züge pünktlich ans Ziel?) und blättert in einem alten Buch.

Eigentlich will er einen neuen Newsletter tippen, die Verkostungsnotiz eines sehr empfehlenswerten Weines liegt bereit. Apropos Buch – der Captain hat Italien gebucht. In den ersten Juni-Tagen geht es für eine Woche gen Süden. Wohin genau, verrät der Captain (noch) nicht, sonst lauern ihm am Straßenrand die Winzer auf und versuchen ihre Weine im Newsletter unterzubringen.

Zurück zum Buch in den Händen des Captain, das irgendwann Ende des 19. Jahrhunderts der Basler Gelehrte (oder gelehrte Basler) Jakob Burkhardt schrieb. Es heißt „Die Cultur der Renaissance in Italien“. Klingt ziemlich öde, ist es aber nicht, wie du in wenigen Sekunden feststellen wirst.

Burkhardt trieb die Frage um, welch merkwürdige Kraft uns Menschen aus dem Norden nach Italien zieht und landete unvermeidlich beim etwas weit gefassten Begriff der SCHÖNHEIT, die man damals noch ungestraft an der Benutzeroberfläche von FRAUEN abhandeln durfte, weil die zu jener Zeit noch als vielseitig einsetzbare Haushaltsgegenstände galten. Das seltsame Störgefühl, das du gleich spürst, heißt übrigens Fortschritt. Der Captain wundert sich manchmal, dass es immer noch Leute gibt, die Weine mit Frauen vergleichen.

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Burkhardt nahm sich eine ziemlich schräge Schrift des mittelalterlichen Poeten Agnolo Firenzuola zur Brust, der von 1493-1543 lebte, und das Schönheitsideal der Renaissance dokumentierte, welches er in den Frauen und Mädchen von Prato (Toskana) verkörpert sah. „Auch der äußere Mensch ist in Italien auf ganz andere Weise das Objekt der Betrachtung als im Norden“, behauptet Burkhardt und legt im literarischen Duett mit Agnolo los, der Schönheit so definiert:

Das Haar dicht, lockig und lang, die Stirn heiter und doppelt so breit als hoch, die Haut hell leuchtend (candido), aber nicht von toter Weisse (bianchezza), die Brauen dunkel, seidenweich, in der Mitte am stärksten und gegen Nase und Ohr abnehmend, das Weiße im Auge leise bläulich, die Iris nicht gerade schwarz, obwohl alle Dichter nach occhi neri als einer Gabe der Venus schreien, während doch das Himmelblau selbst Göttinnen eigen gewesen und das sanfte, fröhlich blickende Dunkelbraun allbeliebt sei.

Das Auge selbst soll groß gebildet sein und vortreten; die Lider sind weiss mit kaum sichtbaren roten Äderchen am schönsten; die Wimpern weder zu dicht noch zu lang, noch zu dunkel. Die Augenhöhle muss die Farbe der Wangen haben.

Das Ohr, von mittlerer Größe, fest und wohl angesetzt, muss in den geschwungenen Teilen lebhafter gefärbt sein als in den flacheren, der Saum durchsichtig und rotglänzend wie Granatenkern. Die Schläfen sind weiss und flach und nicht zu schmal am schönsten. Auf den Wangen muss das Rot mit der Rundung zunehmen.

Die Nase, welche wesentlich den Wert des Profils bestimmt, muss nach oben sehr sanft und gleichmäßig abnehmen; wo der Knorpel aufhört, darf eine kleine Erhöhung sein, doch nicht, dass daraus eine Adlernase würde, die an Frauen nicht gefällt; der untere Teil muss sanfter gefärbt sein als die Ohren, nur nicht erfroren weiss, die mittlere Wand über der Lippe leise gerötet.

Den Mund verlangt der Autor eher klein, doch weder gespitzt noch platt, die Lippen nicht zu subtil und schön aufeinander passend; beim zufälligen Öffnen (d. h. ohne Lachen oder Reden) darf man höchstens sechs Oberzähne sehen. Besondere Delikatessen sind das Grübchen in der Oberlippe, ein schönes Anschwellen der Unterlippe, ein liebreizendes Lächeln im linken Mundwinkel usw.

Die Zähne sollen sein: nicht zu winzig, ferner gleichmäßig, schön getrennt, elfenbeinfarbig; das Zahnfleisch nicht zu dunkel, ja nicht etwa wie roter Sammet. Das Kinn sei rund, weder gestülpt noch spitzig, gegen die Erhöhung hin sich rötend; sein besonderer Ruhm ist das Grübchen.

Der Hals muss weiss und rund und eher zu lang als zu kurz sein, Grube und Adamsapfel nur angedeutet; die Haut muss bei jeder Wendung schöne Falten bilden. Die Schultern verlangt er breit, und bei der Brust erkennt er sogar in der Breite das höchste Erfordernis der Schönheit; außerdem muss daran kein Knochen sichtbar, alles Zu- und Abnehmen kaum bemerklich, die Farbe candidissimo sein.

Das Bein soll lang und an dem untern Teil zart, doch am Schienbein nicht zu fleischlos und überdies mit starken weißen Waden versehen sein. Den Fuß will er klein, doch nicht mager, die Spannung (scheint es) hoch, die Farbe weiss wie Alabaster.

Die Arme sollen weiss sein und sich an den erhöhten Teilen leise röten; ihre Konsistenz beschreibt er als fleischig und muskulös, doch sanft wie die der Pallas, da sie vor dem Hirten auf Ida stand, mit einem Worte: saftig, frisch und fest.

Die Hand verlangt er weiss, besonders oben, aber groß und etwas voll, und anzufühlen wie feine Seide, das rosige Innere mit wenigen, aber deutlichen, nicht gekreuzten Linien und nicht zu hohen Hügeln versehen, den Raum zwischen Daumen und Zeigefinger lebhaft gefärbt und ohne Runzeln, die Finger lang, zart und gegen das Ende hin kaum merklich dünner, mit hellen wenig gebogenen und nicht zu langen noch zu viereckigen Nägeln, die beschnitten sein sollen nur bis auf die Breite eines Messerrückens.

Candidissimo schmeckt auch der Indio Montepulciano d’Abruzzo 2015 von den Cantine Bove, der zufällig perfekt ans Ende dieses Artikels passt, weil unverstellte Schönheit aus ihm spricht. Es ist kein großer Wein, aber definitiv guter Wein, ein samtwürziger Brummer aus 90% Montepulciano und 10% Cabernet Sauvignon. Im Glas tiefdunkles Karminort mit bräunlichen Reflexen. In der Nase schmelziges Pflaumenmus mit Rumtopf-Romantik. Dann Kaffeebohne, Schokomuffin, ein bisschen rohes Fleisch, blanchierter Spinat. Im Mund herrlich weich, rotfruchtig und dunkelkräutrig. Ich schmecke Heidelbeere, ein paar Tropfen Granatapfelsirup mit hellroter Säure, etwas Vanilleschote, pflanzliche Noten von Pastinake und dunkles Bio-Kakaopulver. Der passt ganz wunderbar zu Blutwurst, Schmorbraten und scharf angebratenem Fleisch, weil er alle Röstnoten aufnimmt.

Montepulciano-Weine werden häufig mit Vino Nobile de Montepulciano verwechselt, einem regionalen Namen für den in Sangiovese ansässigen Wein in der Toskana. Montepulciano ist nach Sangiovese die am zweithäufigsten gepflanzte rote Rebsorte in Italien und hat den Ruf, preiswerte und saftige Rotweine zu ergeben. Glücklicherweise gibt es in den Abruzzen mehrere Erzeuger, die das erstaunliche Potenzial dieser Traube unter Beweis stellen, indem sie schokoladige Weine mit schwarzen Früchten herstellen, die am besten nach 4 oder mehr Jahren Reifung genossen werden.

So einer ist dieser Wein, der fünf Jahre reifte, was man in dieser Preisklasse selten findet und dem Getränk sehr zuträglich ist. Jedenfalls schmeckt er deutlich teurer als sein Kaufpreis vermuten lässt.

 

Datum: 29.5.2021 (Update 4.6.2021)
 

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