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Die Bestie und der Wein

Salvatore Riina (1930-2017).
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Der Captain trinkt einen würzigen Rotwein aus Sizilien, der auf Mafialand entstand. Was das alles mit Berlin zu tun hat, steht im Text.
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Neulich, als der Captain aus Sizilien nach Berlin zurückgekehrt war, machte er sich auf den Weg nach Friedrichshain, was eine kleine Reise ist, wenn man aus Charlottenburg kommt. Charlottenburg und Friedrichshain – das Straßenbild beider Stadteile unterscheidet sich wie ein Teller Hummerspaghetti von einem Döner, was bitteschön nicht wertend gemeint ist. Es gibt hervorragende und herrlich-saftige Hummerspaghetti, wenn man weiß, wo sie fachgerecht zubereitet werden. Aber warum verreist der Captain mitten durch seine Stadt? Der Captain hatte von einer ganz bestimmten Weinbar erfahren, die an einer belebten Straße von Friedrichshain liegt und eine Besonderheit darstellt. Dort wollte er hin, denn da gibt es, so sagte man ihm, köstliche Weine und leckere Speisen, die von beschlagnahmten Ländereien der Mafia stammen. Leider geriet das Unterfangen zum Desaster.

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Neulich, als der Captain aus Sizilien nach Berlin zurückgekehrt war, machte er sich auf den Weg nach Friedrichshain, was eine kleine Reise ist, wenn man aus Charlottenburg kommt. Charlottenburg und Friedrichshain – das Straßenbild beider Stadteile unterscheidet sich wie ein Teller Hummerspaghetti von einem Döner, was bitteschön nicht wertend gemeint ist. Es gibt hervorragende und herrlich-saftige Hummerspaghetti, wenn man weiß, wo sie fachgerecht zubereitet werden. Aber warum verreist der Captain mitten durch seine Stadt? Der Captain hatte von einer ganz bestimmten Weinbar erfahren, die an einer belebten Straße von Friedrichshain liegt und eine Besonderheit darstellt. Dort wollte er hin, denn da gibt es, so sagte man ihm, köstliche Weine und leckere Speisen, die von beschlagnahmten Ländereien der Mafia stammen. Leider geriet das Unterfangen zum Desaster.

Aber der Reihe nach. Auf einer großen Sizilien-Verkostung in Syrakus in diesem Sommer traf der Captain die Manager von Centopassi, das heißt Einhundert Schritte. So nennt sich die Weinsparte der genossenschaftlich organisierten Vereinigung Libera Terra, unter deren Dach Betriebe zusammengefasst sind, die beschlagnahmtes Mafia-Land bearbeiten. Das ganze wird von der EU unterstützt. Teilweise sind dort Menschen beschäftigt, die anderswo keine Arbeit bekommen. Alles sehr sozial. Wie ist das möglich? 1982 verabschiedete der italienische Staat ein Gesetz, das ihn ermächtigt, relativ unkompliziert überführte Mafiosi zu enteignen. In Berlin kam man nach 50 Jahren Nachdenkens vor Kurzem auf dieselbe Idee und verspricht sich davon, den stetig wachsenden Einfluss arabischer Clans in den Griff zu bekommen. Die beiden Herren von Centopassi und der Captain standen also im prachtvollen Grand Hotel Ortigia und parlierten angeregt über dies und das. Als der Captain dann sein abgerocktes Samsunghandy zückte, um ein paar Fotos zu machen, bat man ihn höflich, davon Abstand zu nehmen. Man weiß ja nie. An jenem Nachmittag hörte der Captain auch von einer Bar Centopassi in Berlin.

Da stand er nun in Friedrichshain, trat ein, und machte die seltene Erfahrung völlig unerwünscht zu sein. Ich weiß bis heute nicht, was der Grund dafür war. Nein, es gibt keinen Platz mehr. Sie müssen gehen. Das Lokal war zu vier Fünftel leer. Dann halt draußen. Der Captain setzte sich in den herbstlichen Nieselregen und wartete ab. Und wartete. Und wartete. Der Kellner kam ein halbes Dutzend Mal vorbei. Keine Chance. Steckt im Captain nach nur drei Jahren schon so viel Charlottenburg, dass er auf der anderen Seite der Stadt persona non grata ist? Nein, das ist so gar nicht Berlin. Wenn es in diesem Land eine Stadt gibt, die inoffiziell übersetzt Toleranz heißt, dann diese. Aber was könnte sonst der Grund gewesen sein? Der Captain stand nach mindestens 30 Minuten ergebnislosen Wartens auf, nahm die S-Bahn zurück nach Charlottenburg und schreibt die merkwürdige Behandlung seinem exzentrischen Brillengeschmack zu. Vielleicht zu viel Mafia-Style. Abgehakt. Es bleibt ja noch der Centopassi-Wein, den der Captain im gastfreundlichen Sizilien gottseidank verkosten durfte. Es war ein Merlot aus der Contrada (Einzellage) Saladino in der DOC Monreale unweit des Städtchens Corleone. Klingelt es? Ja, das berüchtigte Corleone wurde dank der Verfilmung des Romans The Godfather von Mario Puzo zum Inbegriff der Mafia-Hochburg, was sie in Wirklichkeit auch war und angeblich bis heute noch ist. Centopassi baut dort auf ca. 600 Metern Höhe die Rebsorten Merlot und Syrah auf tonhaltigem Sandboden an. Einst gehörte die Anlage zum Besitz des grausamsten aller Mafiabosse: Salvatore „Toto“ Riina (Spitzname: Bestie), der eigenhändig mehrere Dutzend Morde begangen haben soll und viele weitere bafahl. Unter anderem den Anschlag auf die Mafia-Jäger Paolo Borsellino, Giovanni Falcone und Salvatore Lima. Totos rechte Hand Giovanni Brusca ging als Inbegriff innerer Verwahrlosung in die Verbrechensgeschichte ein, nachdem bekannt wurde, dass er im Auftrag von Riina einen kleinen Jungen folterte, erwürgte und in Säure auflöste. 1993 wurde Riina verhaftet und saß bis zu seinem Tod 2017 im Gefängnis. Anfang 2019 machte eine Agenturmeldung die Runde, dass Riinas jüngste Tochter Lucia in Paris → ein Restaurant eröffnete. Geschmackvoller Name der Gastwirtschaft: „Corleone by Lucia Riina“. Empörten Kritikern, die sich lauthals aufregten, warf Lucia die Verletzung ihrer Privatspähre vor. Eine witzige Überleitung zur Weinbesprechung verbietet sich hier, weshalb ich schnörkellos zur Sache komme. Allora: Centopassis Merlot „Sulla Via Francigena“ duftet tiefdunkel nach Beeren und getrockneten Kräutern. Ich rieche Rote Beete, Zwetschkenröster, wuchtigen Schmelz. Dieser Biowein reifte über 18 Monate in gebrauchten französischen Tonneaux. Im Mund zupackend wie Brandos Händedruck in der Verfilmung von Puzos „Godfather“, konzentriert und würzig. Ich schmecke rote Beeren, Trockenpflaume, etwas Eukalyptus. im Abgang Feuersteinwürze. Ein kerniger Sizilianer aus französischen Rebsorten, die auf Sizilien eine alte Tradition vertreten. Wie jeder andere Wein der Kooperative Centopassi ist er allen jungen Sizilianern gewidmet, die ihre Heimat verließen und sich nach Rückkehr sehnen.

Wieviel Mafia steckt im italienischen Wein? Das frug der Captain Antonio Rallo, den obersten Weinbaupräsidenten der DOC Sicilia, die alle Qualitätswinzer der Insel vereinigt, und fürchtete ein bisschen, dass er sogleich von der Security aus dem Raum entfernt wird. Nichts dergleichen geschah, denn Antonio Rallo ist ein nachdenklicher und smarter Gesprächspartner. Gemeinsam mit seiner hinreißenden Schwester Josè führt er die Weingutsgruppe Donnafugata mit Produktionsstätten auf ganz Sizilien und Pantelleria. Rallo zum Captain: Ja, Sizilien hat dieses Problem. Ein berühmter Richter sagte, es liegt an uns selbst als Gesellschaft, die Mafia zu bekämpfen. Wir haben die Antikörper, aber wir müssen sie aktivieren. Das Weingeschäft ist nicht so interessant für die Mafiosi. Es ist viel zu kleinteilig und erfordert langfristiges Denken und Handeln. Die Mafia folgt lieber dem schnellen Geld.

Spricht man von der sizilianischen Mafia, vergisst man oft, dass dieses mörderische Phänomen nichts anderes als eine gesellschaftliche Entwicklung markiert, die von der eigenen Elite ausgelöst wurde, womit wir wieder in Berlin gelandet sind. Jahrhundertelang prägte Feudalherrschaft die Insel. Landbesitzenden Barone, die in den großen Städten ein verschwenderisches Leben führten, eifrig gegeneinander intrigierten und sich von den Steuern der Bauern immer prachtvollere Paläste bauten, ließen gerissene Großpächter gewähren, die sogenannten Gabellotti. Die breiteten im Machtvakuum, das ihnen der Adel überlassen hatte, unkontrolliert ihre Herrschaft aus, terrorisierten die Bevölkerung und begannen gewaltbereite Gangs um sich zu scharen, die sogenannten Campieri oder Bravi. Aus diesen Konglomeraten entstand die sogenannte Cosa Nostra mit eigener Gerichtsbarkeit und wuchernder Verbrecherwirtschaft. Was das mit dem Berliner Senat und diversen Familienclans in en Stadtteilen zu tun hat? Keine Zeit, ich muss jetzt die nächste Flasche öffnen.

 


Datum: 30.10.2019 (Update 31.10.2019)