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Der Neue bei Buhl

Weinmacher Julien Meissner will hoch hinaus.
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Im Glamour-Weingut Reichsrat von Buhl machte Ex-Bollinger-Kellermeister Kauffmann die Biege. Jetzt kümmert sich der Pfälzer Julien Meissner um den perlenden Saft. Die Eigentümer jedoch träumen weiterhin von Champagner-PR, weil das die Kasse klingeln lässt.
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Der Captain trinkt einen seltenen Spätburgunder. Nicht mal 1.500 Flaschen wurden davon abgefüllt. Er stammt aus vier verschiedenen Parzellen in der alten Ingelheimer Lage Pares (= Paradies), wo die Trauben separat und zu unterschiedlichen Zeitpunkten gelesen wurden. Getrennter Ausbau der vergorenen Weine, assembliert von Julien Meissner, der eine Woche lang hin- und herverschnitt, bis er die passende Mischung fand. Der Wein ist eine sogenannte Blockcuvée und für seine aufwendige Herstellung viel zu billig. Im Mund großartiges Säurespiel und Saftigkeit. Ich schmecke Kirschkompott und vegetabile Noten, die von der Ganztraubenvermaischung (mit Stilen vergoren) herrühren. Um das auf den Punkt zu bringen: Wildkräutersaft trifft Mon Chéri. Ein unglaublich kühler, elegant-fruchtiger und sinnlich-mineralischer Rotwein, der einmal mehr beweist, wozu man in Deutschland mit der edlen Burgundertraube imstande ist.

Warum beginnt der Captain einen Artikel über das Pfälzer Weingut Buhl (pardon: Reichsrat von Buhl) mit einem Rotwein aus Rheinhessen?

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Der Captain trinkt einen seltenen Spätburgunder. Nicht mal 1.500 Flaschen wurden davon abgefüllt. Er stammt aus vier verschiedenen Parzellen in der alten Ingelheimer Lage Pares (= Paradies), wo die Trauben separat und zu unterschiedlichen Zeitpunkten gelesen wurden. Getrennter Ausbau der vergorenen Weine, assembliert von Julien Meissner, der eine Woche lang hin- und herverschnitt, bis er die passende Mischung fand. Der Wein ist eine sogenannte Blockcuvée und für seine aufwendige Herstellung viel zu billig. Im Mund großartiges Säurespiel und Saftigkeit. Ich schmecke Kirschkompott und vegetabile Noten, die von der Ganztraubenvermaischung (mit Stilen vergoren) herrühren. Um das auf den Punkt zu bringen: Wildkräutersaft trifft Mon Chéri. Ein unglaublich kühler, elegant-fruchtiger und sinnlich-mineralischer Rotwein, der einmal mehr beweist, wozu man in Deutschland mit der edlen Burgundertraube imstande ist.

Warum beginnt der Captain einen Artikel über das Pfälzer Weingut Buhl (pardon: Reichsrat von Buhl) mit einem Rotwein aus Rheinhessen?

Weil es Sinn macht. Denn Julien Meissner, der diesen Wein zubereitete, steht neuerdings bei Buhl im Keller, damit der Sektstrom nicht versiegt.

Das Weingut Reichsrat von Buhl, der Name wurde mit den Millionen des 2013 verstorbenen Weinvisionärs, Werbers und Immobilienbesitzers Achim Niederberger wieder aufgepäppelt, ging nämlich im Sommer seines Kellermeisters verlustig. Ex-Bollinger-Mann Matthieu Kauffmann, der in der Champagne Karriere machte und dann nach Deidesheim ging, schmiss nach 6 Jahren hin. Die Trennung ging recht unschön vonstatten. Unverblümt spricht man von Unstimmigkeiten und das dürfte noch dezent ausgedrückt sein. Dann meldete das Weingut Christmann (Neustadt an der Weinstraße) die Gründung eines neuen Sektguts – gemeinsam mit Kauffmann. In der Pressemitteilung kommt das Wort „Freundschaft“ auffällig oft vor („Arbeit in freundschaftlichem Umfeld fortsetzen“ etc.), woraus man schließen kann, dass Blasenflüsterer Kauffmann an seinem alten Arbeitsplatz unter dem Mangel an Herzenswärme litt. In der Sektbranche geht es brut zur Sache, schrieb ein Witzbold auf Facebook und die deutsche Weinbranche staunte. Konflikte kehrt man sonst ja gerne unter den Teppich. Nichts darf die heile Welt vom harmlosen Winzerlein, das auf der eigenen Scholle geduldig seine Trauben liebkost, ins Rutschen bringen. Kauffmanns Liebesentzug mag wohl an ziemlich unterirdischen Verkaufszahlen gelegen haben. Die Stillweine von Buhl (so nennen Weinmenschen alles, was nicht sprudelt) liegen seit Jahren wie Blei in den Regalen, weil Weinfreunde darin die gebietstypisch-pfalzige Zugänglichkeit vermissten, hört man reden. Alles viel zu trocken und französisch, heißt es. An den cremig-fruchtigen Buhlschäumern wagt freilich keiner rumzumäkeln. Aus gutem Grund. Matthieu Kauffmann steht mit Volker Raumland, Niko Brandner (Griesel) und noch ein paar anderen für den Aufbruch der deutschen Sektmacherkunst.

Blöd nur, dass Buhl mit Kauffmann voll auf die Bollingerkarte setzte und weniger die Produkte für sich sprechen ließ. Das war verführerisch und funktionierte auch. Solange Kauffmann souverän die Rolle des charmant parlierenden Schampushelden ausfüllte. Und ganz nebenbei hervorragende Sekte kreiierte. Alle waren wie verzaubert, schwärmten vom Champagnermacher, der Glamour in die Gläser und das Haus auf Vordermann bringt. Leider sorgt genau das jetzt für Verlegenheit. Ohne Kauffmann keine Champagner-PR. So einfach ist das.

Dabei stehen bei Buhl seit kurzem zwei Männer in Lohn und Brot, die Beachtung verdienen. Da wäre zum einen der aus Südtirol stammende Önologe Gregor Hofer (der schon zuvor bei Von Winning für die Niederberger-Gruppe tätig war) und Julien Meissner, Ex-Kellermeister bei J. Neus, einem alteingesessenen Betrieb, der Höhen und Tiefen hinter sich hat.

Meissner gilt als Wunderkind und aufsteigender Stern, seitdem er in Ingelheim für die Mainzer Unternehmerfamilie Schmitz (die ihre Spedition an Kühne & Nagel verkaufte) Rotweine auf die Flasche brachte, die andächtig stimmen. Der Captain kennt den akribischen Weinmacher, seitdem er bei J. Neus am Verkostungstisch saß und einen Rotwein nach dem anderen probierte. Und kurz danach Julien im Flieger traf, als beide nach Südafrika reisten. Der Captain, weil er sich im Swartland umsehen wollte und Meissner, weil er nach vier Jahren bei J. Neus ein Sabbatical einlegte und sich für kühle Weine aus einem hot climate interessierte. Auf so einer Langstrecke hat man viel zu quatschen. Der Captain nutze die Gelegenheit, um diesen jungen Mann intensiv zu befragen und aus den Antworten einen Blick in die Zukunft des Weinmachens zu erhaschen. Meissner wuchs bei Deidesheim auf, machte Abitur, eine kaufmännische Ausbildung und kam erst später zum Wein. Önologie-Studium am Weincampus Neustadt, Ausbildung bei Freiherr von Gleichenstein (Kaiserstuhl), Weninger (Burgenland), Menger-Krug (als man noch Sekt in Rheinhessen machte) und in Südafrika.

Warum schmecken deine Weine, wie sie schmecken? Weil ich die perfekten Trauben aus einer ganz einzigartigen Kalklage zur Verfügung hatte und daraus elegante Spätburgunder und filigrane Weißweine machen konnte, die schlank und säurebetont schmecken. Hat sich seit deinem Beginn bei J. Neus der Klimawandel bemerkbar gemacht? Absolut, sehr stark. Das waren komplett unterschiedliche Extremjahre. 2016 mit so viel Wasser wie noch nie, 2017 mit viel Wärme und Wasser und 2018 ohne Wasser. Was geht einem dabei durch den Kopf, wie funktioniert Weinmachen in der Zukunft? Wir müssen uns im Weinbau neu erfinden. Was im einen Jahr zählt, ist im nächsten nicht mehr wichtig. Es gibt immer weniger Feuchtigkeit. Gut für Spätburgunder, der mehr Wasserstress verträgt als jeder Weißwein. Man braucht den richtigen Klon am richtigen Ort, mehr Eigenbeschattung und Konkurrenz durch enger stehende Rebzeilen. Betrachtet man den Klimawandel mit Sorge oder eher als Herausforderung? Das ist auf jeden Fall eine interessante Herausforderung und eine Chance für den biologischen Weinbau. Wie schmecken die Weine der Zukunft? Schlanker, wenn das Alkoholmanagement bei den Winzern angekommen ist. Deutsche Weine werden bald eleganter und reifer schmecken. Was interessiert dich beim Weinmachen am meisten? Jeden Jahrgang so einzufangen, wie er sich präsentiert und möglichst ungeschönt auf die Flasche zu bringen. Das fängt beim Gutswein mit einem authentischem Einstieg an und endet bei den Lagen, die ihre Region repräsentieren. Mit Weinen, die dann hoffentlich die Menschen berühren.

Wie geht’s bei Buhl weiter? Dort träumt man weiterhin den Champagnertraum. Die Eigentümer suchen nach einem Namen, an dem das gewisse Etikett hängt. Wenn sich keiner für eine Festanstellung findet, dann eben ein Berater. Für die Produkt-PR.

 


Datum: 15.10.2019
 

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