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Apulien: der sanfte Rote

Das muss kesseln: Gianni Cantele
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Der Captain bedauert die deutsche Milliardärsfamilie Haub (mit Weingut am Kaiserstuhl), aber trinkt italienisch. Und zwar einen auf berührende Weise delikaten Rotwein aus der Rebsorte Susumaniello, der überhaupt nicht viel kostet.
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Susu-was? Die Rebsorte Susumaniello wäre um die letzte Jahrtausendwende fast ausgestorben, weil der Umgang mit ihr nicht leicht ist. Doch begabte Winzer kreieren aus ihren Trauben dunkelbeerige Köstlichkeiten mit floralen Nuancen nach Veilchen und Feldblumen (was auf die Verwandtschaft mit Sangiovese verweist) und charaktervollem Körper. Susu lu somariello! heißt „Lauf Esel lauf!“ Der Name spielt auf die enorme Ertragskraft der jungen Rebstöcke an, die so viele Trauben abwerfen, dass man damit einen Esel bepacken kann. Nach 10 Jahren ist es jedoch vorbei mit der großen Fruchtbarkeit und dann ist Winzertalent gefragt. Mehr dazu weiter unten.

Zunächst jedoch beschäftigt der Captain sich und dich mit einem hässlichen Streit in der reichsten Winzerfamilie Deutschlands, vielleicht sogar Europas, vielleicht sogar der ganzen Welt.

Es handelt sich um die Milliardärs-Familie Haub (Obi, Netto, Kik etc.), die untereinander um das Erbe von Erivan Haub kämpft, der 2018 hochbetagt verstarb. Erivan war seit 1958 mit Helga verheiratet (es heißt, er habe sie bei einer Flasche Chambolle-Musigny verführt, pardon: überzeugt), die in jungen Jahren viel Zeit im Weingut ihres Onkels Hans-Frieder Abril verbrachte.

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Als dieser sich zur Ruhe setzte, aber keinen Nachfolger fand, der den Betrieb weiterführen wollte, griffen Erivan und Helga zu und runderneuerten das Unternehmen, bauten ein prächtiges Gutsgebäude, das mit seiner Öko-Architektur Aufsehen erregt, und investierten viel Geld in einen neuen Weinstil.

Kurz nach dem Tod des Patriarchen, kehrte Haub-Sohn Karl-Erivan von einer Schitour in den Schweizer Alpen nicht mehr zurück und gilt seither als verschollen. Nun will Bruder Christian, dass Karl-Erivan für tot erklärt wird, was wiederum eine gewaltige Erbschaftssteuerpflicht für die Hinterbliebenen (eine Frau und zwei erwachsene Kinder) auslösen und diesen Zweig entmachten würde, was wiederum die anderen Erben in eine bessere Position versetzt usw. Den Rest kann man in der Wirtschaftspresse nachlesen.

Was wird nun aus dem Weingut Abril am Kaiserstuhl? Das ist nicht zu erfahren. Wäre schade um den Betrieb, wenn er am Streit der Haubs Schaden nehmen würde, denkt sich der Captain und leitet über zum absolut schönen Rohesia Susumaniello Salento von der Cantina Cantele im heißen Salento (Absatz des italienischen Stiefels), wo dem Captain im vorvergangenen Sommer so heiß war, dass er fast nicht mehr atmen konnte.

Ja, von dort kommt dieser überraschend leichte (13% Vol. Alkohol) Rotwein aus der Rebsorte Susumaniello, die beinahe verschwunden wäre, wenn sich nicht eine Gruppe besorgter Winzer zusammengetan hätte, um sie vor dem Vergessen zu retten. Susumaniello-Reben sind in den ersten 10 Jahren irre fruchtbar, danach stürzt der Ertrag ab. Dann ist hohe Winzerkunst gefragt, um aus den verbliebenen Trauben Wein zu keltern, der die Mühe lohnt. Bei meinem Rohesia Susumaniello Salento, der im Stahltank reifte, ist dies vorzüglich gelungen: Im Glas satt leuchtendes Dunkelrot, das ist faszinierend. In der Nase mildwürzige Noten von heller Kirsche, Mürbeteig, kandierter Orangenzeste, leicht nussig. Im Mund saftig, herrlich frisch und balanciert. Ich spüre sanfte Tannine, sehr feine Beerennoten und etwas eingelegte Rote Beete. Wunderschöner und sensibler Rotwein von filigraner Struktur. Etwa wie Weißwein mit falscher Farbe. Es ist gar nicht leicht, hierfür die passende Speise zu finden. Eventuell Thunfisch-Sashimi oder eine edle Marzipan-Praline. Erstaunlich, dass dieses leichtgewichtige Meisterwerk (13% Vol. Alkohol) so wenig kostet.

Das flache und fruchtbare Apulien ist der Absatz des italienischen Stiefels, Hochburg der italienischen Arbeitslosigkeit und Landwirtschaft. Kilometerlange Olivenhaine, Artischockenfelder, die bis zum Horizont reichen, Weizenfelder, Spargelfelder und Tomatenplantagen. Wenig Massentourismus, viel Barock und jede Menge Wein. Fast auf den Hektar genauso viel wie in Deutschland. Der Rebsortenspiegel schimmert rot. Primitivo, Negroamaro und Malvasia Nera heißen die wichtigsten Sorten für die Supermarktregale und Pizzabäcker Nordeuropas. Und ein bisschen Susumaniello.

 

Datum: 25.10.2020