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„Es gibt mehr als Mosel und Rhein“

Mistress of Wine: Anne Krebiehl
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Anne Krebiehl aus Baden lebt in London und ist eine von 9 deutschen Masters of Wine. Jetzt hat sie ein Buch geschrieben: "The Wines of Germany". Mit dem Captain sprach sie über Vermittlungsprobleme beim deutschen Wein, männliche Etikettentrinker und Frauen in der Weinwelt.
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Es ist ein Weinbuch, das nicht nur zum Anschauen, sondern auch zum Lesen taugt, sagt Anne Krebiehl. Ihr Buch „The Wines of Germany“ kann man → hier bestellen.

Nach England ging Anne, um Anglistik zu studieren. Dann blieb sie dort hängen. Nie arbeitete sie in einem Weinladen oder in der Gastronomie, sondern schrieb Artikel. Das macht sie bis heute für die renommiertesten Weinmedien der Welt: Decanter, Wine Enthusiast, The World of Fine Wine und einige andere. Der Captain traf Anne auf dem Wine Summit in Bozen und probierte Wein mit ihr. Das Podcast-Interview fand kurz danach am Rande einer Australien-Verkostung in Hamburg statt, die Anne moderierte.

Anne spricht mit dem Captain über ihr neues Buch. Und über…

  • die Schwierigkeiten das (dank deutschem Weingesetz) komplizierteste Weinsystem der Welt zu vermitteln.
  • ihre Prüfung zum Master of Wine, die sie fast um den Verstand brachte.
  • männliche Etikettentrinker, die sich beweisen müssen.
  • die Art, wie sie Wein verkostet.
  • das, was sie jungen Frauen rät, die in die Weinwelt einsteigen wollen.

Hör dir dieses kurzweilige Gespräch an, es dauert nur 25 Minuten.

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Es ist ein Weinbuch, das nicht nur zum Anschauen, sondern auch zum Lesen taugt, sagt Anne Krebiehl. Ihr Buch „The Wines of Germany“ kann man → hier bestellen.

Nach England ging Anne, um Anglistik zu studieren. Dann blieb sie dort hängen. Nie arbeitete sie in einem Weinladen oder in der Gastronomie, sondern schrieb Artikel. Das macht sie bis heute für die renommiertesten Weinmedien der Welt: Decanter, Wine Enthusiast, The World of Fine Wine und einige andere. Der Captain traf Anne auf dem Wine Summit in Bozen und probierte Wein mit ihr. Das Podcast-Interview fand kurz danach am Rande einer Australien-Verkostung in Hamburg statt, die Anne moderierte.

Anne spricht mit dem Captain über ihr neues Buch. Und über…

  • die Schwierigkeiten das (dank deutschem Weingesetz) komplizierteste Weinsystem der Welt zu vermitteln.
  • ihre Prüfung zum Master of Wine, die sie fast um den Verstand brachte.
  • männliche Etikettentrinker, die sich beweisen müssen.
  • die Art, wie sie Wein verkostet.
  • das, was sie jungen Frauen rät, die in die Weinwelt einsteigen wollen.

Hör dir dieses kurzweilige Gespräch an, es dauert nur 25 Minuten.

Was ist eigentlich ein Master of Wine? Antwort: Der Titel für das erfolgreiche Bestehen eines theoretischen und praktischen Examens über Wein. Wer die überaus schwierige Prüfungen bestehen möchte, sollte über ein detailliertes Wissen zu diesen Themenfeldern verfügen: Rebbau, Kellertechnik, Weinregionen, Marketing. Fast niemand schafft den MW im ersten Anlauf. Die Vorbereitung ist auch nicht billig. Für Kurse und Studienreisen müssen um die 20.000 Euro ausgegeben werden. Der Master of Wine ist der renommierteste Titel der Weinbranche. Wer ihn trägt, muss sich keine Sorgen mehr ums Geldverdienen machen, denn er wird auf der ganzen Welt als Vortragender, Verkoster und Prüfer gebucht. Der Titel, den 390 Menschen tragen (Stand 2019), wurde 1953 eingeführt. In der theoretischen Prüfung wird man innerhalb von vier Tagen zu allen Themen der Weinwelt befragt und muss 13 Aufsätze verfassen. Beispiel: „Following the malolactic conversion, what options are available to reduce alcohol levels in finished wine? When and how should they be deployed?“ Dann müssen über drei Tage 36 Weine (pro Tag 12 Weine innerhalb von 2:15 Stunden) blind erkannt und ausführlich beschrieben werden. Es folgt eine sogenannte Dissertation über ein Thema der eigenen Wahl. Der deutsche MW Konstantin Baum erklärt → hier sehr schön, wie er Vorbereitung und Prüfung erlebte. Baum wurde 2015 Master of Wine. Der jüngste Neuzugang aus Deutschland unter den nunmehr 390 MWs weltweit ist → Thomas Curtius aus Korb in Baden-Württemberg. Curtius ist hauptberuflich in der Kommunikationsabteilung von Daimler tätig und der 9. MW, der aus Deutschland kommt. Bekannte deutsche Masters of Wine: Markus Del Monego, Romana Echensperger, Yanek Schumann, Caro Maurer.

Kurze Frage: Warum heißt es eigentlich bei Frauen auch Master of Wine und nicht Mistress of Wine? Die Antwort liefert mein Leser Hermann Wagner: Lieber Captain, schon den alten Lateinern war der Unterschied von genus und sexus bekannt. In der deutschen Sprache war bis vor kurzem fraglos der Meister („männliches Substantiv“ = genus) für alle Menschen (m/w/d) ein Titel. Die Zeiten ändern sich, oft nicht zum Besseren. Noch ein Beispiel: Des Morgens frage ich meine Frau manchmal: willst Du als Erster aufstehen oder als Erste?

Und noch etwas: Anders als im (neuen und aufregenden) → Newsletter des Captain stand, ist der bekannte Hamburger Sommelier und Weinhändler Hendrik Thoma kein MW, sondern ein MS = Master Sommelier. Es gibt 270 MS weltweit und 5 Deutsche, welche die Prüfung geschafft haben. Thoma sagt: Der Zuschnitt beim MS ist ganz anders als beim MW, der auf den Handel mit Wein ausgerichtet ist.

Hier ein paar Auszüge aus meinem Podcast-Gespräch mit Mistress Anne:

Wie ich wurde, was ich bin. Ich komme aus Baden, bin aber nicht mit Wein aufgewachsen. Ich lernte rasch, dass sich im Wein Themen treffen, die mich interessieren: Gartenbau, Kultur, Biochemie, Politik, Recht, Geschichte, Genuss, Metaphysik. Wein spiegelt uns. Ich wollte immer schreiben, habe zunächst aber nur über Essen berichtet.

Der erste Wein, der mich berührte? Ein Schlüsselerlebnis beim Campingurlaub in Frankreich. Ich hatte bereits die Sotheby’s Wine Encyclopedia dabei. Wir besuchten die Region Chateauneuf du Pape. Bei Chaputiere am Hermitage-Berg reichte man mir zwei Gläser Weißwein. Es war der gleiche Wein aus demselben Jahrgang, einer von jungen und einer von alten Reben. Ich glaubte nicht, dass es einen Unterschied gibt. Danach war ich so beeindruckt, dass ich einen Weinkurs belegte, weil ich mehr über Wein wissen wollte.

Wie erklärt man deutschen Wein? Es gibt kaum ein Weinland mit so viel negativem Gepäck. Mir sagte eine MW: „German wine law is the pain of my life.“ Es ist wirklich beängstigend und wird falsch gelehrt. Deswegen schrieb ich dieses Buch, obwohl es ein Scheißdeal war, der ganz wenig Geld bringt. Ich arbeitete 1,5 Jahre daran, habe in meinem alten Volvo jede deutsche Weinregion bereist und viel alte Literatur gelesen. Das deutsche Weingesetz wirkt sehr fremdartig auf Ausländer und unterscheidet sich gravierend von allen anderen europäischen Weingesetzen. Man ist schnell verunsichert. Die Käufer schauen auf die Etiketten und sind so verwirrt, dass sie die Flasche wieder wegstellen. Der deutsche Wein braucht Persönlichkeiten auf der Welt, die ihn erklären und nach vorne bringen.

Was steht in meinem Buch? Mir war wichtig, alle deutschen Weingebiete gleichberechtigt zu behandeln. Es darf nicht immer nur um Mosel und Rhein gehen. Auf unseren 102.000 Hektar gibt es eine schillernde Vielfalt.

Wie erlebte ich die Prüfung zum MW? Als ich ins Programm aufgenommen wurde, ging ich aufs Klo und heulte vor Angst, weil ich mir unzulänglich vorkam. Man steht unter irrem Druck. Vor allem, wenn man gewissenhaft ist wie ich. Die Vorbereitung war unheimlich hart und brachte mich nahezu um den Verstand. Ein Coach für Profi-Sportler brachte mir Konzentration und Gelassenheit für die praktische Prüfung bei. Nach 5 Jahren, im September 2014, war ich MW.

Macht großes Wissen über Wein einsam? Überhaupt nicht. Wein ist Geselligkeit und Austausch. Je mehr ich von Wein verstehe, desto größer wächst die Freude daran.

Wie verkoste ich Wein? Ich verdiene mein Geld damit, blind zu verkosten. Da stehen 70 Grüne Veltliner aus dem gleichen Jahrgang und meine Aufgabe ist es, die wahrheitsgetreu zu beschreiben und ihnen eine Benotung zu geben. Ich schnuppere ins Glas, nehme den Wein in den Mund und behalte ihn so lange darin, bis die Verkostungsnotiz geschrieben ist. Dann spucke ich und spüre, was hinterher passiert. In einer Blindprobe, wo man herausfinden muss, um welchen Wein es sich handelt, gehe ich anders vor. Dann zählen Erinnerung und Erfahrung. Das Riechen ist unheimlich wichtig. Und Säure. Ich kann immer weniger ohne Säure leben.

Der letzte Wein, der mich begeisterte? Ich kam heute Morgen aus Südtirol. Dort probierte ich alte Blauburgunder-Jahrgänge von Hofstätter. Gestern Nachmittag trank ich einen Zero-Dosage-Schaumwein ohne zugefügten Schwefel von Arunda. Und ich trank einen ganzen Abend lang Vernatsch. Das ist ein transparenter, leichter, säurebetonter Rotwein, den man gekühlt genießt. Ich muss keine Etiketten mehr trinken. Ganz egal, was die Welt über Trollinger oder Vernatsch denkt – ich kann diese Weine genießen. Ich weiß, was mir schmeckt und finde daran sehr viel Freude und Erfüllung.

Wie gehe ich mit Männern um, die sich wichtig machen? Viele meinen aus Unsicherheit etwas beweisen zu müssen. Dann versuche ich zu vermitteln, dass nur die Freude am Wein zählt.

Meine persönlichen Tipps? Silvaner von Zehnthof Luckart aus alten, geretteten Reben, die einen vollkommenen Wein hergeben. Oder Silvaner von Rudolf May aus der Lage Rothlauf, wo der Buntsandstein in Muschelkalk übergeht. Ein unheimlich graziler Wein. Ich liebe Spätburgunder, Riesling und Sekt und bin ein pleasure junkie.

 


Datum: 7.10.2019 (Update 9.10.2019)
 

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