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Verschollen im Südlichen Südtirol

Verschollen im südlichen Südtirol_ART
Das letzte Foto. Dann war sie weg.
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Tramin, Kaltern und Eppan heißt das Bermudadreieck in Südtirols Süden. Immer wieder verschwinden dort Weinfreunde und tauchen nicht wieder auf.
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Der Captain hat schon oft davon gehört. Von dieser sagenumwobene Region, die Menschen verschluckt. Um genauer zu sein: Weinfreunde. Es geschieht zwischen den Weingemeinden Tramin, Kaltern und Eppan. Gottseidank bleiben die Verschwundenen nicht für immer verschollen. Wohlgenährt und dümmlich grinsend spuckt das seltsame Monster seine Opfer am Ende ihres Urlaubs wieder aus.

Was zieht diese armen Leute in seinen Bann, dass sie tagelang nicht mehr aufzufinden sind? Das wollte ich herausfinden.

Bevor ich abreiste, verfügte ich für den Fall meines dauerhaften Abtauchens, dass unser Hausmeister im Büro die Barolo-Sammlung bekommt. Er hat sich das verdient. Fragt mich nicht, warum. Aber wenn es soweit kommt, kann mich sowieso keiner mehr fragen.

Wochenlang bereitete ich mich vor. Studierte Weinführer (insbesondere den Vini d’Italia von Gambero Rosso), las Landkarten und markierte Weinlagen. Prüfte die Weinkarten der Hotels, schloss eine Lebensversicherung ab und verschlang die Bücher von Joseph Zoderer, jenem Südtiroler Literaten (Jahrgang 1935) der hochbetagt in Bozen lebt. Zoderer-Figuren sind Heimatsuchende. Mehr oder weniger. Ich wollte verstehen, was dort passiert.

Minutiös wie ein Stabsoffizier plante ich meine Recherchen.

Anreise mit der Bahn. Ankunft in Bozen, Weiterfahrt mit dem Regionalbus nach St. Michael/ Eppan (Linie 132), Transfer zum Stroblhof, leichtes Abendessen und ein oder zwei Gläser vom Weißburgunder „Strahler“, ein schmelziges Meisterwerk. Nachtruhe, nicht jedoch, bevor Türen und Fenster gesichert waren. Am nächsten Tag Aufstehen um 6, Salbeitee, Müsli und Umgebung auskundschaften. Kellerführung mit Winzer Andreas Nicolussi-Leck, vorsichtiges Aushorchen nach Hinweisen, danach Besuch der örtlichen Schnapsbrennereien, insbesondere Hofbrennerei St. Urban in Girlan und dortselbst Verkostung des Goldmuskateller Barrique. Das Zeug steht im dringenden Verdacht, beim Verschwinden mehrerer Genusstouristen keine unwesentliche Rolle gespielt zu haben. Im weiteren Tagesverlauf Gespräche mit Einheimischen und Besuch bei den Carabinieri. Vielleicht ergeben sich ja neue Einblicke. Weiterreise Richtung Süden aber erst nach der Verkostung von vier wichtigen Weinen: Pinot Grigio Sanct Valentin 2014 aus der Kellerei St. Michael-Eppan, Sauvignon Lafóa 2014 aus der Kellerei Schreckbichl, Blauburgunder Trattman Mazon Riserva 2013 aus der Kellerei Girlan sowie Blauburgunder Bachgart 2013 vom Weingut Klaus Lentsch. Alle vier sind Weine aus der Region Südliches Südtirol, die in der jüngsten Ausgabe von „Vini d‘ Italia“ drei Gläser abgeräumt haben. Also Bestbewertung.

Ich bin ja kein großer Freund von Weinführern. Aber die Tester von Gambero Rosso scheinen über einen Geschmack zu verfügen, der dem meinen sehr nahe kommt.

Ähnlich gewissenhaft war die Vorbereitung meiner Besuche in den anderen Gemeinden. Zunächst Kaltern. Hochinteressant, weil sich dieser Ort aus den tiefsten Tiefen der Verdammnis emporgekämpft hat. Vom sprudelnden Quell beliebiger Massenweine zum Laboratorium für Krisenkommunikation und Imagewandel. Dass so etwas nicht im Handumdrehen zu bewerkstelligen und durch gedrechselte Rhetorik herbeizureden ist, mag jedem einleuchten. Die Winzer in und um Kaltern mussten sich mächtig anstrengen. Und kassieren langsam ihren Lohn. Mit Kettmeir, Klosterhof, Morandell, Thomas Pichler seien nur einige der Weingutsnamen erwähnt, die im Zuge der Kalterersee-Renaissance ausgesprochen werden müssen.

Kaltern, hier ist es ganz besonders schlimm. Vermisstenanzeigen zuhauf. Ich muss wissen, warum.

Die Gemeinde besteht aus insgesamt 7 Ortsteilen, Fraktionen genannt, die sich vom Kalterer See über einen Berghang von 200 auf 600 Höhenmeter erstrecken. Hauptort Markt Kaltern, bemalte Häuser, ein mit Blumen geschmückter Barockbrunnen, Renaissance-Häuser und die gotische Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt. Vom Kirchgarten aus herrlicher Blick auf das Etschtal und den Kalterer See mit den Weinbergen.

Schön und gut, so etwas gibt es andernorts auch.

In einem Reisebericht aus dem hintersten Winkel des World Wide Web stieß ich auf ein paar Hinweise, die mich staunen ließen. Ein Familienvater, der mit Frau und Kind in Kaltern das Urlaubsquartier bezogen hat, berichtet von ihren Ausflügen. Und wird danach nicht mehr gesehen. Hier ist der letzte Eintrag im Urlaubsblog des braven Mannes:

Ein erster größerer Ausflug führt uns auf den Ritten, den Hausberg von Bozen. Während in den unteren Hanglagen des Ritten der Wein wächst, findet man auf ca. 1.200 Höhenmeter – dem Endpunkt der Seilbahn in Oberbozen – saftige Wiesen. Weiter mit der Rittner Schmalspurbahn nach Klobenstein. Das Züglein tuckert durch eine romantische Landschaft mit kleinen Weilern, Mischwäldern und blühenden Almen. Da die Schmalspurbahn am Rande des Hochplateaus verläuft, haben wir immer wieder einen hervorragenden Blick auf das Eisacktal und die Dolomiten. In Klobenstein angekommen, genießen wir den Blick auf den berühmten Schlern. Dann mit der Bahn zurück bis Wolfschlugen. Das Praktische an der Schmalspurbahn ist, dass sie unterwegs an mehreren kleinen Bahnhöfen hält. Dort kann man aussteigen und schöne Wanderungen unternehmen. Wir hüpfen in Wolfsgruben aus dem Zug und marschieren durch das Tal und an den bekannten Erdpyramiden vorbei zurück nach Oberbozen – und hier sind wir fast allein! Diese Erosionserscheinungen entstehen in Moränen-Hängen, welche geeignete Steinblöcke und geschützte Lagen vorweisen. In einem Wechsel von einzelnen, ergiebigen Regenfällen mit erheblichen Trockenzeiten wird der Hang vom Regen zerfurcht und in ein Gewirr von Kegeln und Pfeilern aufgelöst. Das aufgeweichte Material beginnt zu rutschen und trennt sich so von dem trockenen Boden am Rand der Erosionszone, welcher durch Wald geschützt ist. Zur Herausbildung der Erdpyramide aus der Steilwand bedarf es eines Felsblockes, der geeignet ist, das darunter liegende Material hart und trocken zu erhalten. Nach einer halben Stunde Wanderung durch Weinberge und einen Buchenmischwald stürzt die Lufttemperatur innerhalb von 2 bis 3 Metern von angenehmen 25° um ca. 10° bis 12° am Rand der Mulde ab. Der Übergang zwischen Warm- und Kaltluft kommt für uns völlig überraschend, obwohl wir schon vorher darüber gelesen hatten. Aber für Kinder ist dies ein idealer Ausflug: Kurze Wege, Urwald-ähnliche Umgebung, Felsbrocken zum Herumklettern und natürlich die Eiszapfen! Ein weiteres Highlight unseres Urlaubs ist der Ausflug auf die Seiser Alm. Wir sind zwar schon oft dort gewesen, aber noch nie so früh im Jahr. Nach etwa einer Stunde Fahrt gelangen wir nach St. Ulrich und fahren mit der Gondel auf das Plateau der Seiser Alm. Was für ein majestätischer Anblick! Ich finde, auch Bilder können das kaum wiedergeben. Rund um uns frisch ergrünte Täler und die schneebedeckten Gipfel der Dolomiten. Vor uns liegt die rund 5.200 Hektar große Hochebene – ein Landschaftsschutzgebiet auf ca. 2.000 Metern Höhe, das im Sommer als Viehweide genutzt wird. Doch jetzt, Ende Mai, ist hier gerade das Frühjahr angebrochen. Wir entdecken Enzianarten, Schlüsselblumen sowie viele andere – oft selten gewordene – Frühlingsblüher. Den ganzen Tag stromern wir über Wiesen, die erst vor Kurzem vom Schnee freigegeben worden sind. Auch Schneefelder müssen hie und da überquert werden. Während der ersten halben Stunde haben wir immer wieder die markante Silhouette des Schlern vor Augen. Später wandern wir an der Langkofelgruppe, mit Langkofel, Fünffingerspitzen und Plattkofel vorbei. Die Lerchenwälder ergrünen erst gerade und nach jeder Kurve zeigen sich die Dolomiten in ihrem Facettenreichtum. Nach einem guten Vesper auf der Sanon Hütte müssen wir leider an den Abstieg denken. Wir entdecken einen steilen Wanderweg, der uns in 90 Minuten direkt zur Talstation in St. Ulrich zurückführt. Unterwegs gibt es nicht nur schöne Pflanzen zu entdecken, sondern auch wunderschöne Ausblicke aufs Grödnertal.

Der putzige Text stimmt mich zuversichtlich. Werde ich hier in Kaltern das Rätsel seiner Lösung zuführen? Liegt das Geheimnis der Verschwundenen irgendwo zwischen den Almen verborgen? Ich stelle mir vor, wie ich an einem Bahnsteiglein stehe und mir plötzlich die Erleuchtung kommt. Zuerst jedoch muss ich mich nach einer Bleibe umsehen. Und dann Tramin. Was werde ich erleben, nachdem ich über eine schmale Straße den Hügel hinauf den Dorfplatz erreiche und im Schatten des gewaltigen Kirchturms stehe? Soll ich durch das schöne Holztor ins Innere schreiten und mich von kühler Schummrigkeit ergreifen lassen? Mich über bunt schimmernde Fliesen dem goldfunkelnden Altar nähern und dort auf Erleuchtung warten? Nein, besser zuerst durch die verwinkelten Gassen streichen und die kleinen Innenhöfe erkunden. Blumenschmuck, Vogelgezwitscher, umherstreifende Katzen, Kaffee, Eis und Apfelstrudel ignorierend meiner Mission folgen.

Hinweis der Redaktion: Hier bricht der Reisebericht des Captain ab, der uns als letztes Lebenszeichen via E-Mail erreichte. Wir sind nur mäßig besorgt. Endlich ist Ruhe an Bord und wir können ungestört unsere Verkostungsartikel schreiben, ohne dass uns jemand reinquatscht. Die italienischen Behörden beruhigten uns: „Der kommt schon wieder, so etwas passiert öfter bei uns.“ In seinem zuletzt bekannten Nachtquartier Schloss Hotel Korb in Missian fand man im leer zurückgelassenen Zimmer eine handschriftliche Notiz von enigmatischem Inhalt, die wir am unteren Ende dieses Artikels veröffentlichten. Wahrscheinlich ist das wieder so eine spinnerte Phase. So etwas gab es schon mal, als der Captain in die Weingebiete Nordgriechenlands fuhr. Nach Verkostung im Weingut Kir Yianni umarmte er mitten auf der Straße einen Kutschengaul und verschwand. Für wen hält er sich eigentlich? Die aufgebrachte Pressefrau des Verbands der nordgriechischen Winzer musste ihn stundenlang suchen, bis sie den Alten völlig gelassen, als wäre nichts geschehen, in einer Taverne fand und ihn zur Rede stellte. Er aber zitierte nur die ersten Verse der Ilias, die er in seinem Hirn seit der Abiturzeit an hunderten Räuschen vorbei in die Gegenwart geschmuggelt hatte. Naja, Hauptsache, es ist ihm nichts passiert. Andreas, der nette Sommelier im Korb meinte, der Captain sei ihm ungewöhnlich fröhlich vorgekommen. Nicht so streng, wie in den Artikeln, die er schreibt. Wir sind uns sicher, dass alles ein gutes Ende nehmen wird und machen zur Feier des Tages eine Flasche Wein auf. Es ist ein fast reinsortiger und herrlich saftiger Vernatsch aus Kaltern. Wir finden, der passt zu diesem Artikel.

Zum Schluss noch die rätselhafte Botschaft des Captain. Wir können den Inhalt nicht deuten: 

„Ich habe meine Bestimmung gefunden“
 


Datum: 14.10.2017
 

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