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Trink die Sorte, die keiner kennt

schoenburgzwei Der Schönburger ist nach der Schönburg am Rhein benannt. The More You Know! (Foto: Castell-Hotels)
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Freitag der Dreizehnte. Ein guter Tag für einen Exoten. Doch der Captain weigert sich, auch nur ein Glas von zu trinken. Deswegen muss Maat Küblbeck ran und den Becher Schönburger leeren. Wie schmeckt die Sorte, die keiner kennt?
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Der Captain trinkt seit Tagen nur noch teures Zeug. Snobismus, der sich lohnt, sagt er. Snobismus? Pah! Prahlerei ist das. Snobismus wäre, Weine zu trinken, die kein Mensch kennt - womöglich aus Rebsorten, die ebenfalls kein Mensch kennt. Das ist mit dem Captain aber nicht zu machen, also muss mal wieder einer der Maate ran. Schönburger soll es sein. Nein, nicht Maat Schönburger, denn den gibt es nicht an Bord sondern diese weiße Neuzüchtung, die weinpolitisch und taktisch zur Identität Rheinhessens beitragen sollte. Irgendwann, damals.

Dass das nur mäßig gut geklappt hat, beweist ein Blick in die Statistik: Gerade mal 21 Hektar sind in ganz Deutschland mit dem Pinot Noir-Abkömmling Schönburger bestockt, der wegen der Farbe seiner Schalen ursprünglich Rosa Muskat hätte heißen sollen. Immerhin gehört der Löwenanteil Schönburger tatsächlich rheinhessischen Weingütern.

Das Weingut Moebus in Siefersheim ist eines, das Schönburger ausgepflanzt hat. Michael Moebus vertritt die siebte Besitzergeneration. Die Bücher des Betriebs gehen zurück bis 1841, demnächst soll der Sohn das Gut übernehmen. Erfahrung ist also reichlich vorhanden, fast schon ins Genom graviert.

Von allem ein bisschen. Und auch vom Schönburger

Dieser langen Tradition ist vermutlich auch zuzuschreiben, dass Moebus fest auf die klassische Qualitätspyramide setzt, also auf Prädikate - wahlweise trocken, halbtrocken oder süß. Das Sortiment bleibt typisch rheinhessisch - von vielem ein bisschen, sei es rot oder weiß. Egal ob Portugieser, Dornfelder, die derzeitige Modesorte Sankt Laurent, Weißburgunder, Riesling, Silvaner oder Chardonnay. Und zu all der Vielfalt auch noch Schönburger.

Die Trauben des Schönburger (ein Name, an den man sich erst gewöhnen muss) stammen aus der Lage Goldenes Horn. Klingt ein bisschen wie Cote d‘Or für Arme. „Arm sind wir ohnehin demnächst alle", brüllt mir der Captain über die Schulter. Egal. Einfach brüllen lassen.

Vom Goldenen Horn kommt bei Moebus noch eine trockene Spätlese vom Weißburgunder (aus 2011 mit 13% Alkohol), die sich schmecken lassen kann. Deswegen wollen wir sie kurz streifen bevor wir uns den Schönburger vornehmen: Joghurt, Honig, Weinbergspfirsich und ordentlich Schmelz - das ganze für fast kein Geld. Das macht Lust auf weitere Weine von Moebus, dem wir Unrecht tun, ihn nur wegen eines Exoten wichtig zu finden.

Folglich noch ein Glas von der trockenen Riesling-Spätlese aus dem Höllberg (Jahrgang 2011, 12,5% Alkohol). Die Nase lässt mich nicht direkt an Riesling denken, denn satt der erwarteten Steinobst- und Zitrus-Noten rieche ich Brennessel und Kalkstein, gekochten Apfel und etwas rohe Kohlrabi. Im Mund ist der Wein dann zwar sortentypischer aber noch viel zu jung. In zwei Jahren dürfte er deutlich zugänglicher sein.

Doch zurück zum Schönburger, um den es hier gehen soll. Dieser hat bei Moebus als einziger einen Fantasienamen: „Nr.2010-09". Wie deutlich zu lesen ist, stammt der Wein noch aus dem vorletzten Jahr. Warum man nicht, wie bei allen anderen Weinen auch, einfach die Rebsorte aufs Etikett schreibt, bleibt mir ein Rätsel. Aber letztendlich zählt, wie der Saft schmeckt.

Im Glas schwappt ein blassgelber Wein mit kupferfarbenen Reflexen. In der Nase ist der Schönburger zu Beginn ein bisschen kitschig, fruchtig, fast wie ein Muskateller. Dann aber Noten von weißem Pfirsich und Mojito-Minze. Nun wieder wie ein Riesling. Auch Säure im Zinken.

Im Mund und am hinteren Gaumen zeigt sich der Wein schlank bis mittelgewichtig. Und - hört, hört - ungeheuer würzig. Nichts ist eindeutig, am wenigsten die Frucht. Dafür schmeckt man delikate Muskat- und Rosenblütenblätter. Vor dem Schlucken geht er beim letzten Gurgeln in Deckung, um kurz darauf mit einem umso druckvolleren Abgang zu überraschen. Verblüffend präsent auch die Säure - obwohl 5,7 Gramm pro Liter für den eingefleischten Rieslingtrinker keine Provokation sind. Beim Schönburger scheint die Säure also eine eigene Rolle zu spielen. Ein seltsamer Wein, individuell und mit großem Trinkfluss. Muss man gekostet haben.

Bleibt noch zu sagen, dass Moebus nebem den hier schon erwähnten Weinen auch einen absolut sommer- und partytauglichen Sylvaner macht. In der Literflasche. Ohne Allüren oder übermäßige Ambitionen. Kein komplexes Meisterwerk aber um Längen besser, als so manche Supermarktplörre gleicher Preisklasse. Um wirklich kein Geld. Was will man da noch meckern?

  • 2011 Sylvaner trocken für 3,60 Euro, 2011 Höllberg Weißer Riesling trocken für 6,50 Euro, 2011 Goldenes Horn Weißer Burgunder trocken für 6,90 Euro und 2010 Goldenes Horn „Nr.2010-09" Schönburger für 6,90 Euro.

 


 

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