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Topf und Deckel: München wie es isst

walterbenjamineins
Der Captain hatte Fisch, Maat Küblbeck. Und eine Gräte (rechts im Bild). Und er hat - wie immer - nicht aufgegessen.
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Maat Küblbeck verlässt das Schiff, weil er Maat Golenias grauenhafte Jogginghose nicht mehr erträgt. Er flüchtet nach München, wo er in einem seiner Lieblingslokale Trost und Zuspruch findet. Bei perfektem Essen und großartigem Wein. Süden is best.
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An Bord ist (wie soll ich es ausdrücken?) ein bisschen dicke Luft. Nicht wegen der Alkoholschwaden. Sondern wegen Maat Golenia und seiner Jogginghose.

Was als harmloser Trotzakt und Angriff auf nicht nur mein ästhetisches Empfinden begann, zieht sich nun schon tagelang hin. Er will einfach nichts anderes mehr anziehen. Dazu noch immer und schon wieder die x-te Flasche seines neuen Lieblings-Dornfelders.

Für mich ist klar, das kann so nicht weitergehen. Statt mich also weiter mit dem Anblick von textilgewordenem Erdöl mit drei weißen Streifen entlang des Hosenbeins zu foltern, lasse ich das Beiboot zu Wasser und paddle was das Zeug hält. Da das ohne Krawatte besser geht, habe ich die zuvor am Garderobenhaken in der Kombüse gelassen – eat this, Golenia!

Nur weg hier! 

Wo ich jetzt zur Selbstrettung hinrudere, werde ich aber sowieso keine Krawatte brauchen. Mein Ziel ist ein Weinhandel und Restaurant im hippen Münchener Glockenbachviertel. Im Walter & Benjamin pflegt man genau jenen betont unkomplizierten Umgang, um den sich auch die besten Gourmet-Tempel derzeit bemühen. Und genau danach ist mir jetzt zumute.

Die Karte, und hier meine ich wirklich nur die mit den Speisen, ist erfreulich klein. Es gibt eine oder zwei Vorspeisen, einen Zwischengang, zwei oder drei Hauptgerichte und ein Dessert. Keine Menüs, keine Klassiker, kein Drumherum. Dafür ist aber alles frisch, alles immer anders, alles hausgemacht. Ein Menü zusammenstellen bedeutet dementsprechend, fast die gesamte Karte zu bestellen. Was irgendwie etwas angenehm abgehobenes hat.

„Schimmonet“ geht immer

Um die Entscheidung zu befeuern und die anschließende Wartezeit zu verkürzen, gibt es ein Glas 2002 Blanc de Blancs von Gimonnet. Offen, für erfreulich kleines Geld. Obwohl noch ziemlich jung macht dieser Champagner schon jetzt unheimlich viel Spaß mit seiner nussig-röstigen Nase und der mineralischen Tiefe. Die strukturgebende Säure macht ihn darüber hinaus zum idealen Begleiter meiner Linsensuppe mit Parmaschinken und Sauerrahm. Ein zweites Glas ist unausweichlich.

Und so finde ich mich – gedanklich – unversehens wieder an Bord des Schiffes, wo der Konflikt zwischen Proletariat und Noblesse zwar nicht in Linse und Champagner, dafür aber in Jogginghose und Maßhemd ausgetragen wird. Zum Glück kommt in diesem Moment auch schon die freundliche Kellnerin, um die leeren Gläser wegzuräumen und Platz für den Hauptgang zu machen.

Was mir dann vorgesetzt wird, ist ein kleines Meisterwerk für Freunde exzellenter Meeresfrüchte. Butterzarte gegrillte Sepia liegt auf geschmorten und gebratenen Auberginenscheiben, Tomaten und schwarzen Oliven. Das ist Bistroküche auf hervorragendem Niveau, erdig, salzig und gut gebuttert. Die Röstnoten der Sepia dominieren zu keinem Zeitpunkt, die Tomate sorgt stets für die nötige Säure (um Essen auch mal wie Wein zu besprechen).

Dazu trinke ich den göttlichen 2008 1er Cru Les Poruzots von Antoine Jobard, zugegeben viel zu jung, aber schon jetzt mit einer eleganten Tiefe und geschliffener Würze vom leicht getoasteten Holz, eine Behandlungskunst, wie es sie vermutlich nur im Burgund gibt. Was könnte den Genuss jetzt noch toppen? Ohne meine Stilfaschistenkrawatte geradezu entwaffnet, bestelle ich ein Dessert. Den Kilo mehr kann man morgen wieder heruntertrainieren.

Wenige Minuten später steht ein Teller mit einem perfekt fluffigem Honigparfait, Karamellkruste und einer leichten Sauce aus Kaffeelikör vor mir. Die frischen Brombeeren und Heidelbeeren sind eine nette Dreingabe. Vielmehr allerdings freue ich mich auf das flüssige Drumherum in Gestalt von Klaus-Peter Kellers Morstein Auslese 2010.

Sorry: im süßen Bereich ein großartiges Jahr

Dieser perfekte Riesling aus dem „grauenhaften Jahr“ (Sorry Captain, leider unrecht) zeigt schon jetzt, wie viel man sogar aus einer katastrophal geringen Ernte machen konnte, wenn man die richtigen Lagen und entsprechenden Ehrgeiz gepaart mit schierem Können vorzuweisen kann.

Cremig süß, aber nie aufgesetzt, gepuffert von einer zupackenden Säure und mit einem schier endlosen, salzig-mineralischen Korsett – grandios. Wenn das die Strafe für zu viel Ästhetik an Bord ist, schlage ich gerne wieder mal über die Stränge. Guten Appetit, Maate. Was esst ihr gerade?

  • Das Walter & Benjamin ist ein hipper Weinladen mit angeschlossenem Bistrot und schon alleine eine Reise nach München wert. Reservieren obligat. Wer noch heute oder morgen nach München fährt, kann Maat Küblbeck seine Krawatte mitbringen. Die liegt abholbereit am Schiff.
 


 

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