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Super-Gau: Unser Wille geschehe…

fukushb
Mundschutz, Jodtablette: 1986 releoaded... (Fotos: nhk, dpa)
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Über welchen Wein soll man schreiben, wenn eine große Atomkatastrophe ein ganzes Land bedroht? Genau, das lassen wir heute mal aus. Und denken nach, warum es zu dieser Katastrophe kam. Das Erdbeben war es nicht alleine.

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Das ist ein zweites Tschernobyl. Über diesen Satz muss man sich keine Gedanken mehr machen. Man kann ihn sagen. Es wird wenig geben, dass uns aus dieser Tatsache herausholt, dass uns den Zustand erträglicher macht. Mag sein, dass weniger Radioaktivität austritt, die Kernschmelze scheint noch nicht erfolgt. Mag sein, dass es weniger Cäsium ist. Und mehr Jod. Mag sein, dass es unmittelbar weniger Tote gibt. Sicher ist aber, dass ein sehr dicht besiedeltes Land einen Unfall mit einem Kernkraftwerk erleidet. Und es ist ein westliches Land, seine Atomkraft auf hohem technischem Niveau. Allen Beteuerungen zum Trotz sind die Kraftwerke dieses Landes offenbar nicht sicher.

Was heißt das? Zu allererst heißt das, dass die hochtechnologische Firma, die das Kraftwerk betreibt, kein absolut sicheres Energieversorgungssystem für Katastrophen bereit hat. Kein Energiesystem, dass die Kühlung des Reaktors garantiert. Zuerst, so heißt es, fiel der Strom aus, dann der Notstrom, dann das letzte Glied der Kette: die Batterien.

Als die Batterien ausfielen, gab es offenbar keine weiteren Batterien, die die ausgefallenen Batterien ersetzen konnten. Und es konnten auch binnen Stunden keine neuen Batterien zur Kühlung zum Kraftwerk gebracht werden. Was wieder heißt, dass man sich offenbar diesen Notfall nicht vorstellen konnte. Man dachte also, Strom, Notstrom und Batterien müssten zu Kühlung reichen. Das ist im Augenblick alles nur Spekulation, aber so stellt es sich laut Nachrichtenlage dar. Man hat also – wahrscheinlich aus Kostengründen – auf eine vierte Sicherung verzichtet.

Ein irres Experiment

Von Tschernobyl wissen wir, dass das Experiment eines jungen Ingenieurs den Reaktor zur Explosion brachte. Also etwas völlig Widersinniges, typisch für ein widersinniges System. Auch war der sowjetische Reaktor von sehr minderwertiger Qualität. Und generell schadfallgefährdet. Daraus zog man den Schluss, dass ähnliches in westlichen Atomkraftwerken nicht stattfinden kann. Und der Schluss war auch richtig. Ähnliches fand in westlichen Atomkraftwerken seither nicht statt.

Deswegen machte man mit der Atomkraft weiter. Bis heute. Doch heute zerstören die Folgen eines Erdbebens den Traum von der westlichen Reaktorsicherheit. Der war ja eigentlich ja schon seit Harrisburg ausgeträumt, jenem ersten schweren Unfall in einem Kernkraftwerk, der 1979 die Welt erschütterte. Und allen Atomkraftgegnern, vor allem den deutschen, Recht zu geben schien. Damals hielt noch die Reaktorhülle. Und der Austritt von Radioaktivität hielt sich in Grenzen.

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Das gehört unter die Erde. Doch dort bringt es keinen Gewinn…

Tschernobyl geriet mit den Jahren in Vergessenheit. Der Unfall und die Folgen waren das Erbe des unzulänglichen und desolaten kommunistischen Systems. Im Kapitalismus, so glaubte man, kann das nicht passieren. Schon gar nicht dort, wo strenge staatliche Aufsichtsbehörden ein Auge auf die Anlagen werfen. In Deutschland, so versichert die FDP gleich heute, ist das immer noch der Fall. Deutsche Atomkraftwerke sind sicher, tönt es aus der Koalitionspartei, um ja keine Atomkraftdiskusson aufkommen zu lassen. Die wird sich jedoch nicht vermeiden lassen.

Doch eines ist klar: Deutschlands enormer wirtschaftlicher Aufschwung wäre ohne Atomkraft nicht möglich gewesen. Ähnliches gilt für Japan. Und ganz sicher für Frankreich, das sich in den siebziger Jahren nach dem Ölschock mit dem exzessiven Ausbau der Atomkraft von fossilen Brennstoffen zum erheblichen Anteil unabhängig machte. Und bis heute von dieser Unabhängigkeit profitiert.

Klar auch, dass konventionelle Energie von alternativer Energie heute noch nicht zur Gänze ersetzt werden kann. Und zur Entwicklung alternativer Energie braucht es jede Menge konventioneller Energie. Die woher kommt? Genau.

Resultat des Finanzmarktkapitalismus

Die Frage, die wir uns alle stellen müssen, ist, ob der gegenwärtig finanzmarktgetriebene Kapitalismus, der immer kürzere Produktionszyklen vorsieht und immer mehr Rohstoffe und Energie verbraucht, das System nicht gegen die Wand fährt. Die Frage, die wir uns nach dieser Frage zur Frage der Atomkraft stellen müssen, ist die, ob sichere Atomkraft ökonomisch einträglich betrieben werden kann. Oder ob ein sicheres Atomkraftwerk (unterirdisch, sechsfacher Mantel, fünffache Sicherung) nicht einfach zu viel Geld kostet, um Rendite zu erwirtschaften.

Darauf folgt wieder die Frage, ob man eine lebensbedrohende Technik in die Hände einer gewinnorientierten Marktwirtschaft legen darf, die in den letzten Jahren von Fonds und Beteiligungsgesellschaften getrieben wird; eine Entwicklung, an der wir alle Schuld tragen, alleine wenn wir eine Riester-Rente zeichnen.

Fragen nach Fragen

Und danach stellt sich die Frage, ob man ähnliche Beschränkungen nicht auch für Lebensmittel fordern darf, die von Hedge-Fonds zur Spekulation benutzt werden. Und wenn wir weiter nachdenken fallen uns sicher noch ein paar Beispiele ein, die den gegenwärtigen Kapitalismus als Zerstörer der sozialen und gelenkten Marktwirtschaft ausmachen.

Und für all diese Einsichten muss man nicht mal Marxist sein. Das Atomkraftwerk in Japan flog deswegen in die Luft, weil man offenbar auf eine vierte Sicherung verzichtete. Auf diese Sicherung wurde wahrscheinlich aus Kostengründen verzichtet – und weil die willige Behörde keine weitere vorschrieb. Dieser Verzicht führte dazu, dass der börsennotierte Energiekonzern Tokyo Energy & Systems Inc. (Besitzer von Tokyo Electric Power Co.) höhere Gewinne an seine Anteilseigner ausschütten konnte. Und das wiederum garantiert die Höhe so mancher japanischen Zusatzpension. In Deutschland ist das ähnlich. Überall ist es ähnlich.

Noch Fragen?

Deswegen müssen wir auch nicht lange nach Schuldigen suchen. Wir sind die Schuldigen. Wir haben das System kreiert und akzeptiert. Jede Art Empörung ist lächerlich. Das werde ich denken, wenn ich das nächste Mal von den rheinhessischen Hängen auf Biblis schaue. Unser Wille geschehe.

 


Datum: 12.3.2011 (Update 21.3.2011)
 

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