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Piemont für Masochisten

Nein, Barriques sind hier verboten!
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Der Captain öffnete eine Flasche Barolo, die man besser bis 2035 geschlossen gelassen hätte. Dafür war der gleiche Wein aus dem Jahre 1967 schon gut zugänglich. Und es gibt ihn auch zu kaufen.
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Heute geht es am Schiff um einen Wein aus der Region Piemont. Und – wie könnte es anders sein – um richtig abartig traditionellen Nebbiolo aus der Gemeinde Barolo. Heute wird Barolo getrunken. Und zwar ein teurer Barolo.

Den modernen und für mich einzig wirklich relevanten Barolo initiierte Mitte des 18 Jahrhunderts ein gewisser Camillo Benso di Cavour, nebenbei Ministerpräsident Sardiniens und italienischer Befreiungspolitiker, der bei seinen Reisen durch die europäischen Weinregionen nebenbei zu dem Schluss gekommen war, dass man im Piemont bessere Weine machen könnte. Deswegen holte er französische Önologen in die Region, die sich der Kellertechnik annahmen.

Diese reduzierten den Ertrag der Rebstöcke und setzten im Keller auf große und saubere Holzfässer. Die piemonteser Winzer kopierten die besten Techniken aus dem Bordelais und des Burgund. Der Rest ist Geschichte. Der Barolo stieg auf. Und wurde ein Wein der Könige.

Mittlerweile hat man diese Tradition einem amerikanischen Anwalt namens Robert Parker und anderen Nullcheckern geopfert. Aber das ist wieder ein anderes Thema.

Saftiger Weißwein vom Barolo-Papst

Barolo muss nun mürbe und rund schmecken. Und das sofort. Von Lagerfähigkeit kann man nicht mehr sprechen. Dem aktuellen Trend entsprechend ist zum Beispiel bei Elio Altares Fruchtsuppen nach 10 bis 15 Jahren Schluss. Eine Alterserwartung, die klassische österreichische Blaufränkische erfüllen. Also Weine für 7 bis 10 Euro.

Barolo mit 95 Parkerpunkten haben ungefähr so viele Ecken und Kanten wie eine Verfilmung eines Rosamunde Pilcher-Romans. Der Grund für die Misere heißt „225 Liter“, die Größe eines Barrique.

Sohn, warum zersägst du unsere Fässer?

Klassischer Barolo ist in den letzten Jahren sehr selten geworden. Einer der traditionellsten Weine kommt aus dem Hause Cavallotto, ein Weingut, das sich im Piemont gegen Barriques wehrt wie ein kleines gallisches Dorf gegen die Römer. Die Fasskapazitäten bei Cavallotto bewegen sich zwischen 10 und 100 Hektolitern.

Die Weine von Cavallotto sind beeindruckend, ihr Lagerpotenzial quasi unendlich. Ein großer Wein ist zum Beispiel der Brico Boschis 1967, den ich im Frühjahr letzten Jahres trinken durfte. Betörende Rosennoten, atemberaubend feine Frucht und perfekt eingebundenes Tannin. Der Wein brauchte 43 Jahre zur Perfektion. Nachdem man bei Cavallotto die Art Wein zu produzieren nicht verändert hat, kann man Ähnliches auch von jüngeren Jahrgängen erwarten.

Zum Beispiel vom Bricco Boschis. Ein ungemütliches Wesen aus einer anderen Etage, dem man sich aus Überzeugung annähern muss. Dieser Wein ist ganz ganz groß und wird viele andere Weine der Region um Dekaden überleben.

Im Glas das typische, nicht zu dunkle Rubinrot. In der Nase dann eine strenge Kälte, nichts Süßes, nichts Gekochtes, nichts Eingedicktes, keine Tomate. Eigentlich gar nichts. Verschlossen, dichtgemacht. Deswegen muss er in die Karaffe.

Und es ist auch gleich klar, dass dieser Wein nun um Jahrzehnte zu früh getrunken wird. Ich habe Angst, den Topzustand dieses Weins nicht mehr zu erleben.

Nach zwei Stunden Luft dann viel Ingwer und Rosenblüten. Und ein deutliches Aroma von schwarzen Kirschen und etwas Teer.

Im Mund immer noch sadistische Härte, enorme Säure und Tannin. Das wird sich erst in Jahren geben.

Die überwältigende Frucht hat nicht den Hauch einer Holzstütze. Das ist ein archaischer Wein, wie man ihn kaum mehr kennt. Die Arbeit unbeirrbarer Überzeugungstäter, die sich leisten können, auf Linie zu bleiben. Ein Muss für jeden Sammler. Und ein Wein, der tatsächlich einen Tag Luft braucht, bis er irgendwie genießbar ist. In zehn Jahren dann. Besser in dreißig. Ein Lebenspartner

 


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Datum: 30.1.2018 (Update 1.2.2018)
 

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