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Parker geht. Sein System bleibt.

parkergozwei
eine letzte Nase Wein bevor ich geh...
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Robert Parker, mächtigster Weinkritiker der Welt (vom Captain heftig kritisiert) verkauft großeTeile seines Unternehmens und zieht sich vom Tagesgeschäft zurück. Ein verfrühter Nachruf.
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Wein ist heute Teil der Alltagskultur. Das war nicht immer so. Noch vor wenigen Jahren trank die Masse der Menschen bloß schlecht gepanschte Industrieplörre. Nur eine kulturbeflissene Minderheit genoss Wein von kleinen handverlesenen Winzern aus kontrollierten Anbaugebieten.

Und diese Minderheit hörte auf Einsager aus England. Weinkultur hinterließ folglich den Eindruck, Teil eines zeitlosen Snobismus zu sein. Einerseits verachtete man die Weinschwätzer, andererseits bewunderte man ihren stilsicheren Umgang mit dem besten Getränk der Welt.

Alles Deppen…

Es waren junge Weinkritiker wie Robert Parker, ein Verbraucheranwalt aus Vermont, die das schlürfende Bürgertum als nachplappernde Deppen entlarvte. Nur wenig des damaligen Wissens entsprach den Tatsachen, das meiste entsprang der Phantasie grauer Claret-Trinker. Robert Parker beerdigte das unsinnige Geschwätz, als er sich zum Sprecher der getäuschten Konsumenten machte. Und er hatte Recht, denn wie lächerlich Weinkultur damals war, kann man heute noch in verstaubten James-Bond-Filmen sehen.

Robert Parker war also einst ein Revolutionär. Einer von den guten Leuten. Einer, der es besser wollte und dafür sorgte, dass es besser kam. Das war vor dreißig Jahren. Zwischenzeitlich ist viel Wein die Kehlen hinuntergeronnen. Und Parker ist ein nicht kleinzukriegender Faktor.

Coca-Cola. Und die Nischen

Heute hat Parker der Welt seinen Coca Cola-Weingeschmack aufgezwungen. Fette, marmeladige, tanninreiche und fruchtig-alkoholische Weine. Manche dieser zahlreich vorhandenen Weine werden inzwischen gar nicht mehr gekauft, wenn Parker sie nicht mit mindestens neunzig Punkten würdigt. Mit dieser Politik ging der Weinwelt ein Teil ihrer Vielfalt verloren, auch wenn Parkers Mitarbeiter zunehmend seltene Weine aus seltenen Trauben mit Lob überschütten. Wie etwa Blaufränkische aus dem Burgenland. Das System Parker ist also flexibel.

Doch längst bleibt auch im System Park nicht jeder Stein auf dem anderen. Den Erfolg autochthoner Weine haben Parker und seine Mannschaft zuerst so nicht kommen sehen. Also sind sie zurückgerudert. Und wieder vorgestoßen. Haben die Niederlage zum Sieg verwandelt. Aber sie mussten auch erfahren, dass nicht jeder Wein sich automatisch verkauft, nur weil Parker ihn mit einer hohen Punktezahl beglückt.

Unbestritten großer Verkoster

Unbestritten ist Parker ein großer Verkoster, ein perfekter Bewerter, ein wirklich erfahrener Weintrinker. Ihm Banausentum vorzuwerfen, wäre dreister Unsinn. Parker kostet besser als Sie und ich. Und wir alle zusammen. Und das macht das System Parker offenbar unangreifbar. Unangreifbar, weil es das Gerüst eines sicheren Gebäudes ist, das im Augenblick keiner abreißen will. Kritik sehr wohl, doch bitte im Haus bleiben und nicht auf die Strasse gehen. Man kennt ja sonst nichts. Wer will zurück in die Zeit vor Parker?

Das hat gewisse Parallelen mit dem herrschenden Finanzmarktkapitalismus, der (wie Parker) seit 20 Jahren unser Handeln diktiert und dabei (wie Parker) offenbar große Verwerfungen anrichtet. Jeder kritisiert, keiner ändert. Schockstarre.

Parker ist heute mächtiger denn je. Er ist die einzig weltweit relevante Rating-Agentur einer oft hoch verschuldeten Branche, die ihre Produktion immer schneller an die Leute bringen muss. Heute werden im Bordeaux ein Drittel mehr Flaschen (vor allem hochwertiger Weine) produziert als vor 1990. Die Weinbranche kämpft wie viele Branchen mit der Überproduktion. Es wird zu viel gekeltert. Und zu viel Gleiches in Flaschen gefüllt. Eine einfache Wahrheit.

Aber anstatt Konsequenzen zu ziehen und die Produktion zu verringern, wird erweitert und vergrößert. Man kennt die Fehler. Und lernt nicht draus. Denn es gibt Gott Parker, der vielleicht einen Weg aus dem Tal der Tränen kennt. Aber schön langsam erkennt man, dass dieses System nicht mehr funktioniert.

Ab in die Rente, bevor es zu spät ist

Und weil es nicht mehr funktioniert, geht Robert Parker in die wohlverdiente Rente, verkauft sein Unternehmen an asiatische Investoren und zieht sich aus dem Tagesgeschäft zurück. Das ganze Unternehmen landet dort, wo er noch richtig viel Einfluss hat – in Asien. Dass bedeutet auch, dass Parker kein amerikanisches System bleibt. Und bei Weinenthusiasten notgedrungen an Einfluss verlieren wird.

Den neuen Investoren wird es vor allem um die Monetarisierung des System Parkers gehen, sie werden schneller Kohle sehen wollen als Parker – ganz alte Schule – das jemals wollte. Parker ist nun endgültig in der kapitalistischen Gegenwart angekommen, ein Unternehmen, wie viele andere auch – rein renditeorientiert.

Das System steht über dem Mensch

Parkers Nachfolger werden versuchen, den Einfluss des Systems aufrecht zu erhalten, denn Parker (nicht der Mensch, sondern sein System) bleibt Richter und Henker in einer Person. Das wird noch ein paar Jahre dauern. Und dann ist Parker (das System) das, was Parker (der Mensch) schon heute ist. Vergangenheit.

 


Datum: 10.12.2012 (Update 12.1.2015)
 

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