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Tagebuch eines Orange-Trinkers

So wächst man zusammen.
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Orange Wine (=Naturwein oder maischevergorener Weißwein) ist nicht jedermanns Sache. Gut so, bleibt mehr für mich übrig. Tagebuch eines langsamen Verliebens...
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Mach den Wein auf, dekantier‘ ihn und dann probierst du ihn über eine Woche hinweg, jeden Tag ein Gläschen.

Mit dieser Empfehlung zu einer Flasche Weisser Schiefer M des österreichischen Winzers Uwe Schiefer im Südburgenland entließ mich ein Bekannter vor einigen Wochen.

Tagelang, wochenlang schlich ich um die Flasche herum, wollte nicht, traute mich nicht. Erst als sich meine Frau über diese dicke Burgunderflasche beschwerte, die im Kühlschrank so viel Platz wegnimmt, fasste ich mir ein Herz…

Erst noch kurz erklärt, was es mit Orange Wine auf sich hat.

Diese Weißweine werden gemacht wie Rotweine. Nach dem Pressen lässt der Winzer die Beerenschalen einige Tage in Kontakt mit dem Wein – deshalb sprechen manche auch von maischevergorenen Weißweinen.

Die Maische, das ist der Brei aus Fruchtfleisch und Kernen. Außerdem werden diese Weine wenig bis gar nicht geschwefelt, was sie vor Oxidation bewahren und die Frische konservieren würde. Hier wird diese gewollt oder bewusst in Kauf genommen.

Tag 1: Bernsteinfarben glänzt der Wein im Glas. Ich halte meine Nase hinein und der erste Gedanke ist: Apfelmost – oder doch eher Birnenmost? Auf jeden Fall ist da auch noch was vegetabiles, der Wein riecht gemüsig. Vielleicht Sellerie? Am Gaumen setzt sich die Mostnote fort. Außerdem schmeckt der Wein deutlich nach Salzmandeln und nach Sherry. Meine Begeisterung? Hält sich in Grenzen.

Tag 2: Der Wein riecht etwas frischer als am Tag zuvor. Der Apfel scheint frischer in der Nase und am Gaumen. Die Salzigkeit ist etwas zurückgenommener, ebenso das Gemüse. Dafür meine ich eine Spur von Heu zu riechen. Meine Begeisterung? Hmmm…

Tag 3: Was ist denn über Nacht mit dem Wein passiert? Heute riecht er wieder deutlich mehr nach Gemüse, dazu kommt Nagellackentferner. Hä? Außerdem schmeckt er nun sehr deutlich nach Sherry. Meine Begeisterung? Ich hätte gerade sehr gerne einen jungen, frischen Riesling.

Tag 4: „Sag mal Wein“, denke ich mir, als ich ins Glas rieche, „hast du mich gestern verarscht?“ Das vegetabile ist immer noch da, aber nun kommen dazu Noten von Karamell und Waldhonig, etwas Tannennadeln, ein bisschen Pilze, herrlich ergänzt von der Salzigkeit. Wahnsinn, wie komplex der Wein auf einmal wirkt. Im Mund schmeckt er deutlich frischer als gestern, der Apfel scheint mit jedem Tag jünger. Meine Begeisterung? Irgendwie ist das doch geiles Zeug…

Tag 5: Den ganzen Tag unterwegs gewesen. Ganz ehrlich, lieber Wein – heute Abend darf’s auch mal was unkompliziertes sein. Pfälzer Riesling zum Beispiel.

Tag 6: Der Riesling muss weg. Hält sich ja nicht so ewig wie ein Orange Wine.

Tag 7: Oooch, heute mal ein Bier.

Tag 8: Hallo Wein? Wie geht es dir? Bist du noch da? Ist er. Und wie! In der Nase riecht er nun staubig, wie früher der Speicher meiner Oma. Außerdem wieder Heu und ganz leicht Sherry. Am Gaumen tobt das Heu, sehr zurückgenommen sind heute Sherry- und Salznoten, ein klein wenig Karamell schleicht sich von der Seite rein.

Fazit: Selten so einen faszinierenden Wein getrunken. Selbst wenn man bedenkt, dass der eigene Geschmackssinn von vielen Faktoren abhängt und nie jeden Tag exakt gleich funktioniert, so ist es doch der Wahnsinn, wie sich dieser Tropfen von Tag zu Tag verändert, wie er sich mal verschließt, um sich dann 24 Stunden später umso mehr zu öffnen. War ich erst skeptisch, was Orange Wine angeht, dann mitunter abgestoßen und lustlos, so kann ich am Ende nur sagen: Wahnsinnsstoff!

Aber sicher nicht jedermanns Sache. Um das herauszufinden, gibt’s nur eins: probieren. Als Essensbegleiter passt sehr gut gereifter Hartkäse.

 


Datum: 22.3.2018