Westerland. Man muss es mögen. Sylt, da muss man warm werden mit. Meistens geht das nicht, denn es ist kalt. Aber es gibt jede Menge toller Restaurants auf Sylt. Und vielen dieser Restaurants ist eigen, große Weinkarten zu besitzen. Als wäre es auf Sylt notwendig, ständig ein wenig angeheitert zu sein. Und das nicht von der schlechtesten Ware.
Absoluter Spitzenreiter ist Jörg Müller. In seinem etwas altbackenen Hotel gibt es ein altbackenes Gourmet-Restaurant (Stil: Axel Springer). Und dann die viel gemütlichere, eigentlich auch viel schönere Pesel-Stube, ein altes Friesenzimmer mit Kacheln an der Wand, als wär hier Portugal.
Scheiß an, so viel Chassagne
Man kann sich auch an die billigen Plätze die teure Weinkarte bringen lassen und zum Dorsch auf bunten Linsen ("heißa! Bunte Linsen, viele viele bunte Smarties...") einen Chassagne-Montrachet schlürfen. Dann wird man allerdings von den Familien drumherum dumm angeglotzt, die an ihrer Apfelsaftschorle nippen. Warum kriegt der Typ so eine Zeremonie um seinen Wein?

Doch viel wichtiger ist das Weinbuch. Für einen Freak wie den Captain eine Lust drin zu blättern. Nur fertig wird man nie. Hat man einen Wein gefunden, etwa den 1996er Chassagne Montrachet Les Grandes Ruchottes von Paul Pillot (augenblicklich einer der schönsten und trinkfreudigsten Weine dieses Jahres), dann findet man auch den 96er Mersault Perrieres von Guy Roulot, den man noch nie getrunken hat. Und gerne trinken würde. Aber diese Unsicherheit. Himmel nochmal, was jetzt?
Weinkarte lesen statt Essen essen
Oder dann Rotwein, Bordeaux, noch viel schlimmer. Einerseits (und sehr günstig), der 89er Chateau Talbot (muss jetzt am Höhepunkt sein, wenn er lange im Keller lag und nicht herumgeworfen wurde), dann aber auch der 90er Beychevelle, ein Hammer von Bordeaux, trinkfreudig, dass man zwei Flaschen von trinken könnte. Oh Gott, dann auch noch der 89er Lagrange, warum trinkt denn das Zeug keiner aus, verstehen die Deustchen nicht, wie gut und günstig das Angebot hier ist? Kreisch, auch noch ein 89er Pavie, jetzt reichts aber.
Man kann nicht aufhören zu blättern. 1986 Chateau Clinet, auch noch erschwinglich, ein unterschätzter Wein mit sehr viel Terroir, das ihn stabilisiert. Oder 85 Trotanoy: Das muss ja weg. So schnell wie möglich. Sorry, ich halte das nicht aus.
Le Pin, alles verloren
Also blind auf eine Flasche getippt. Leider Le Pin, Seither wasche ich bei Jörg Müller ab. Noch drei Wochen, dann darf ich wieder aufs Festland
Jörg Müller zwischen € 50 und € 90 p.P. (3 Gänge), ohne Getränke.







Die Augen der Nordsee 


