31.01.10 WEINWISSEN 5 Einem Freund senden

Weinwelt: Müller sucht den Knüller

Muss ich das trinken? Ich kann nicht alles trinken! Muss ich das trinken? Ich kann nicht alles trinken!

Achtung: Der Captain ist ein Ignorant. Er will nichts mehr wissen. Nichts über irgendwelche Seitentalwinzer aus Portugal. Nichts über neue Winzer aus Griechenland, wenn ihm schon die alten (bis auf zwei Ausnahmen) nie geschmeckt haben. Wird schon seinen Grund haben, dass griechischer Wein nur als Udo-Jürgens-Protestsong bekannt wurde.

Der Captain will eigentlich auch keine neuen süditalienischen Winzer kennen lernen. Und auch nicht deren Weine. Nichts aus dem Ciro. Nichts aus der Umgebung von Neapel. Nichts aus Sizilien. Ja! Auch! Nichts! Aus! Sizilien!

Und schon gar keinen Wein aus Tunesien. Und auch nichts aus dem Libanon, denn da muss der Captain erst die alten Flaschen Chateau Musar austrinken. Und nichts Neues aus dem südlichen Balkan bitte; nichts, wenn es nicht überragend anders ist. Und nicht wieder nur ein 08/15-Wein nach dem gewohnten Weltweinkonzept - bisschen auf der Maische, dann 12 Monate ins kleine Fass.

Und aus Australien nur ein paar Unwooded-Chardonnays bitte. Etwas mehr Frucht statt Holz. Das könnt ihr den Captain bringen. Und nicht schon wieder einen Sauvignon aus Neuseeland, schmeckt alles gleich. Gut. Aber gleich. Der Captain will nichts mehr von dort trinken. Wenn! Es! Nicht! Anders! Wird!

Streifzug durch die Weinwelt: Müller sucht den Knüller. Tagtäglich wollen zig Importeure und PR-Agenten dem Captain irgendwelche Weine schicken. Doch der Captain kann das alles nicht trinken. Will es auch nicht. Denn der Captain befürchtet, dass das alles, selbst manch autochthone Sorte, immer ähnlicher schmeckt. Und der Captain glaubt, dass die interessanten Weine aufstrebender und nach Reputation suchender Weingengenden meist in der Region bleiben. Und dort ausgetrunken werden.

Der Captain weiß jetzt, was kommt. Man wird ihm vorwerfen, alles dümmlich über den Kamm zu scheren. Wie hätten die Duoro-Boys ihre Weine bekannt machen können? Oder so manches spanisches Nischenprodukt, das sogar der Captain anpreist? Und all die Ostwinzer? Des Captains Lieblinge? Wie kommen die in die Welt? Wenn nicht durch Proben, die ein Captain eben kosten muss.

Freilich ist das Lamento des Captain immer ein Luxuslamento. Viele Weinfreunde würden sich freuen, so viele Flaschen trinken zu dürfen. Der Captain macht eine Flasche auf. Und noch eine. Und noch eine. Und schon packt ihm die Langeweile.

Und dann öffnet der Captain einen Vetliner von Rudi Pichler, einen Chardonnay von Leflaive oder von Mikulski, einen Riesling von Volxem, Molitor, Prüm, etc. Er öffnet einen Spätburgunder von Dujin oder Bernhard Huber, eine Cuveé von Schneider oder den Merlot von Kuhn. Und einen gescheiten Bordeaux. Und. Und. Und...

In diesen Gegenden ist der Captain daheim. Und er fragt sich, wie er schon alleine den Überblick über die Jahrgänge seiner Lieblingswinzer (das sind mindestens 500) behalten soll? Wie soll er sich das alles merken, wenn er monatlich weitere 100 Weine kosten soll? Und er fragt sich freilich, warum seine Lieblingswinzer und Lieblingsweine immer aus den gleichen Regionen kommen? Nicht nur aus Europa, wie man ihm sicher vorhalten wird, sonder auch aus Napa und Oregon, aus Mendoza und dem Central-Valley (das in Chile), aus Tasmanien und Yarra

Und er fragt sich, wie die Kollegen Weintester das machen? Der Captain schafft es nicht. Er ertrinkt im Weinsee.

Deswegen hat sich der Captain entschlossen, nicht jedem neuen Weingebiet hinterherzurennen, nicht jeden neuen Knüller zu suchen. Sondern seinen Lieblingsgebieten, die er für die besten Gebiete der Welt hält, treu zu bleiben. Und dort, wo er sich auskennt, alert zu sein.

Was nicht heißt, dass ein guter Wein aus Georgien oder Rias Baixas, ein aussergewöhnlicher Tropfen aus Serbien oder Sizilien keine Chancen hätte. Weit gefehlt. Aber der Captain glaubt inzwischen, dass es diese Weine nicht mehr zu ihm schaffen. Und auch nicht schaffen müssen. Sie bleiben in der Region. Werden dort getrunken. Und das ist gut so. Man muss wieder zu den Weinen fahren. Wie früher. Als das Weintrinken noch richtig aufregend war. Weil man selber entdeckte, was heute die Post bringt.



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Kommentare 5

Kommentare

Michael Pronay

Lieber Captain,

Du musst das ohnehin nicht trinken, dafür sorgt ja schon der Rieder Fritz aus Poysdorf im Hintergrund, oder?

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Der Captain

Sehr gut beobachtet. Kompliment..

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Christa Hanten (via facebook)

recht hat er, der captain!

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KOST.BAR ...müde und restalkoholabbauend...

...Vetliner von Rudi Pichler, einen Chardonnay von Leflaive oder von Mikulski, einen Riesling von Volxem, Molitor, Prüm, etc. ...

und warum war ich nicht mit dabei? gerade beim rudi!!!
der ist soo geil - der typ

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Gottfried Lamprecht (via facebook)

"zu Hause", dort wo man sich auskennt, ist es immer am schönsten

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