Hinter Mikulov, 70 km nördlich von Wien, liegt ein unentdecktes schönes Weinbaugebiet. Es ist im Osten von einem feuchtigkeitsbringenden Stausee begrenzt. Dort hat der Captain das Schiff vor Anker gehen lassen und ist bergauf gestiegen, denn in Pavlov (nicht das mit dem Hund) hat der Restaurateur Radomir Nepras sein Hobby zum Beruf gemacht und keltert gemeinsam mit Schwiegersohn Ondrej Vesely rund ein Dutzend hervorragender Weine. Nepras ist der Klassiker des tschechischen Intellektuellen, wenn er über sich erzählt, erzählt er viel über sein Land. Etwa wie er im August 1968 in Prag gegen die Invasion aufgestanden ist. Und dann hingefallen. Wie tausende andere auch.
Man kann Menschen, die eine Revolution mitgetragen haben, das Revolutionäre nicht wegnehmen. So auch Nepras nicht. Er ist ein politischer Diskutant, ein überzeugter Antiisozialist, dessen Haltung man versteht, wenn man weiß, was es bedeutet, die Freiheit zu verlieren. Für Nepras, der aussieht wie ein altlinker Sponti und Grünwähler, ist alles Linke und Weltverbesserische reines Teufelszeug.
Sein Weingut hat er „Reisten" genannt. Nach einer Gloriette, die in Valtice steht. Über dem Schloss. Das Schloss hat er restauriert, wie etwa auch das berühmte Rudolfinum in Prag. Die Gloriette durfte er nicht renovieren, weil sie im Todesstreifen zu Österreich steht. Rundherum Stacheldraht, Wachtürme, Hunde, Maschinengewehre. Kein Kunsthandwerk erlaubt.
Aus diesem Grund die kleinen Revanche. Und weil er das Schloss renovierte, hat Nepras heute sein Büro in Valtice. Unter der inzwischen renovierten Gloriette. Der Schwiegersohn Ondrej bekommt jetzt die klassische Ausbildung, die Nepras nicht machte, Ondrej studiert Önlogie an der Weinbauschule im nahen Lednice.
Reisten ist für ein Hobbyweingut kein kleines Unternehmen mehr. Über Jahre wuchs es auf 28 Hektar Fläche an und produziert jedes Frühjahr etwa 100.000 Flaschen. Es ist Mitglied im Verband „V8", eine Winzervereinigung von acht tschechischen Weingütern, die gemeinsam strategisch auftreten und in Prag und Brünn eigene Klubräumlichkeiten unterhalten. Nepras ist Unternehmer geworden. Wohl auch, um ein bisschen mit der Vergangenheit zu brechen, mit seiner Zeit als Staatsangestellter.

So stellt er gleich zu Beginn einen Welschriesling auf den Tisch, einen aus 2007 mit 12,9 % Alkohol und 7,2 Gramm Säure. Eine Spätlese von alten Rebstöcken, ein kräftiger mineralischer Wein, der gar nicht nach jenen Welschrieslingen schmeckt, die uns mehr oder minder langweilig durch den Sommer begleiten. Eine Ansage.
Frisch und leicht keltert er hingegen den Gewürztraminer von Setzlingen aus dem Elsaß (12,2 % Alkohol, 7,2 Zucker). Auch hier drängt die deutliche Mineralik in den Vordergrund.
Der Sauvignon „Sedlec" 2007 (11 % Alkohol, 7,5 Zucker und 7,7 Säure) ist einmal mehr ein völlig anderer Wein, als man erwarten würde. In der Nase anfangs verhalten, im Geruch manchmal sogar an Dorschleber erinnernd, glänzt er mit enormer Ausgewogenheit. Er duftet später nach Granatapfel, Kräuter und Minze. Sein angenehm salziger Ton macht ihn pikant und delikat. Ganz hervorragend ist auch der Riesling Maidenburg 2005 (12,5 % Alkohol und 7,2 Säure), eine Cuveé verschiedener Klone (Rheingau) und Rieden. Ein mächtiger, wieder sehr mineralischer Wein, dessen 17 Gramm Restsüße niemals merkbar sind.
Eine der besten Lagen des Weinguts heißt „Göttliche Folter" und garantiert mit 40 % Kalkanteil jene enorme Mineralität, die bei allen Weinen von Reisten auffällt. Hier wächst ein Pinot Blanc, den Nepras in Frankreich gefunden hat. Dieser Klon kann mit der Eigenart des Bodens gut umgehen, eine Eigenart, die hier die Qualität der Weine bestimmt. Wer in Pavlov gegen den Boden kämpft, hat schon verloren.
Weine von Reisten direkt beim Onlineshop. Man muss etwas Phantasie besitzen. Oder man ruft an. Nepras spricht Englisch







Vor dem Keller der Dissident als Kellermeister 



Ich lese bei den Tschechem immer von Enzymen, Hefen, Klonen und Experimenten. Irgendwie gruslig. Das ist ja bei den anderen Ostreisen nicht so, oder?