Kaum dreht man den Flachbildschirm an, schon grinsen die Fernsehköche heraus. Ihre Kreationen dienen der Show, es muss schmoren und schmurgeln, damit das Volk bei Laune bleibt. Gegessen wird nichts, Essen ist nur Show in dieser Endzeit des Authentischen, wirklich gutes Essen bleibt nur den wirklich Reichen - einige Rückzugsregionen mal ausgenommen.
In den letzten zehn Jahren hat sich Gigantisches getan: die französische Hochküche ist von der spanischen Kreativ-Kamarilla enthauptet worden. Jamie Oliver, Feldherr des Cocooning, hat ganze Heerscharen untalentierter Nachgänger über den europäischen Sendeanstalten abgeworfen. Der amerikanische Rechtsanwalt Robert Parker zwang der Welt als selbsternannter Weinpapst seinen infantilen Einheitsgeschmack auf.
Essen ist heute Pop, gutes Essen ist aber Hochkultur und wie diese auch bald subventionsfähig. Mag sein, dass man in Frankreich demnächst die Sterneküche mit staatlichen Lehraufträgen querfinanziert, geplant ist dies zumindest. Das wäre etwas völlig Neues: Der Pöbel pfeffert mit seinen Steuerleistungen den vollen Teller der Restreichen, die ihr Geld wiederum fern der Bedürftigen immer noch in Steueroasen parken. So kann man Umverteilung auch angehen: Von unten nach oben.
Tatsache ist: Die Massenspeisung verelendet. Großkonzerne bestimmen, was in den Haushalten der Miserables auf den Tisch kommt. Und längst ist die Mittelklasse in der nivellierenden Etage angekommen. Gekocht wird dort nur noch für Freunde. Sind keine angesagt, schiebt man das Baguette oder die Pizza in die schick glänzende Mikrowelle. Das ist zwar schon länger der Fall, doch jetzt erreicht diese Moderne auch die Länder der gehobenen Kulinarik: Frankreich und Italien. Ein paar Musketiere der Slow-Food-Bewegung verteidigen das Königreich des guten Geschmacks gegen die Revolution der Convenience. Zwei Stunden Herd versus drei Minuten Bestrahlung. Wer gewinnt?
Tricadel gewinnt
Tricadel gewinnt. Tricadel war jener fiktive Nahrungsmittelkonzern gegen den der ebenfalls fiktive Gourmetkritiker (gespielt von Louis de Funes) im Film "Brust oder Keule" ins Feld zog. Tricadel schickte sich an, mit künstlich erzeugten, aber reell aussehenden Nahrungsmittel den französischen Konsument täuschen zu wollen. So einen musste das Handwerk gelegt werden. Das war 1972.
Tricadel hat gewonnen, 2006. Denn Millionen Menschen knabbern "Pringels", einen Stapelchip der aus folgenden Zutaten besteht: Kartoffelpüreepulver, pflanzliches Fett, pflanzliches Öl, Weizenstärke, Reismehl, Maismehl, Maltodextrin Emulgator: E 471, Dextrose, Hefepulver, Salz, Geschmacksverstärker: Mononatriumglutamat, Dinatriumguanylat und Dinatriuminosinat, Paniermehl, Zwiebelpulver, Paprikapulver, Knoblauchpulver, Farbstoff: Paprikaextrakt.
Keine Frage, dass auch die zahlreichen Einzelkomponenten, wie etwa Zwiebelpulver, wiederum aus industriell hergestellten Molekülen zusammengesetzt sind. Wir essen heute also einen makrochemisches Billigfraß, werden satt und glücklich, später jedoch hinfällig und krank. Wer einen an der Waffel hat, könnte dahinter eine Verschwörung vermuten, uns alle frühzeitig unter die Erde zu bringen - Sanierung der Pensionsversicherung und so. Doch im Sinne der Konsumenten kommt es lediglich zur Gewinnmaximierung der Aroma-Konzerne. Achselzucken bei den Vereinzelten, nur die letzten Mütter fürchten sich noch, wenn Stiftung Warentest darob Alarm schlägt.
Das Wahre, Gute, Schöne hingegen wird unbezahlbar. Eine Brasse aus dem kroatischen Wildfang: fünzig Euro. Vor Ort auch schon dreißig. Vor zehn Jahren noch sechzehn Mark, also acht Euro. Doch diese Preissteigerung regt keinen auf (bei Benzin droht gemeinhin die Volkswut), denn keiner weiß noch, wie eine Brasse aus Wildfang schmeckt. Unsere Brassen und Garnelen, die wir in den schicken Speisesälen zum späten Dinner ordern, kommen aus genormten Zuchtfabriken in Norwegen oder Thailand. So kriegt man auch die nötige Dosis Antibiotika reingewürgt und kann sich die Grippeimpfung sparen.
Das Wahre, Gute, Schöne jedoch, das Rebhuhn aus der Jagd, der Gemsrücken aus den Alpen, das Reh aus dem Erzebirge, die Seezunge aus Schottland, der nicht pasteurisierte Vacherin Mont d´Or, die handgeschöpte Schokolade mit hohem Kakaoanteil - all dies wird sich selbstredend weiterhin gut verkaufen. Wer solche Dinge produziert oder auch nur liefern kann, sieht einer gesicherten Zukunft entgegen.
Millionen verbleibender Reicher werden sich den Wohlstand auch durch die Krise nicht vermiesen lassen, vor allem, wenn sie im geschützten Sektor tätig sind, der keine Not zu fürchten hat. Selbst in der Geiz-ist-Geil-und-Dauerjammer-Republik Deutschland muss man bei Müller, bei Wohlfahrt oder bei Wissler immer noch Tage vorher einen Tisch bestellen. Das perfekte Grundprodukt, Bedingung der guten Kulinarik und einst für die Massen erreichbar, ist heute schon nahezu unerschwinglich. Es überlebt, wie einst, im Feudalismus. Aber damals ließ man den Knechten noch die Flußkrebse übrig.
Esst kaputt, was Euch kaputt macht
Wer das unmoralisch findet, flüchtet zukünftig noch zahlreicher in die Fress-Disneyländer, in die Toskana, in das Piemont, in die Provence, oder nach Burgund. Dort serviert man das große Einfache in üppigen Portionen. Etwa eine Pasta Fagioli, eine Mehlschwitze-Suppe aus Bohnenpüree, in der ein paar Nudeln schwimmen. Für einst fusionsküchenverheerte Hamburger Multi-Kreative ist dieses ländlich-Authentische auch in der dritten Generation noch ein prickelndes Erlebnis. Mögen die meisten bitte doch gleich dort bleiben und ihre Files nach oben mailen. An die Zeitungen und Werbeagenturen, die längst nicht mehr existieren. Ein Glas einfacher Rotwein reicht zum runterspülen.
Denn der einfache Rotwein feiert sein Comeback. Der einfache Weißwein auch. Nichts autochthoner, als ein Lemberger, nichts frischer und fruchtiger, als ein Sylvaner. Vor fünf Jahren wollte das niemand trinken. Die Welt der Einkäufer orientierte sich einzig und alleine an den Wertungen des umstrittenen Weingurus Robert Parker, der im Sinne seiner Cola-Konsumenten lediglich fruchtige, alkoholische und extraktreiche Weine dem Jubel der Fachmedien überantwortete.
Folglich schossen überall auf der Welt Weingüter aus den Feldern und so genannte "fliegende Önologen" besorgten deren Bewirtschaftung nach Parker-Richtlinien. Diesem Treiben hat erstaunlicherweise der Markt ein Ende gesetzt, der Konsument schielt in Zeiten der Globalisierung nach dem elaboriert Regionalen. Und findet es ausgerechnet im Wein. Die dutzenden Konzerne (etwa Axa oder Swarowski), die ihr Engagement in Sachen Önologie nach Chile oder sogar bis nach China trieb, müssen sich aber keine Sorgen machen. Ihr Investment scheint sicher, denn die dortige Klientel, die dortigen Neureichen, trinken ihre Weine, auch die teuren, gerne selber. Wir müssen also nicht fürchten, von chinesischem Cabernet-Sauvignon überschwemmt zu werden.
Doch das Geringste, das Essen und Trinken ausmacht, Brot und Wasser, diese beiden Unabdinglichkeiten geraten in ihrer reinsten und natürlichsten Erscheinung zur Mangelware. Was kristallklar aus dem Gestein rinnt, wird sofort in Flaschen verpackt und teuer verkauft. Die Hefe eines Jahre alten Natursauerteigs kann man einem alten Bäcker nur mit gutem Zureden abluchsen. Nichts signalisiert die Zeitenwende deutlicher, als das Verschwinden des Selbstverständlichen.
Josef Gold ist Mitarbeiter des Bayrischen Rundfunks und des DLF/DKR







Das große einfache Grundprodukt. Es wird Luxus 



dem ist nichts hinzuzufügen. bedauerlich.