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Hundert Jahre alt: Blättern im VDP

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Lights on: 100 Jahre VDP. Was blieb? Zwei Bücher...
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Wenn der rote Teppich abgebaut ist, kann man einen nüchternen Blick zurück werfen. Captains Maat Felix Eschenauer blätterte in zwei Büchern, die den weltbesten Winzerverband VDP erklären und feiern.
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Zum Geburtstag gönnt man sich schon mal was. Erst recht, wenn es der Einhundertste ist. Was Sterbliche selten erleben, können Institutionen wie der Verein deutscher Qualitäts- und Prädikatsweingüter, kurz VDP genannt, kräftig feiern. Das vergangene Jahr stand zur Gänze im Zeichen des Traubenadlers und wurde von einer Vielzahl begleitender Veranstaltungen bestimmt.

Diese Veranstaltungen zeigen sehr schön, welches Selbstverständnis der Verband heute besitzt. Angefangen bei „Kunst & Wein“ in Zusammenarbeit mit Berliner Galerien über die Kunstaktion „Weinbergleuchten“, der Illumination deutscher Spitzenlagen, bis zu den traditionellen Weinversteigerungen im Herbst, bewältigte der VDP den komplizierten Spagat zwischen Tradition und Moderne, zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Immerhin muss es der Verband allen Winzern recht machen. Zwei besondere Bücher, die im Jubiläumsjahr auf Initiative des VDP erschienen, stehen stellvertretend für das Interesse an der Vergangenheit und dem Blick nach vorn. Jetzt, im Folgejahr und nach all den Festivitäten, kann man einen nüchternen Blick über die Seiten schweifen lassen.

Mit dem prächtigen Fotoband „Deutschlands Weinelite“ (gefühlte zwei Tonnen schwer und von Tre Torri verlegt) hat sich der VDP eine gewichtige Visitenkarte zugelegt. Ausstattung, Umfang und graphische Gestaltung greifen auf, was der Titel verheißt: Wir sind wichtigste Winzer. Eine neue Souveränität ohne Bescheidenheit vorgetragen. Umrahmt werden die rund 250 Porträts der Weingutsbesitzer oder Verwalter von umfangreichen und farbkräftigen Fotografien der Anbaugebiete und einem kulinarischen Exkurs in die Küchen deutscher Sterneköche.

Prächtig ad absurdum

Diese präsentieren eine jeweils einem bestimmten Weintyp (z.B. Riesling trocken) angepasste Speise. Eine eher unglückliche Simplifizierung. Als gäbe es den „Riesling trocken“ oder den „Spätburgunder trocken“. Eine „exklusive“ Idee, die das ganze Konzept leider ad absurdem führt.

Die Porträtaufnahmen der Winzer wurden von Johannes Grau aus Hamburg angefertigt und sind stilistisch einheitlich in schwarzweiß gehalten. Ein schöner, geschlossener Überblick aller Mitglieder, darunter viele Charakterköpfe. Oft führt jedoch eine zu dunkle Garderobe zu dem Effekt, dass einige Winzer von dem dunklen Hintergrund fast verschluckt werden.

Das strenge ästhetische Konzept wird durch das Hinzufügen des Gutsetiketts etwas gebrochen. Teilweise sind die Etiketten jedoch so ungeschickt angeordnet, dass sie in dem Falz liegen und schlecht zu lesen sind. Auch die Variation einer Überlagerung der Porträtfotos durch die Etiketten erzielt kein schönes Ergebnis. Gelungen sind hingegen die Übersetzungen der Texte, die allesamt in klar verständlichem und gut zu lesendem Englisch abgefasst sind.

Weiter auf Seite 2

Falls Sie ein weinaffiner Mediziner mit eigener Praxis sind, lohnt sich die Anschaffung für ihr Wartezimmer. Für alle anderen Weininteressierten bleibt abzuwägen, ob sie für den Ladenpreis von 100 Euro nicht doch lieber ein, zwei richtig gute Flaschen erstehen.

Daniel Deckers Buch ist da schon von ganz anderem Format. Vor allem handlicher. Aber auch ein echter Tipp. Deckers skizziert die Geschichte des deutschen Weins als eine Geschichte des VDP. Jedenfalls was die letzten 100 Jahre betrifft. Und das ist keine Aufschneiderei, schließlich lassen sich an der Verbandshistorie sehr gut die Entwicklungen der übrigen Weinwelt ablesen. Anschaulich erläutert Decker vor allem die internationalen Probleme, die ein derart großer Interessenverband zu bewältigen hat.

Begleitet und aufgearbeitet

Deutlich wird bei Decker auch, welche Anstrengungen den Verband die Orientierung am Gedanken der naturreinen – also der ohne Zusätze erzeugten – Weine gekostet hat. Und das Kapitel über die Weinwirtschaft im Nationalsozialismus ist vorher niemals so ausführlich aufgearbeitet worden. In chronologischer Folge führt Deckers kurzweilig durch die deutsche Weingeschichte und leistet das, was der Maat als Historiker mit einem wohlwollenden Anerkennen „intensive Quellenarbeit“ nennt.

Die Archivarbeit, die der Autor hier geleistet hat, ist gar nicht hoch genug zu bewerten. Deckers Stil ist sicher, flüssig und kurzweilig. Und die Kapitel sind nachvollziehbar in überschaubare Abschnitte gegliedert. Die vielfältigen Foto- und Schriftquellen illustrieren das Buch mehr als reichlich. „Im Zeichen des Traubenadlers“ schafft den Spagat zwischen Wissenschaft und Unterhaltung, auch wenn etwas mehr Wissenschaft, etwa durch die Verwendung von Fußnoten oder ein Register, durchaus wünschenswert gewesen wäre. Die völlige Abwesenheit eines Literaturverzeichnisses ist das einzige große Ärgernis. Wer soll sich dieses Buch kaufen? Jeder, wirklich jeder, der sich auch nur einen Funken für den deutschen Wein interessiert.

  • Deutschlands Weinelite, Tre Torri für 100,00 Euro bei Amazon.
  • Deckers, Daniel: Eine Geschichte des deutschen Weins. Im Zeichen des Traubenadlers. Für 29,90 Euro bei Amazon.
 


Datum: 5.3.2011 (Update 29.8.2014)
 

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