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Winzer auf 0,6 Hektar

Alles Leben ist Chemie, oder_ART
Henrik Möbitz, Chemiker und Winzer.
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Es gibt sie: Garagenwinzer, die aus Prinzip Kleinstmengen erzeugen. Aus Leidenschaft zum Wein. Henrik Möbitz aus Baden ist so einer. Der Chemiker lebt seinen Forschungsdrang im Weinkeller aus. Unser Weintester Thomas C. Golenia berichtet.
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Der mittlerweile halbtaube Phil Collins hatte mal in einem Interview gesagt, er mache die Art von Musik, die er selbst gerne hören würde. Eine bemerkenswert einfache wie ehrliche Aussage. Aber der Teufel steckt mal wieder im Detail.

Der singende Schlagzeuger hatte, wenn wir uns zurückerinnern, die Musikwelt ab den 80er-Jahren rund eine Dekade lang mit watteweichem Schmalz belegt, dazu Bravo-Kuschelrock-Sampler Volume 1 bis 358 vollgestopft und Zuhörer in seinen Bann gezogen, die sich sonst gar nicht für Musik interessierten.

Es waren Lieder, die möglichst vielen gefallen sollten. Ohne Ecken, ohne Kanten. Tut nicht weh, keine Rebellion. Weich und gefällig und so sexy wie die Kreissparkasse Hagen. Kurzum: Ein Schallwellenvakuum ohne Zeitwert, den der Sänger damals in Umlauf gebracht hat.

Und nun stellt sich dieser hin und sagt: Ich mache die Musik, die ich selber gerne hören würde. Was zu Deutsch für mich hieße: „Den Schrott, den ich mache, konsumiere ich selber gern.“

Wechseln wir mit dieser Aussage direkt in die Weinwelt. Bei dem Zeug, das als Wein deklariert in deutschen Supermärkten an den Trinker gebracht wird, wundert mich gar nichts mehr. Also muss ich wieder an den Spruch vom Balladenmann denken und ihn auf die Weinwelt übertragen: Ob die Winzer, die solche Banal-Flüssigkeiten in Flaschen abfüllen, das Zeug auch selber mit Hingabe trinken?

Was passiert da in den Köpfen, wenn sie im Großkeller stehen und ihre Hilfsmittelchen einsetzen, verschneiden, filtern und stabilisieren, damit diese Flüssigkeit später im 10-Liter-Schlauch so toll beerig nach Wein schmeckt; was denken die Winzer da?

Dass sie den Wein so machen, weil sie so gerne trinken würden?

Gottlob gibt es eine kleine Schar von Winzern, die dieses Prinzip einfach ins krasse Gegenteil verkehren. Die ihre Weine so dermaßen puristisch und schwer zugänglich machen, dass man glauben könnte, sie möchten damit so wenig Leute wie möglich ansprechen und so viele Durchschnittstrinker wie möglich vergraulen.

Einer dieser Extremwinzer ist Henrik Möbitz aus Freiburg in Baden.

Es ist ein kleines aber wichtiges Detail, das Henrik Möbitz von den allermeisten anderen Winzern unterscheidet. Er macht Wein nicht, weil er von ihm leben muss.

Diese bequeme Tatsache befähigt ihn, seine Weine so kompromisslos zu gestalten, wie es ihm gefällt.

Möbitz macht Weine, wie er sie machen will. Ohne kommerziellen Druck von außen. Ohne riesige Mengen auf den Markt schleudern zu müssen, weil vertragliche Abnehmer ungeduldig auf den blutjungen Jahrgang warten. Und wenn Möbitz seine Werke in homöopathischen Dosen in den Handel gibt, braucht er nicht um jeden Cent zu feilschen. Denn was Möbitz macht, trägt sich durch Leidenschaft, durch Herzblut und nicht durch Margen.

Strenggenommen müsste man Möbitz harmlos als Hobbywinzer bezeichnen. „Andere Leute töpfern, ich mache eben Wein“, kommentiert Möbitz das. Wie gut, dass er einen ordentlich bezahlten Job bei einem Weltunternehmen in Basel hat, das ihm eine solide finanzielle Grundlage schafft, um nach Feierabend ganz ohne Druck Wein zu produzieren.

Damit ihm die Feierabendwinzerei nicht über den Kopf wächst, hält Möbitz seine Betriebsgröße klein, Tendenz eher fallend als steigend.

Gerade mal auf mickrigen 0,6 Hektar bewirtschaftet er die Filetstückchen rund um den Ehrenstetter Alten Ölberg südlich von Freiburg, einer eher unbekannten Lage und doch für Burgundersorten wie geschaffen.

Maßgeblichen Anteil an der Güte der Lage haben die tiefgründigen Jurakalkböden mit meist sehr dünner Lössauflage. Die Rebwurzeln müssen hier nicht lang graben, um auf Kalk zu stoßen und dessen Mineralien in sich einzusaugen.

Wie kompromisslos Henrik Möbitz seine Weine vinifiziert, lässt sich an seinem Kanzel Weißburgunder erahnen.

Dieser Wein ist schon aufgrund seiner Nase anders als das, was man normalerweise aus Baden vorgesetzt bekommt.

Es sind die dezenten Fehltöne dieses Weißburgunders, die einen disharmonischen Spannungsboden aufbauen, so dass ich mich zu der Aussage hinreißen lasse: Wenn Anarchie im Wein riechen würde, dann so!

Es sind Düfte, die an Autowerkstätten erinnern und die ich mit krasser Spontanvergärung verbinde. Ansonsten will man eigentlich nur beschreiben, was dieser Wein nicht hat: Keine Birnenfrucht, keinen Muttifruchtkitsch, keine buttrige Cremigkeit, keine Leichtverständlichkeit und keine Schnörkel. Im Gaumen knochentrocken mit kühlem Säurespiel. Eine elegante Subtraktion der Sinne auf das Mindeste, ohne dabei eindimensional zu werden.

Es ist dieser französische Purismus, der bei Möbitz‘ Stilistik immer als Understatement mitschwingt. Was wohl dazu führte, dass ihm die badische Qualitätsweinprüfung eine AP-Nummer gleich dreimal verweigerte, den banalen Weißburgunder irgendwelcher Winzergenossenschaften von nebenan aber problemlos durchwinkte.

Wer sich diese Mechanismen greifbar macht, der versteht auch, was bei badischen Weinen momentan falsch läuft: Es ist diese Behäbigkeit, die viele badische Weingüter und ihre Erzeugnisse auszeichnet. Quo vadis Baden?

Henrik Möbitz bezeichnet seine Weine als bekömmlich, was an dem sehr moderaten Alkoholgehalt und seiner minimalen Schwefelung liegt.

Es gehört zu seinem Selbstverständnis, so wenig wie möglich an ihnen herumzubiegen und den Weinen den Freiraum zu geben, den sie benötigen. Dazu gehört, sie nach dem Abpressen mittels Korbpresse nicht mehr umzupumpen, denn Pumpen sind in Möbitz‘ kleinem Kellerreich ein Tabu. Um den Most bzw. Wein dennoch zu bewegen, bedient er sich einer Hebebühne, die seine Tanks hochhebt, und den Rest die Schwerkraft erledigen lässt.

Die Weine des badischen Chemikers sind rar. Gerade mal 2.500 Flaschen insgesamt füllt Möbitz von seinem Sortiment ab. Für sich, für Freunde und für Liebhaber, die seine filigranen Erzeugnisse zu würdigen wissen. Für größere Mengen reicht der Atem und vielleicht auch der Wille nicht.

Sein ungefilterter Pinot Noir von der Ölberg-Sublage Kanzel wirkt zerbrechlich, ist kaum nahbar und sehr jung in dem Zustand, mit dem ich ihn verkoste. Ein wenig karaffieren bewirkt wie immer Wunder.

Im Glas zeigt sich die Kanzel in hellem Rubinrot. Riecht nach etwas Kümmel, 80er-Jahre-VW-Polo und Edeleberesche, dazu feinsandige feine Tannine, etwas Lakrtiz und angerührter Gips.

Ein Wein, auf den man sich einlassen muss. Der Pinot Noir Kanzel hat nun mal nicht den Stil, um weggesoffen zu werden, da will jeder Schluck gefeiert werden. Ist vielleicht wie Thomas Mann lesen. Von dem rattert man auch nicht 200 Seiten am Abend weg, nur um unterhalten zu werden.

Blind hätte ich seinen Pinot Noir Kanzel niemals zu Deutschland gesteckt, so wie der sich im Glas gibt.

Erstaunlich, denn viele böse Zungen behaupten, dass deutscher Spätburgunder unwiderruflich nach deutschem Spätburgunder schmecke. Frei nach dem Motto: Es gibt kein Entkommen! Doch wo sind sie beim Kanzel, die marmeladigen Erdbeer- und Himbeernoten, diese gekochte Art, die deutsche Spätburgunder vielmals kennzeichnet?

Hendrik Möbitz hat seinem Pinot Noir den deutschen Beelzebub ausgetrieben und beweist, dass es ohne sogar besser geht.

Sicher macht Hendrik Möbitz seine Weine so, wie er sie selbst gerne trinken würde. Wo wir wieder zurück bei Phil Collins wären.

Aber ich sollte nicht so streng mit dem britischen Balladensänger sein. Bestimmt würde jeder von uns das eigene Schaffen so zurechtbiegen, wie man es selbst konsumieren würde. Sind wir da nicht alle ein bisschen Phil Collins?

 


Datum: 19.4.2017 (Update 20.4.2017)
 

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