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Von Château Margaux nach Kreta

Hallo, Deutschland - hier Jiannis Oikonomou aus Kreta. Foto: M. Kapczyński
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Unser Griechenland-Experte  Giorgios Charitou hatte einen unfassbar schön gereiften Rotwein aus dem Jahr 1998 im Glas und will dieses Erlebnis unbedingt mit euch teilen.
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Man muss schon ein bisschen exzentrisch und wagemutig sein, um im schnelldrehenden Weingeschäft jahrelang zu warten, bis ein Rotwein für den Handel freigegeben wird.

Der Winzer Jiannis Oikonomou ist so einer. Aber er scheint es sich leisten zu können. Seine Bioweine (auf denen kein Bio draufsteht) gelten als rare Delikatessen und werden von Kennern sogar mit feinstem Pinot Noir aus dem Burgund verglichen.

Der Mann hat sich bei der Ausbildung einigermaßen angestrengt. Die fing im piemontesischen Alba an. Weitere Stationen: Badens Rotweinkönig Franz Keller und das berühmte Château Margaux/ Bordeaux. 1994 gründete er sein Weingut ganz im Osten Kretas und widmet sich seither den heimischen Rebsorten Liatiko, Vilana (beide gibt es nur auf Kreta), Mandilari, Thrapsathiri sowie Assyrtiko

Oikonomou besitzt noch uralte Laitiko-Rebstöcke. Ein Wunder, denn die meisten wurden von der Reblaus dahingerafft und durch neue ersetzt. Aus ihnen macht er seinen Laitiko Grand Reserve, der 24 Monate im Barrique reift. Weinliebhaber auf der ganzen Welt staunen darüber, wie ein kräftiger, teils ungeschwefelter und nach alter Rezeptur (leicht oxidativ) hergestellter Rotwein auch hell in der Farbe sein kann.

Je nach Jahrgang lässt Jiannis Oikonomou ein wenig Mandilari einfließen, um dem Wein die nötigen Konturen für ein langes Leben zu verleihen. Die besten Jahrgänge ruhen teilweise bis zu zehn Jahre in seinem Keller, ehe er sie für den Verkauf freigibt.

Ich habe nun den gereiften 1998er im Glas.

Die Farbe verwirrt zunächst ein wenig, ähnelt sie doch stark der eines Trollingers. In der Nase dann sofort ein fantastisches Potpourri an Aromen, bestehend aus Gewürzen, Lorbeere, Schwarzkirsche, Erdbeere und etwas Bienenwachs.

Es fällt mir schwer, den Wein in all seinen Facetten sofort zu erfassen. Immer wieder wandert die Hand zum Glas und das Glas zur Nase. Ich möchte mir mit dem ersten Schluck noch etwas Zeit lassen und die Vorfreude genießen.

Allmählich kommen neue Elemente dazu, etwas Liebstöckel aber auch Teer bzw. nasser Asphalt. Am Gaumen dann rote Früchte (Blaubeere, Kirsche), Orangenzeste und sofort ein Widerstand auf der Zunge.

Für einen Wein dieses Alters sind da noch erstaunlich zupackende Tannine! In der Konsistenz ist er schon fast ölig aber durch seine feine Säure noch saftig genug. Inmitten dieses flüssigen Elixiers macht sich ein deutlich süßer Kern bemerkbar, mit etwas Zimt und leicht herb im langen Abgang. Große Klasse!

Noch eine wichtige Anmerkung: Frisch geöffnet wirkte dieser Wein sehr müde mit deutlichen Tertiäraromen und bereits angedeuteten Alterstönen (Firne). Nach etwa 5 Stunden in der Karaffe war er dann wie ausgewechselt, frisch und fast jugendlich.

Gebt ihm unbedingt viel Luft und schreibt ihn nicht zu früh ab. Dieser Wein ist unverwüstbar!

Essen möchte ich eigentlich nichts dazu, da er solo unglaublich viel Spaß macht und eine Speise mich nur unnötig ablenken würde.

Wenn es dennoch sein muss, würde ich Kaninchen in Senfkruste mit Rosmarinkartoffeln wählen. Das passte vorzüglich und war ein kleines persönliches Highlight an meinem runden Geburtstag zu Jahresbeginn.

 


Datum: 14.11.2017