Lubimir Glos steht im Eingang seines Einfamilienhauses in Moravska Nova Ves im Südosten Mährens, nahe der slowakischen Grenze. Er ist Rentner, 76 Jahre alt. Er ist Unternehmer, das ist er noch nicht lange. Er führt ein junges Weingut, die Vinarstvi Glosovi der Familie Glos. Er führt es mit seiner Frau Helena. Die Tochter besorgt den Verkauf, der Sohn lenkt den Traktor. Doch das Sagen hat der Alte, denn der ist jung.
Glos ist ein erfahrener Önologe, ein Rebexperte, der früher mit Sorten und Kreuzungen experimentiere, wie es sonst nur die Atomkraftforscher bei Skoda durften. Glos hat ein Wissen, das man anderswo in der Weinwelt nicht kennt. Denn Glos hatte ewig Zeit, seine Experimente Realität werden zu lassen. Der Kommunismus drängte nur auf die Erfüllung der Pläne, nicht auf die Qualität des Erfüllten. So hat Glos auch Wissen im Kopf gebunkert, mit dem das System nichts anfangen konnte. Dieses Wissen setzt er jetzt um.
Zwei Keller in der Kellerstrasse, beide sauber, beide mit dem Notwendigsten ausgestattet. Kein Gramm Prestige, denn Prestige ist Glos nichts Wert. Er will am Ende seines Lebens nur noch zeigen, was er kann. Er muss auch nicht mehr forschen, er hat alles erforscht. Er muss nur mehr realisieren, veröffentlichen - schnell.
So füllt er etliche kleine Probeflaschen für die Verkostung. Das sind Experimente, die teilweise nicht im Verkauf
sind, die man bei ihm aber probieren kann. Etwa einen Mährischen Muskat, eine Kreuzung aus Muskat-Ottonel und der so genannten Prachttraube, die er sehr lange am Stock hängen lässt. Den Eiswein hat er nach Wien mitgenommen, zur Messe VieVinum, die er schon seit Jahren besucht. Und er hat gleich einen Preis gewonnen.
Dann sein Chenin-Blanc 2007 (8,9 % Alkohol und 110 Gramm Zucker), den man kaum identifizieren kann, wenn man die Sorte nur aus Frankreich oder Südafrika kennt. Glos meint, der Chenin gedeihe in Mähren am besten, da er dort das ideale Terroir vorfindet, das er in Frankreich nicht hat. Das mit dem idealen Terroir hat Glos gleich erkannt, als er das erste mal in Frankreich war. Die Traube musste er mitgehen lassen.
Die sonst so flüchtige Säure des Chenin ist hier gut eingebunden, die Frucht dominiert. Glos verwendet für die Lagerung des Migranten nur gebrauchte Fässer.
Dann der Noria 2007, eine Kreuzung aus Riesling und Semillion (12,1 % Alkohol, 85g Zucker), elegant, nobel, bewusst hochwertig angelegt, nach Steinobst duftend, nach Birne schmeckend. Ebenso unidentifizierbar wie vieles bei Glos. Ein Horror für den Captain, der weiß, dass er nichts weiß.
Der Rulenka 2007 (Pinot Gris mit Leanka, Sauvignon und Riesling, 9,1 % Alkohol und 180g Zucker) verstört und macht neugierig. Kann ein solcher Wein schmecken? Zuerst riecht man Achselschweiß, dann Hustensaft. Doch dann setzt sich in der Nase der Sauvignon durch, grasig, mit den Aromen medizinischer Kräuter. Viel Salz im Geruch, viel Frucht am Gaumen. Erst Pfirsich, dann wieder Birne. Ein großer, ein außergewöhnlicher Wein.
Den Vigonier 2007 (10,9 % Alkohol und 109g Zucker) legt Glos nicht ins Barrique. Er findet, das würde der fragilen Aromatik schaden. Das Rebmaterial hat er sich aus Hardegg kommen lassen, aus Kadolz im benachbarten österreichischen Weinviertel.
Nach den süßen Weißen öffnet Glos die trockenen Roten. Etwa die eigene Züchtung Cabernet Moravia 2007, eine Kreuzung aus Zweigelt und Cabernet Franc. Glos kennt die Möglichkeiten dieser Züchtung, er kennt auch ihre Grenzen. Also baut er auf Frucht, forciert den Geschmack nach Waldbeeren. Konternd lässt er dem mineralisch-kalkdurchsetzten Boden Platz. Nicht zu viel, nicht zu drängend. So entsteht Elegantes.
Zuletzt sein neues Experiment, der Modrava 2007 aus Blaufränkisch, St. Laurent und Cabernet Moravia. Ein warmer, sehr leicht trinkbarer Wein, schlank, harmonisch, unaufdringlich. Er duftet nach Zimt, Rosen und Kalk. Er findet Kraft durch den Ausbau in gebauchten Barriques. Das ist der massentaugliche Wein von Glos, etwas, das seinem Sohn das Leben finanzieren soll.
Am Ende des Besuchs winkt Glos lange zum Abschied. So, wie man es früher machte, wenn man heute noch Manieren hat. Ein alter weißhaariger Mann, sein Wissen progressiv einsetzend. Lange winkend, bis er im Rückspiegel kleiner wird. Und verschwindet. Es ist ein groteskes Bild: die Zukunft trägt Falten im Gesicht. Vieles hier im Osten ist eben ganz anders.
Die Weine von Lubomir Glos gibt es im Weingut direkt. Hier die Kontaktdaten. Die angegebene Homepage ist nicht in Betrieb. Das Weingut liegt im südöstlichsten Zipfel Tschechiens, man spricht einige Wörter Deutsch.
Hier gibt es außerdem alle Folgen der Serie "Go East" auf einen Blick.







So sieht der derzeit innovativste Erfinder neuer Trauben aus 





Kritik: Nirgendwo steht, wo man die Weine von Dr. Frankenstein-Glos bekommt? Gibt's Händler? Muss man hinfahren?