04.06.09 RESTAURANTS 0 Einem Freund senden

Riesling in rauen Mengen

Feinarbeit wie beim UhrmacherFeinarbeit wie beim Uhrmacher

Das Westin ist grauenhaft. Ein großer Turm am Hauptbahnhof, realsozialistisches Machwerk, wenigstens gut renoviert. Hoch oben, im 27. Stock, logiert das Restaurant Falco, das wohl nach dem aufdringlichen Turmfalken benannt ist, der hier seine Runden dreht und die Tauben auf den gegenüberliegenden Dächern killt.

Egal, der Blick ist gut, Leipzig wird immer schöner, und es ist ein Vergnügen, dem größten Bahnhof Europas beim Leerstehen zuzusehen. Die Bahnhofshalle war zwar nicht im Blick, die spärliche Anzahl der Züge verriet uns aber die Bedeutungslosigkeit der ehemaligen DDR-Messestadt. Bedeutungslosigkeit hat auch viele Vorteile, man ist aus dem Schussfeld.

Weltstädtisch will man im Falco sein, weltstädtisch präsentiert man seine zwei Michelin-Sterne. Diese sind verdient, denn die Küche der Herren Schnurr und Sperling (zwei neue Tatort-Kommissare?) ist geordnet und gut. Wenngleich etwas gestrig modern. So hält man hier in Sachen Sprache und Präsentation im Jahre 2006. Fehlt nur noch der Dialog von Dings und Bums am Teller.

Rieslinge: Viel mehr geht nicht

Her mit der "Bastard"-Makrele ein Ostsee-(Ost-Ost-Ost!!) Fischlein, das frisch gefangen und schnell transportiert (hier der Fall) perfekt die regionale Küche bereichert. Aus dem Meer kommt nur das, was aus unserem Meer kommt. Die Bastardmakrele gab es früher auch im "Gastmahl des Meeres" der berühmt-berüchtigten DDR-Flossenkantine. Da hieß sie aber nur Makrele, denn den Bastard hat Honecker einsperren lassen. Zur Makrele dann eine Karottencreme, Verzeihung "Crème von Karotten" und Ravioli mit echt fettem Speck (Lardo). Man muss ehrlich sagen: Großartig. Die Bluttaube (vom Falken erlegt?) ist dann doch einen Tick zu rot, die gegrillte Entenleber aber genial.

falco2.jpg

Genial auch die Zitronentorte, Verzeihung "Tarte" (fransösisch si wu plä), mit Zitronenschnee und Zitronenmarmelade. Vitamin C, gezuckert und im Überfluss.

Doch eigentlich macht der Captain Landgang, um nachzusehen, ob die Weinkarte hält, was sie in die Welt plärrt, nämlich die beste Riesling-Weinkarte Deutschlands zu sein. Ist ja sehr erfreulich, dass man sich der Königstraube der Nation derart annimmt. Und dann tatsächlich: Es rummst!

Alles an Deck: Rheingau, Mosel, Pfalz. Und auch die Wachau

Keine Region wird ausgelassen, auch nicht der Mittelrhein, Sachsen und Franken. Und: Es gibt jede Menge unbekannterer Produzenten, die günstiger sind, als die ewig ihrer Unnahbarkeit Verdächtigen. Beispielsweise Ludwig Knoll aus Franken. Kennen wenige, ist ein toller Winzer. Sein Riesling Innere Leiste Großes Gewächs zeigt, dass man auch in der Mitte Deutschlands hervorragenden Wein keltert.

Oder Georg Mosbacher aus der Pfalz, auch so ein Unbekannter. Sein 2005er Kieselberg Grosses Gewächs aus Deidesheim ist ein Hammer an Volumen. Der Captain rät: Ab in die Karaffe.

Appropos Klassiker. Vom genialen Fritz Haag (Mosel) und von Ernst Loosen ist uns dann doch etwas zu wenig Auswahl vorhanden. Vielleicht also die größte, nicht aber die perfekteste Riesling-Karte Deutschlands. Zum Vergleich gibt´s auch noch Rieslinge aus der Wachau oder dem Elsass. Aber die trinken wir lieber vor Ort.

Für die tolle Weinkarte ist vor allem noch Andrej Grunert verantwortlich, der das Falco leider letztes Jahr verließ und nach München zu Dallmayr ging. Ist ja auch schöner dort. Und der Bahnhof ist voll mit Zügen.

Falco zwischen € 50 und € 80 p.P.(3 Gänge), ohne Getränke.



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