16.09.09 RESTAURANTS 13 Einem Freund senden

Gähn: Weinkarten in Deutschland

Die Flaschen sind da, jetzt wird gefüllt. Aber wann kommt der Bus mit den Leuten, die das interessiert?Die Flaschen sind da, jetzt wird gefüllt. Aber wann kommt der Bus mit den Leuten, die das interessiert?

Eine Fahrt durch die Republik. Sternerestaurant hier, Weinstube dort. Überall das Gleiche. Die gleichen Rieslinge von der Mosel, aus der Pfalz, aus dem Rheingau und aus Rheinhessen. Die immergleichen Silvaner und Weißburgunder aus Franken. Die gleichen Spätburgunder aus Baden. Die gleichen namhaften Italiener und Franzosen, die man einfach auf der Karte haben muss. Gäähhn. Wie langweilig.

Es gibt auch Weinbücher, die sind so dick, dass man den schwitzenden Fleischfresser vom Nebentisch damit erschlagen kann. Und was findet der Captain in diesen Nachschlagewerken? Zehn Weine aus dem Bordeaux, von jenen aber alle Jahrgänge, zurück bis 1945. Doch einen feinen Cru Bourgeois aus einem trinkbaren und aktuellen Jahrgang, etwa einen Sociando Mallet 2001 oder einen Meyney 1999 (beide Weine waren früher gerne Gäste auf deutschen Weinkarten), kann der Captain nicht finden. Nur Mouton, Lafite, Petrus, Le Pin, etc.. Verkauft das? Selten.

Bevor jetzt das Stöhnen und Jammern über dieses Gejammere beginnt, soll vor der Mannschaft festgehalten werden, dass die Weinauswahl in deutschen Restaurants heute viel besser ist, als sie vor Jahren war. Dass man Händlern, wie etwa Wein & Glas, dankbar sein muss, dass sie sich nach neuen und interessanten Winzern umgesehen haben. Und dass sie das immer noch tun. Aber die alleine können den Markt nicht aufarbeiten und repräsentieren.

Zu viele Sommeliere und Sommerliers verlassen sich auf das Angebot der Händler. Und bestellen gleich dort. Kaum ein Mtarbeiter eines Restaurants fährt heute noch durch die Weinregionen und kostet vor Ort. Das hat vielerlei Gründe. Der wichtigste Grund ist die allgemeine Terminknappheit. Alles geht, doch alles hat keine Zeit.

Selbst bei Zusammenfassungen wie etwa der Gutswein 2009 in Berlin, kommen fast nur noch Händler. Bis auf wenige Sommeliers bekannter Berliner und Hamburger Betriebe konnte der Captain nur Einkäufer und Journalisten ausnehmen. Und die strömten zu allererst zu den prominenten Produzenten. Manch einer sah sich mit seinen guten Weinen in die zweite Reihe gestellt. Das Fazit des Captain: Händler und Sommeliers machen es sich zu bequem.

Ein Besuch in der Pfalz. Bei einem Winzer, der nicht genannt werden will, der aber heuer schon drei Preise gewonnen hat und auch die Jahre zuvor Auszeichnungen sammelte. Sein einfacher, sehr feingliedriger und eleganter Riesling kostet ab Hof 4.50 Euro, die Auslese 13.90 Euro. Beides sehr gute, sehr konsumentenfreundliche Weine. Doch er wird nicht alle davon verkaufen.

Denn die großen Händler machen einen Bogen um ihn. Nicht freiwillig, denn auch die großen Händler haben zu wenig Personal, alles zu verkosten, was der Markt anbietet. Da geht man lieber zu den sicheren Adressen, wo man weiß, was man kriegt. So verkauft unser Winzer eben nur im regionalen Markt, denn dort kennt man ihn und mag seine Weine. Ein interessierter Trinker in Berlin oder Münster wird die interessanten Flaschen folglich nicht zu Gesicht bekommen. Es sei denn, er fährt in die Region. Manche meinen, das sei sowieso besser.

Schuld, so sagen viele Händler, trage aber auch der Konsument, dem das Interesse an neuen Regionen abhanden kommt. Noch vor Jahren konnte der Wein gar nicht neu und exotisch genug sein. Heute kauft man das, was man kennt. Und in der Krise auch davon weniger. Warum sich also abmühen, wenn es sowieso meistens die gleiche Weine sind, die man sicher verkaufen kann.

So bleibt es die Aufgabe einiger weniger für Abwechslung zu sorgen. Beispielhaft hierfür sind die Betreiber der Restaurants Reinstoff und Zander in Berlin. Bei Reinstoff konzentriert man sich kompetent und umfassend auf spanische Weine. Das Zander bietet eine vom persönlichen Geschmack der Einkäufers getragene Auswahl deutscher Weine an, darunter auch unbekannterer Produzenten.

Oder das Szenerestaurant Skopik & Lohn in Wien, das eine der besten und interessantesten Weinkarten Österreichs hat. Nur etwa 60 Flaschen aber jede einzelne interessant. Und keine über 50 Euro teuer. Denn das, was hier über die deutschen Weinkarten steht, gilt freilich auch für Österreich. Auch beim Nachbarn im Süden scheren sich wenige Händler und noch weniger Sommeliers um neue und gute Winzer. Der Verdrängung der "alten Hasen" gelingt den neuen Winzern nur über den Preis. So keltern die Promi-Winzer in Österreich eben billigere Weine für den Massenmarkt. Und sind wieder obenauf. Der Captain bedauerts. Und fordert mehr Abwechslung.



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Kommentare 13

Kommentare

pivu auf Erklärungssuche

Das Problem fängt schon früher an: der Weinkonsum in deutschen Restaurants ist wesentlich geringer als z.B. in Ö, F oder im Süden. Und gerade in der Top-Gastronomie gibt es unter den verbliebenen "Weinfreunden" viele Prestigetrinker, also muss es halt Weil oder Prüm oder v. Buhl sein. Umso mehr bewundere ich Gastronomen, die abseits der ausgetretenen Pfade spannende Weine für ihre Kunden finden. Das Risiko ist nicht zu unterschätzen: die Weine müssen kommuniziert und verstanden werden, und da beginnt's schon wieder zu kranken. Also bleibt man bei Blue Chips im gehobenen und bei Pinot Grigio im Einstiegsbereich.

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Der Captain stimmt..

..sehe ich genauso..

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Gast

schön wenn man so ein luxusproblemchen hat. ja was soll der Captain denn trinken? Ich denke, die Auswahl reicht uns und noch ist kein Winzer verhungert. Wer beim Boom als erster dabei war, der bleibt dabei. Die neuen Winzer sollten ein bisschen wie Darwin denken.

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Der Captain interessiert..

..bislang kannte ich nur Wirtschaftsdarwinisten. Folgt jetzt der Weindarwinist? Der stärkere Winzer überlebt. Ist das gemeint?

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Gast

Darwin heißt: der Stärkere setzt sich durch. Nicht mehr, nicht weniger.

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Mister Spuck ... dozierend

Ganz großer, Sinn verdrehender Irrtum: survival of the fittest = das Überleben der am besten Angepassten.

Link: http://de.wikipedia.org/wiki/Survival_of_the_Fittest

Mit Stärke hat das also nichts zu tun. Eher mit Flexibilität.

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Gast

Egal, der clevere Winzer setzt sich durch. Das ist das Gesetz der freien Marktwirtschaft in der wir nun einmal leben. Punktum.

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MaVa ... nen Drink, bitte

Naja, das Problem mit den unbekannten Erzeugern für den Handel ist oft der Preis. Da die Unbekannteren fast ausschließlich über Privat verkaufen und sehr günstige Preise anbieten, können sie dem Handel keine Margen einräumen. Und der Händler bietet dann Wein an - und ein Händlerangebot ist immer auch Werbung -, den der googelnde Käufer als "überteuert" entlarvt. Warum sollte sich ein Händler das antun?

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Der Captain Schon klar..

..aber einen interessanren Cru Burgeois für den Alltag, einen neuen Produzenten, habe ich schon lange nicht gesehen (ausser auf Messen). Und den kann der Konsument schwer ab Hof kaufen (ich weiß, übers Internet gehts). Es gibt da eine Lücke in der Komplettion..

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MaVa ... wie mach's ich?

OK, ich überprüfe mich mal selbst...

Ich sitze in einem unbesternten Restaurant ohne Sommelier (= Normalsituation). Mit Wein aus D und A kenne ich mich recht gut aus und freue mich immer, wenn die Weinkarten in Restaurants Wein drauf haben, den ich nicht kenne (von deren Erzeugern ich aber schon gehört/gelesen habe). Leider neigen die Restaurants dazu, viele, viele Weine nur in der "Gutswein"-Qualität auf der Karte zu haben. Finde ich verwunderlich, weil diese Weine gibt's an jeder Ecke und im Rest. erwarte ich etwas, das unbekannter/"exklusiver" ist... das zum einen.

Bei Weinen aus I, E und F wird mein Wissen schon dünner. Da sagen mir nur die Namen etwas, die in der Presse oder bei einschlägigen Fachhändlern erscheinen. Vorausgesetzt die Bedienung hat noch weniger Ahnung als ich, was soll ich jetzt machen? Einen Wein bestellen, von dem ich noch nie etwas gehört habe und den ich nicht einschätzen kann? Oder zum Bekannten greifen? Aus Sicherheitsgründen tendiere ich zum zweiten...

Meist hilft mir schon, wenn in der Weinkarte zu jedem Wein ein kurzer Kommentar steht. Daran sehe ich, wieviel Weinkompetenz der Gastronom hat. Dann kann ich die Kommentare auch einschätzen - und damit den Wein.

Kurzes Fazit: die Gratwanderung von Restaurants besteht darin, "Unbekanntes" zu führen und gleichzeitig die Angst vor dem Unbekannten zu nehmen. Beides für sich - nur unbekannt und nur bekannt - ist eher kontraproduktiv. Das eine verunsichert, das andere langweilt (wobei Meyney und Sociando schon zu den bekannteren Weingütern zählen).

Und im Handel sieht alles nochmals anders aus...

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Der Captain

geht mir nicht unähnlich. ich muss mich aber schon des Berufs wegen umsehen und dann vertraue ich Freunden, die mir immer etwas Neues hinstellen. Ich hab in Berlin meine drei, vier Lokale, die immer wieder Überraschungen auftreiben (Vau, Rutz, Spindel, Weinstein)..

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Der Captain

Mir würde es schon reichen, wenn man die Regionen mehr in Augenschein nehmen würde...

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Das Achterl

Es gibt da eine online Weinhandlung, Veltliner & Co www.veltlinerco.de, die Weine von Winzern anbieten, die noch nicht in aller Munde sind. Scheinen das im Artikel genannt Manko auch erfasst zu haben...

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