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Die Bio-Fürstin und ihr Weißwein

Die Bio-Fürstin und ihr Weißwein_ART
Die Ernte ist reif.
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Die Marchesa Massimiliana Spinola keltert im Piemont den faszinierendsten Weißwein, den ich seit langem getrunken habe.
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Ein großartiges Deckengewölbe spannt sich über die Besucher im Piemont. Staunend blicken die Weinfreunde nach oben und vergessen fast, dass sie eigentlich hergekommen sind, um Wein zu probieren.

Castello di Tassarolo_2

Ich befinde mich im Hauptsaal des mittelalterlichen Castello di Tassarolo. Seit 1367 ist der wuchtige und auf romantische Weise heruntergekommene Bau im Besitz der Familie Spinola.

Der Herrschaftsbereich der Spinolas war mal ein selbstständiger Staat mit eigenen Münzen und der Anbau von Wein von jeher ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die Region.

Ganz in der Nähe unter dem Schloss betreibt die Fürstin Massimiliana Spinola ihr Weingut. Mitten zwischen den malerischen Hügeln des Piemont im Herzen des Anbaugebietes Gavi.

Die Spinolas waren einst auf Augenhöhe mit den Grimaldis und gehörten zu den angesehensten Familien von Genua. Sie finanzierten zur Hälfte jene Reise von Christopher Columbus, die zur Entdeckung Amerikas führte.

Massimilianas Vater, der Marchese Paolo Spinola, war einer der Pioniere des neuen italienischen Films und erregte in den 50er-Jahren Aufsehen unter Cineasten.

Als er 2005 in Rom verstarb, vermachte er seiner Tochter Schloss und Weingut mit 20 Hektar Rebland. Die lebte damals mit ihrem kleinen Sohn in London und widmete sich der Kunst.

In Berlin kennt man das auch. Da wimmelt es an den Rändern der Kunstproduktion von attraktiven Menschen mit schönen Namen.

Die große Stadt, der Lärm, das Kind. Massimiliana dachte eigentlich nicht daran, London zu verlassen. Aber alles schrie nach Veränderung.

So wurde Fürstin Massimiliana zur Winzerin.

Es war keine ganz schlechte Idee, wie man heute weiß. Insbesondere, nachdem man ihre Weine gekostet hat. Denn sie machen gute Laune. Sehr gute Laune sogar. Wie man auf einem kurzen Video des Weinguts sieht.

„Ich mochte Tassarolo schon jeher, hatte aber niemals daran gedacht, je hier zu leben. Als mein Vater verstarb, hegte ich einen ganz anderen Plan. Ich kam nach Tessarolo, um ihn zu begraben und alles zu verkaufen.“

Um das Land für den Verkauf zu bewerten, begann Massimiliana sich mit dem Weinbau des Vaters zu beschäftigen, sprach mit den Leuten, die für ihn gearbeitet haben, begutachtete Maschinen und Lager. Und stieß auf einen Berg von Pestiziden.

Der Verwalter des Weinguts wies auf Massimilianas Sohn und gab ihr zu verstehen, dass dies kein Ort sei, an dem sich ein Kind aufhalten sollte.

Massimiliana war schockiert. Weinbau hatte sie sich ganz anders vorgestellt.

Dann kam der Trotz. Und der Ehrgeiz.

Massimiliana traf Silvio Barbero von der Organsiation Slow Food, arbeitete sich in den biologischen Weinbau ein und vernetzte sich mit den Experten der Biodynamik.

Bald war von London keine Rede mehr. 2006 begann Massimiliana den Betrieb auf Biodynamik umzustellen. Keiner aus der Gegend nahm sie ernst. Aber weil ihr Vater ein geachteter Mann war, blieb der Widerstand aus. Man half, wo es ging.

2007 wurde der Zusatz von Schwefel komplett gestrichen.

Und 2008 kam Henry.

Henry Finzi-Constantine ist ein Engländer, der seit Jahren im Piemont lebte. Seine Mutter gehörte der berühmten Familie der Finzi an, deren Name in die Weltliteratur einging. In Giorgio Bassanis ergreifenden Roman „Die Gärten der Finzi-Contini“.

Das Buch ist die Geschichte der unerfüllten ersten Liebe eines jungen jüdischen Paares vor dem Hintergrund von Faschismus und Holocaust in Italien. Die Verfilmung von Vittorio de Sica wurde 1972 mit einem Oscar belohnt.

Henry, dieser wohlerzogene Brite mit italienischen Wurzeln zog Massimiliana in seinen Bann. Wozu sicherlich auch seine größten Leidenschaften beitrugen: Pferde und biodynamische Landwirtschaft.

Massimiliana Spinola. „Wir haben uns entschieden, zusammen zu arbeiten und die Zusammenarbeit verwandelte sich in Liebe.“

Henry war jedoch kein normaler Sportpferdenarr. Der feinsinnige Herr hat eine Vorliebe fürs niedere Personal: Arbeitspferde.

Die ausdauernden und kräftigen Kaltblüter erleben derzeit eine Renaissance durch die Öko-Landwirtschaft, weil sie eine flurschonende Alternative zu Maschinen sind. Auch an der Mosel und im Burgund sieht man diese Viecher immer öfter, wie sie durch die Weinberge ackern.

Nach dieser gewissenhaften Einführung springe ich zu „Titouan“. So heißt ein Pferd auf Tessarolo. Und ein Wein.

Genauer gesagt: Mit der Stute Titouan bearbeitete Henry das ganze Jahr über einen Weinberg, aus dessen Cortese-Trauben genau der Wein gemacht wurde, den ich nun verkoste.

Cortese heißt höflich und ist eine der noblen Weinsorten Italiens. Der berühmte Gavi di Gavi wird aus ihr hergestellt. Generell schmeckt Cortese aromatisch und zugleich frisch.

Schon in der Nase duftet es hochinteressant.

Ich rieche englisches Shortbread, Heublume, Birne, Pfirsich, Honigmelone. Im Glas tiefe Würze, wie ich sie selten erlebt habe.

Im Mund grandios maulfüllend. Und gleichzeitig elegant. Der Wein wurde hälftig im Stahltank und im Holzfass ausgebaut. Ich schmecke sonnenwarme, gelbe Früchte, zitrige Noten, zarte Bitterstoffe.

Die perfekt eingeträufelte Säure hebt diesen Tropfen in eine andere Dimension. Während ich ab und zu nippe, verändert sich dieser Wein auf wundersame Weise. Plötzlich sind da warme Holznoten von Karamell und eine ganz dezente Süßlichkeit.

Aber: Wo so viel Licht, da herrscht auch Schatten.

Wie es sich für ungeschwefelten Wein gehört, hält Titouan sich – einmal geöffnet – nur kurz. Am nächsten Tag ist er ungenießbar.

Was für ein faszinierender Wein. Den müsst ihr auch mal trinken, Matrosen. Die ganze Flasche. Es wäre schade um den Rest.

 


Datum: 2.10.2017