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Arschjahr und Parkers Tester-Antwort

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Letzte Sonne im Weingarten...
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Samstags, da hat Vati frei. Heute liest man am Schiff Kolumne des Captain auf ZEIT-Online. Heute über das Arschjahr 2010. Inklusive eines Nachtrags. Und einer Antwort des Redakteurs von Robert Parker.

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Gleich vorweg: Alle lügen, die behaupten, 2010 war in Deutschland ein gutes Weinjahr. Sie sagen, 2010 sei ein Jahr der „spritzigen und leichten Weine“, ein so genannter „Gastronomiejahrgang“. Und kein Sammlerjahrgang. Ein Jahr der „trinkfreudigen Weine“ (was bitte sind dann die Weine der anderen Jahre?). Das klingt gut. Doch es ist Schönreden. Sonst nichts.

2010 war ein schwieriges Jahr. So schwierig hatten es die Winzer zuletzt vor 20 Jahren. Und davor in den Siebziger Jahren, als es dauernd regnete. Aus dieser Zeit stammt auch der grottenschlechte Ruf der deutschen Weine, denn alles Säuerliche wurde gnadenlos niedergezuckert. Das schmeckte fürchterlich. Nur wenige Winzer, jene auch heute noch Teil der Elite, hielten sich damals schon an die Regel, Qualität vor Menge zu setzen.

2010 war ein schwieriger Jahrgang, weil das Wetter schlecht war. Im Frühjahr wurde es spät warm, das führte schon bei der Blüte zu Ausfällen. Und zwar nicht nur in Deutschland, sondern in fast allen europäischen Weinbaugebieten. Bei den Winzern heißt dieser oft auch angestrebte Schaden „Verrieselung“, die Blüten bilden sich nicht aus und vergammeln am Stock. Das führt zu Mengeneinbußen.

Jedes Jahr wärmer, dieses nicht

Nun sind Mengeneinbußen keine allzu große Katastrophe, denn von den einfachen Weinen gibt es auch in Deutschland eine Überproduktion. Die Regionen im Westen, vor allem Baden, Mosel und Pfalz, wurden in den letzten Jahren klimatisch stark verwöhnt. Warme und ungewöhnlich heiße Jahre haben sogar Rotweintrauben reifen lassen, die sonst nur an der Rhone oder in Norditalien geerntet werden.

Durch diese klimatische Veränderung stieg deutscher Wein nicht nur in der restsüßen Klasse (Spätlesen und Auslesen) zur Weltspitze auf. Schade, dass der Konsument das noch nicht richtig mitbekommen hat; Liebfrauenmilch wird in Deutschland nur mehr selten gemolken.

Aber nach der Kälte im Frühjahr, blieb auch der Sommer eher kühl. Die wenigen sonnigen Tage brachten Hitze. Doch die Hitze konnte nicht alles trocknen. Es blieb feucht. Das brachte Fäulnis. Schrecklich.

Dem Jahr den Arsch gerettet

Ein goldener Oktober hätte alles noch retten können. Doch da kam kein goldener Oktober. Allenfalls ein paar Tage Sonne. Wenigstens auch noch kräftige Sonne. Das hat dem Jahrgang den Arsch gerettet.

Wenn sie diese Zeilen lesen, hängen da draußen noch ein paar Rieslingtrauben herum, die auf eine späte Reife warten. Auf die letzten Sonnenstunden, die noch zusätzliches Mostgewicht bringen. Irgendwo in Deuschland wird dieses Jahr eine Auslese noch möglich sein. Die übergebliebenen Trauben reifen nicht schlecht, denn durch die Verrieselung im Frühjahr konnte der Stock die verbliebenen Beeren besser ernähren. So gleicht es sich zumindest ein klein wenig aus.

Was aber schon geerntet wurde, ist sehr oft sauer und unreif. Und was mich angesichts der unerfreulichen Tatsachen immer auf die Palme bringt, ist die fast panische Vermeidung der Wahrheit. So wurde vor zwei Wochen noch behauptet, dass in den deutschen Weinbaugebieten die meisten Trauben noch am Stock hängen und auf die Reife warten.

Doppelsalz rar

Gegen diese Behauptungen der Winzerverbände und einzelner Funktionäre spricht, dass in den letzten vier Woche eine enorme Menge an Doppelsalz abgerufen wurde. Mit Doppelsalz entsäuert man die Moste. Wenn Doppelsalz rar wird, müssen viele Winzer gleichzeitig mit der Entsäuerung beschäftigt sein. Folglich waren die meisten Trauben schon geerntet.

2010 ist ein Jahr der Kellertechnik. Und auch ein Jahr der jungen deutschen Winzer, die nun zeigen müssen, was sie bei ihren Studien in ausländischen Weinbaugebieten gelernt haben. Früher wurde Familienwissen weitergegeben; heute zählt es zum guten Ruf, dass die Tochter oder der Sohn des Winzers mindestens ein Jahr als Praktikant durch die Welt fährt. Genaue Arbeit im Weinberg, starke Selektion der Trauben und neues handwerkliches Können werden 2010 die Vorraussetzung für gute Weine sein. In diesem Jahr trennt sich Spreu von Weizen.

Zudem sind viele der qualitativen und reputativen Aufsteiger biologische, biodynamische, oder zumindest naturnah arbeitende Betriebe. Also Winzer, die auf Spontanvergärung und biologischen Säureabbau setzen; Winzer, die den Verzicht von Spritzmittel als Gebot empfinden. Sie haben es heuer, im Jahr der Pilzerkrankungen, besonders schwer. So stehen sie unter verschärfter Beobachtung. Wenn sie es schaffen die Probleme zu bewältigen, werden sie viele Nachahmer finden. So kann 2010 auch ein wegweisender Jahrgang für den deutschen Weinbau werden.

Trotzdem gute Weine

Deswegen wette ich, dass wir 2010 ein paar wunderbare Weine aus Deutschland bekommen; Weine, die wir nicht erwartet hätten. Nur: Es werden nicht viele Weine sein. Ein paar tausend Flaschen vielleicht. Mehr nicht.

Und die guten Weine werden auch nicht nur die so genannten Großen Gewächse sein. Sondern auch einfache und gut gemachte Kabinettweine. Und weil es generell weniger Wein geben wird, ist der Jahrgang 2010 auch bald ausgetrunken. Gut so.

2010 ist ein schwieriges, ach was, ein schlechtes Weinjahr. Der Kluge kauft jetzt, was von 2009 noch da ist.

So weit der Artikel in ZEIT-Online (hier die „extended version“). Dazu folgt ein Nachtrag eines prominenten Weinmachers, der dem Captain eine Mail geschrieben hat:

„Grundsätzlich gebe ich Dir, was den Tenor angeht, Recht, aber erstens WILL der Winzer Verrieselungen (da gibts sogar ein Mittel zum Spritzen), zweitens gibt es dieses Jahr eine Menge Auslesen, drittens ist Liebfrauenmilch von allen Übeln das kleinste und nach wie vor der meist verkaufte deutsche Wein, viertens haben diese zwei Oktoberwochen alles gerettet, fünftens wird 2010 gerade bei den edelsüßen Weinen ein grandioses und lagerfähiges Jahr, sechstens werden in diesem Jahr die ÖKOS final über die Konventionellen siegen, die Botrytizid bis zum Anschlag gespritzt haben. Die späten Sonnenstunden jetzt bringen keine Mostgewichtssteigerung, sondern sorgen für das was bisher gefehlt hat: Aroma.“

Zum Artikel auch ein Schreiben (ohne Korrektur) von David Schildknecht, ein wichtiger Weinverkoster und Bewerter im Dienste des umstrittenen Weinpapsts Robert Parker:

Der meiste RIESLING ist erst in den letzten zwei Wochen eingebracht worden. Einiges hängt noch, insofern ihre verrieselten (sprich: luftdurchlässige) Trauben Pilsdruck noch wiederstehen. Analyse oder auch Traubengeschmack sagt nur soviel bis vergoren und ausgebaut wird.

Daher gälten solche Verallgemeinerungen wie Herr Klimek sie verbreitet als voreilig, auch wenn zutreffend.

Wegen neusten Know-Hows werde laut Klimek „Irgendwo in Deutschland … dieses Jahr eine Auslese noch möglich sein.“ In der Tat gibt es Moselwinzer die wegen Botrytis schon erheblich mehr 2010er Auslesen haben lesen müssen als sie in einem so ertragsniedrigen Jahr hätten lesen wollen. Ihre Qualität wird sich zwar erst heausschmecken lassen, aber mostgewichtsmäßig sind sie keine „kleine.“ Problematisch wird – wie bei den meisten 2010er – die hohe Säuere –
– es sei denn man entsäurt. Wer wie Herr Klimek aber glaubt, der Ankauf von Doppelsalz (oder auch Zucker um anzureichern) erfolge erst knapp bevor gepresst oder vergoren wird, und daher „beweise“ daß der Winzer schon gelesen hat, müsse die Winzer für dumm halten. Wer würde nicht gerade in einem solchen Jahrgang aus Versicherung einkaufen? In Burgund verschwand der Zucker Endes des Sommers 2008 wie seit 20 Jahren nicht, wurde aber dann unter den besten Paar Hundert Winzer kaum mehr wie im außerordentlichen Jahrgang 2005 benützt. Außerdem entsäuern manche Winzer erst im Wein nicht im Most (wenn auch die angebliche Vorteile beider Methoden diskutabel sei).
Sie „wette[n],dass wir 2010 ein paar wunderbare Weine … bekommen; … Ein paar tausend Flaschen vielleicht. Mehr nicht.“ Herr Klima, bei Topwinzer wie Keller im Rheinhessen; Schäfer-Fröhlich an der Nahe; oder Weil im Rheingau hängt heute (29. 10.) noch mehr als die Hälfte der eventuellen Rieslingernte, also etliche Tausende KARTONS, es sei denn, alles gehe schief, aber wer diese Trauben und gleichzeitig die Wettermeldungen für nächste Woche anguckt wird kaum drauf wetten. Solche ehrgeizige Winzer sind zwar nicht risikoscheu, aber auch nicht dumm.
Ich gehe auf keine weitere Einzelheiten des Mißrepräsentierens ein, finde es aber schade, wenn Zeitleser ihre Vorstellung eines Jahrgangs auf solcher Weise bekommen.
Anscheinend bin ich älter als Herr Klima und habe auch die Jungweine der 70er und 80er trinken können bzw. in eingen Fällen trinken müssen; kenne mich also mit echt problematisch-unreifen Jahrgänge wie es seit mehr als 20 Jahren nicht gibt gut aus. Auch damals haben Journalisten sich lächerlich gemacht indem sie einen Jahrgang schon vor oder mitten in der Ernte totgesagt haben – beispielsweise die 1987er, die zum Teil heute noch Spaß machen obwohl sie säuerbetonnt, knappreif, und meist angereichert waren. In guten Rieslinglagen und Betrieben haben die 2010er Mostgewichte und Beerenaromatik schon erreicht, wofür man 1987 gebeten hätte in der Gewissheit, man hätte sie nur mittels eines Heiligen erreichen können (während in 1980 und 1984 nur ein Faustpakt geholfen hätte).

Zu diesem Schreiben die Antwort des Captain:

Vielen Dank für Ihre Antwort, gewiss sind Sie älter als ich und länger in Ihrer Profession tätig. Gehen wir zu den Punkten:

Ich widerspreche, dass der meiste Riesling erst in den letzten zwei Wochen eingebracht wurde. Ich denke (soweit mein Informationsstand), dass nur noch ein Drittel oben war. Oder sogar stark darunter. Dass die Winzer der von Ihnen bevorzugten Weingüter später ernten und damit ein Risiko eingehen, sei auch erwähnt. Aber ich glaube, dass daraus eben eine singuläre Wahrnehmung entsteht, die nicht der Realität entspricht.

  • Zu den Auslesen: Wahr ist, dass es 2010 genug Auslesen geben wird, das war von mir nicht deutlich genug oder falsch formuliert. Wahr ist aber auch, dass eine gute Qualität dieser Auslesen nicht fest gemacht ist. Und wahr bleibt, dass viele dieser Flaschen dann zu früh getrunken werden und den Eindruck eines schlechten Jahrgangs hinterlassen. Wahr zuletzt, dass von den Auslesen 2010 nur ein paar tausend Flaschen so lange altern werden dürfen, dass die später mal Sie und ein paar andere Weinenthusiasten und Weintester beglücken. An der Masse der Weintrinker, die ich hier in der „Zeit“ und aus „CaptainCork“anspreche, geht dieses Phänomen des gut gealterten Weins vorbei.
  • Zu den Ankäufen: Viele Betriebe warten mit dem Kauf von Doppelsalz (oder Zucker) schon alleine aus ökonomischen Gründen bis zum letztmöglichen Moment. Das ist auch gar nicht dumm. Wieder behaupte ich, dass Sie durch Ihre Bekanntschaft mit der Spitze der deutschen Winzer einen singulären Eindruck bekommen, der nur in dieser Elite gilt.
  • Zum Jahr 2010 und der jetzt herrschenden Wetterlage will ich mich nicht weiter äußern; ich würde abwarten, bis die Trauben im Keller sind. Schon oft hat man in diesem Jahr etwas vorhergesagt, das dann nicht eingetreten ist.
  • Im Schlusssatz erklären Sie sehr gut die Problematik, die der gemeine Leser mit Elitetrinkern haben muss: Sie schwärmen von Weinen, die selbst den meisten qulifizierten Trinkern vorenthalten bleiben. Ihre Bewertungen schön und gut: Die Menschen, die gerne Wein trinken, erreicht das kaum.

Beste Grüße/Best regards…

 


 

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