Tolles Land! Verrückte Politiker, brutale Verbrecherbanden, seltsames Fahrverhalten, bigotte Moral: man muss Italien einfach lieben, diese Anti-Intellektuellen, die nicht viel denken, nur leben. Und trotzdem eine vernünftige Infrastruktur hinkriegen. Italien: ein super Land.
Und dann erst das Essen. Dieses Wahrnehmen der Region und ihrer Schätze. Großartig. Man kann in Italien fast in jeder Kneipe gut essen, am Land sowieso. Herrlich. Ach, manchmal wünscht sich der Captain, Deutschland hätte diese qualitätsorientierte Verfressenheit, die nach dem Besonderen sucht und sich nicht mit widerlichem Mikrowellenfraß abspeisen lässt. Manchmal soll das Wünschen schon geholfen haben.
Und der Wein? Nirgendwo sonst ist er in den Alltag derart integriert, wie in Italien. Jeder trinkt Wein. meistens jedoch nur Regionales. Und Einfaches. Das Weingetue, wie etwa in Frankreich üblich, gibt es in Italien kaum. Trotz dutzender Ratgeber und hunderter Experten. Wein ist in Italien einfach da. Am Tisch. Beim Essen. Den schlürfenden Weinfreak, den Weinschwätzer findet man nur in abstrusen Zirkeln. Dort hört man ihm auch zu und nimmt ihn ernst. Er ist Teil des Theaters.
Seit Ende der Achtziger gehören Italiens Weine zu den besten der Welt. Grund hierfür ist vor allem die Initiative einiger reicher und adeliger Familien, die in der toskanischen Region Bolgheri Ende der Sechziger Jahre das Bordeaux Italiens hinstellen wollten. Als Rakete für Chianti, Brunello, Montapulciano und Co.
Dieser Initiative folgte eine Erneuerung im zweiten großen Weinbaugebiet Italiens, dem Piemont, die vor allem von dem Entrepreneur Angelo Gaja getragen wurde. Dessen Weine zählen heute zu den teuersten der Welt.
Die hervorragenden Jahre 1985, 1988, 1989 und 1990 lieferten der Welt jede Menge Beweis für das Können der neuen italienischen Winzer. Fantastische Kreationen, so genannte Vino da Tavola, die aus gesetzlichen Gründen in den niedersten Rang eingeordnet wurden.
Oder auch Weine, die ihre Herkunftsorte (Barbaresco, Barolo, Montepulciano, etc..) berühmt machten. Italienischer Wein konnte in der Reputation mit französischem Wein gleichziehen. Das gefiel den Franzosen nicht, sie wiesen immer darauf hin, dass italienischer Wein nicht die Haltbarkeit und Ausdauer französischer Kreationen hat. Das wiederum brachte die Italiener auf die Palme, es regnete Entgegnungen. Italienischer Wein, so hörte man von Sassicaia, Antinori und Co., werde in fünfzig Jahren noch mit Kraft protzen und mit Eleganz strahlen.
Irrtum.
Denn der Captain und die Mannschaft habe ein paar der besten Flaschen der besten Jahre gekostet, Flaschen, die vor fünfzehn Jahren ein gigantisches Trinkvergnügen waren, Flaschen, die seither im tiefen Keller des Captain lagen und nicht einen fingerbreit bewegt wurden. Und...? Eine Enttäuschung. Alles müde.
Der Chianti Riserva Rancia 1988 von Felsina aus der Magnum beispielsweise. Knapp nach dem Öffnen noch sehr gefällig, weich, rund, aber schon schlank am Gaumen. Dann, nach wenigen Minuten der Totalverlust jeglicher Kraft. Noch ein paar schöne Krautertöne in der Nase, etwas Beeren. Doch nach einer Stunde nur mehr der Schatten seiner selbst.
Der Sassicaia 1990 ist da schon besser aufgestellt. Doch auch er kann nur begrenzt glänzen. Feine Töne nach Minze und Heu in der Nase, etwas Tabak noch. Doch dann Tomate pur, geschälte und gekochte Dosentomate. Im Mund zuerst noch kräftig und plump, dann schnell sehr schlank und metallisch. Keine Katastrophe, ein guter Speisenbegleiter. Aber für diese Legende zu wenig.
Etwas besser der Ornellaia 1990. Hier ist viel mehr Kraft konzentriert, die dem Wein ein halbe Stunde bella figura machen lässt. Später dann ein ebenso rascher und überraschender Verfall.
Schrecklich hingegen der Brunello von Biondi-Santi aus dem Jahre 1988, immerhin einer der teuersten Weine Italiens. Ein Abwaschwasser von Anfang an. Eigenartig, wie leer und verdampft die einstige Kraftsuppe im Glas verendet.
Besser dann der Barbaresco von Angelo Gaja aus dem Jahre 1990. Lage Sori San Lorenzo. Ein höflicher und eleganter Wein, der auf der Nase wenig vom Terroir und viel von Beeren und Wiese (Kamille) zeigt. Er hat eine gute Struktur, die mehrere Stunden anhält. Dennoch verfällt das Elegante auch in dieser Struktur schnell. Bald schmeckt der Wein wie der Sassicaia nach geschälten Dosentomaten und überreifen Früchten. Auch die Farbe erinnert an Rost. Für diesen Preis und diesen Namen enttäuschend.
Parallel dazu wurde ein Bordeaux Leoville-Poyferre aus dem gleichen Jahr getrunken, der sich frischer, floraler und kräftiger präsentierte. Und auch am nächsten Tag im verlassenen Glas noch Konturen der Größe erkennen ließ.
Danach ein Barolo, der Bric del Fiasc 1990 von Paolo Scavino. Einst ein Prachtwein, heute nur ein durchschnittlicher alter Wein, der zwar viel von Boden und Land erzählt, aber hintennach nur plump bleibt. Verglichen mit einem 1999er, der parallel getrunken wurde, eine weitere Durchschnittlichkeit. Der junge Bric hingegen ist ein fantastischer Saft.
Der Captain sagt: große italienische Rotweine sind im mittleren Alter (8 bis 12 Jahre) ein echtes Trinkvergnügen. Danach wird es schwierig. Entweder sie behalten ihre Struktur und erscheinen trotzdem plump. Oder sie hauchen ihr Leben in der Flasche aus.
Wer also Weine länger aufbewahren will (Geburtsjahr des Kindes, Hochzeitstag, etc.), der sollte auf französische Weine (Bordeaux, große Burgunder, Rhone) ausweichen. Der Jahrgang bleibt entscheidend. Oder Süßweine horten. Auch italienische. Aber das ist eine andere Geschichte.
Große und gute ältere italienische Jahrgänge:
Toskana: 1988, 1989 (mit Vorbehalt), 1990, 1995, 1997, 1999, 2001
Piemont: 1988, 1989, 1990, 1995, 1996, 1997, 1998, 1999, 2001 (mit Vorbehalt)
Der Captain empfiehlt außerdem auch noch weitere italienische Weine.







alte Italiener: als Zierde gut geeignet 





Als völliger Weinlaie stelle ich mir jetzt die Frage: Warum können diese italienischen Rotweine das nicht, was die Franzosen lt. Captain können? Liegt das an der Art des Weinmachens, an den Sorten, an der Lage, am Anbaugebiet?
Danke