Konzentrierter Ellenbogeneinsatz. Der Captain muss wieder hart durchgreifen, denn die Mannschaft kann sich nicht benehmen. Sind halt einfache Seeleute, die auf diesem Schiff Kultur beigebracht bekommen. So muss der Captain die Peitsche rausholen und die gierigen Münder von den alten und langsam gereiften Sauvignons abhalten, die ein verschreckter Sommelier zu entkorken versucht. Verschwindet, Meute! Der Captain kostet immer zuerst.
Der Captain war in der Südsteiermark. Und erfuhr dort vom Brenner und Essigmacher Alois Gölles vom Geheimnis alter Sauvignons. Ein Geheimnis, das schnell ausgesprochen ist: "Dea schmecken oecht suapa. Ollemiteinound."
Die Steirer können ja saufen bis zum Umfallen. Im Umfallen sehen sie dann aus, wie umfallende Finnen in skandinavischen Arthaus-Filmen. Nur dass die Finnen nach drei "Glaserln" schon umfallen. Da schwanken die Steirer noch keinen Millimeter. Das erklärt auch den enormen Erfolg von Arnold "Bezirksvorsteher" Schwarzenegger: er soff die Amis einfach unter den Tisch. Wie sonst wäre er zu einem Schauspielvertrag gekommen?
Also soff der Gölles den Captain unter den Tisch. Das heißt, der Captain soff sich selber unter den Tisch. Mit kleinen Hirschbirnen. Siehe diesen Text. Vorher trank er aber noch ein paar gereifte Sauvignons, die er jetzt der Mannschaft mitbrachte, die an der Außenalster ankert. Da herrscht natürlich Aufregung, denn der Chef war lange auf Landgang. Ruhig Leute, es ist genug für alle da.
Zum Beispiel vom Sauvignon Zieregg 2001 von Manfred Tement. Ein gutes Jahr für reife Sauvignons, wie sich in der Folge herausstellt. Der Zieregg ist Tements erste Lage und wird 18 Monate im Fass ausgebaut. Die ersten drei Lesedurchgänge kommen in das große Holzfass, die beiden letzten ins Barrique. Das gibt dem Wein eine wunderbare Balance, die jetzt cremig und zurückhaltend die Traube transportiert. Man findet sanfte Töne von Gras und Heu in der Nase. Und immer noch Minze und Stachelbeere am Gaumen. Doch generell findet man Eleganz, die Kraft als Motor einsetzt. Herrlich.
Auch der 1999er Zieregg, knapp danach getrunken, bestätigt den guten Ruf des Winzers. Die Reben der Lage stehen auf extrem steilen Hängen und wurzeln tief in Muschelkalk. Beim 99er wird klar, wie schnell sich die Frucht zurückzieht und dem Terroir die Bühne überlässt.
Beim 99er scheiden sich dann auch die Geister, die Mannschaft hat zwei verschiedene Meinungen zu diesem Wein. Die einen halten ihn für einen alten Wein ohne Frische und Glanz; die anderen, darunter auch der Captain, finden den 99er Zieregg nicht dumpf, sondern reichhaltig und elegant. Stimmt schon: Frucht und Blume sind verloren. Dass der Wein aber noch viel kann, beweist seine enorm lange Überlebensphase im Glas. Dort ist er am nächsten Morgen noch präsent. Trotz viel Luft. Und drei Fruchtfliegen. Chapeau.
Danach köpft die Mannschaft eine Flasche Ratscher Nussberg 2002 von Gross, ein extrem angenehmer und trinkfreudiger Wein aus einem mittelmässigen Jahr, der in diesem Moment das größte Vergnügen bereitet. Sanft, mild, kaum mehr Säure, aber ein stabiles Gerüst. Der Wein lag 10 Monate im großen Holzfass und wuchs auf Kalksandstein. Das merkt man an dem kühlen Ton, der sich vor der Speiseröhre bemerkbar macht.
Der 2001er Nussberg ist dann etwas zurückhaltender (das besser Jahr eigentlich), er verhält sich wie ein muskelbepackter Boxer, der überraschend angeschlagen wurde und vielleicht nicht mehr aufkommt. Angezählt also. Aber man ahnt, was er kann. Vielleicht liegt es einfach nur an dieser Flasche.
Der 2000er Nussberg wiederum ist ein lange präsent bleibender, großer Wein, der seine besten Tage gerade eben hinter sich gebracht hat, aber noch zeigen will, was er kann. Kaum Müdigkeit, Strahlkraft, Eleganz, noch präsente Töne nach Feige und Blaubeere, nach Minze und Heu. Sanft im Abgang, kaum noch alkoholisch. Perfekt.
Dann kommt Muttis Liebling, der Sauvignon Hochgrassnitzberg 2003 von den Brüdern Polz. Diesen Wein gibt es sogar noch offiziell im Weingut zu kaufen, die Brüder halten ihn für ein Meisterwerk ihrer Winzerkunst und haben ihn lange vom Markt zurückgehalten, weil sie (wie auch der Captain) glauben, große Sauvignons müssen zunehmend später getrunken werden.
2003 war ein schwieriges Jahr, ein extrem heißer Sommer machte es den Bauern nicht leicht. Es war ein Jahr geprägt von mikroklimatischen Bedingungen. Die Lage Hochgrassnitzberg grenzt direkt an Slowenien, sie bekam durch kleine Regengüsse ab und zu auch etwas Feuchtigkeit ab. Die Sonne brannte in dieser Höhenlage weniger stark, als die Lagen in den Niederungen. Deswegen ist dieser Sauvignon mächtig und vielschichtig zugleich.
In der Nase entfalten sich zuerst exotische, asiatische Früchte, dann etwas Kräuter und etwas zerdrückte Banane - alles nicht unbedingt sortentypisch. Im Mund schwappt dann eine reife, runde und mächtige Flüssigkeit, extrem lang anhaltend im Abgang, später, bereits getrunken, extrem an sich erinnernd. Der Wein hat von allen geleerten Sauvignons das beste Alterunsgpotential und ist eine echte Bereicherung.
Die Mannschaft hebt den Zeigefinger. Ja, sagt der Captain, ich weiß, diese Weine sind nicht billig. Wenn man sie überhaupt noch kaufen kann. Doch man kann frische Sauvignons kaufen. Und mit dem Einlagern beginnen. Damit beendet man auch den Irrtum, dass Sauvignons nur süffige Trinkweine sind. Wahr ist aber auch: kein anderer Weißwein verändert sich bei Fasslagerung und Alterung so stark, wie der Sauvignon. Sagt der Captain.
P.S: freilich sind das nur die Weine der bekanntesten und größten südsteirischen Winzer. Von den neuen Superstars und den Nischenwinzern berichtet der Captain demnächst.
Tement Zieregg bei Döllerer, Gross Ratscher Nussberg bei Belvini, Polz Hochgrassnitzberg 2003 direkt bei Polz, den 2007er bei Weingrube
Das wars jetzt mal aus Österreich, wir flaggen aus und hissen die Hauptstadtfahne. Der Captain ankert in Berlin und berichtet am Wochenende von der VDP-Verkostung.







Im Bild: Walter Polz. Wenn man erfolgreich ist kann man sich ab und zu auch mal danebenbenehmen 



Sehr guter Artikel, habe sehr gelacht, abgesehen von dem Nutzwert. Danke auch für diese Nischenreportagen. Weiter so. Ich lese es mit Vergnügen. Und alle hier im Geschäft auch.