Chandra Kurt lehnt am Tresen, wie immer sehr nüchtern und elegant, sehr männlich gekleidet. Chandra Kurt lehnt am Tresen und trinkt ihren eigenen Wein. Gut geworden. Sie riecht intensiv im Glas, dreht es, kontrolliert die Farbe (sehr hell) und schlürft einen kurzen Schluck, bevor sie ihn durch die Kehle lässt. Gut geworden. Davon muss sich Kurt stets aufs Neue überzeugen. Vor allem im ersten Jahr.
Chandra Kurt ist Weinjournalistin, keine "irgendwelche" Weinjournalistin, vielmehr eine der besten und berühmtesten Autorinnen im deutschsprachigen Raum. Ihre Bücher erreichen beachtliche Auflagen, sie kann gut von leben.
Und trotzdem Wein machen?
Natürlich macht Chandra Kurt Ihre Weine nicht alleine, sie hat sich prominente Hilfe geholt, Hilfe in Person der bekannten Schweizer Önologin Madeleine Gay. Diese arbeitet für die Walliser Genossenschaftskellerei "Provins", ein Vorzeigebetrieb der Eidgenossen, der zeigt, wie Zusammenhalt funktioniert. Ähnliches gibt es in dieser Kollegialität weder in Deutschland noch in Österreich.
Und im Wallis herrscht auch kein Neid auf neue Mitbewerber; ganz im Gegenteil, man freut sich über jedes neue Projekt, das den Walliser Weinbau nach vorne bringt. Das hat dieser mitunter notwendig, denn die Erneuerung der Schweizer Weinwirtschaft steht augenblicklich nur auf den (starken) Füßen neuer lokaler Protagonisten. Die dafür aber eine Moderne an den Tag legen, wie man sie in Europa nur mehr selten findet.
Die Weine von Chandra Kurt und Madeleine Gay wachsen mitunter in dramatischer Höhe, oft auf über 1.000 Meter und mehr. Die Weinmacherinnen widmen ihr Tun vor allem den beiden autochtonen Sorten Humagne Blanche und Humagne Rouge, die zwar ähnlich heißen, aber nicht verwandt sind. Humagne Blanche ist zudem eine äußert krankheitsanfällige und ertragsschwankende Traube, die deswegen im Wallis widerstandsfähigeren Sorten Platz machen musste. Humagne Blanc riecht meist nach Wiese und Mineral. Und schmeckt nach dem Boden, wo sie wächst. Sie befördert das Terroir ins Glas. Früher war der Wein in der Schweiz sehr beliebt, ihm wurde wegen seiner hohen Mineralität Heilwirkung nachgesagt. Als die Medikamente aufkamen flogen die Stöcke von den Feldern.
So eine schwierige Rebsorte bedarf kundiger Hände. Und braucht Önologen mit Geduld. Kurt und Gay haben bewusst die Komplikation gewählt. Als Lohn zahlt der Wein seine Zeche mit einer außergewöhnlichen Prägung. Im immer dramatischer nivellierten Weltweinmarkt sind solche Säfte inzwischen Schätze.
Heida auf 1.150 Meter...
Auch der Humagne Rouge ist ein seltener Wein. Nicht so selten, wie der weiße Humagne, denn Humagne Rouge ist weiter verbreitet, ist auch als Petit-Rouge bekannt, er kommt ursprünglich aus den italienischen Aosta-Tal. In der Schweiz werden gerade mal 124 Hektar Humagne Rouge angebaut. Und lächerliche 30 Hektar Humagne Blanc. Ein Treppenwitz der Weinwirtschaft.
Die Liebe zu ausgefallenen Projekten haben Kurt und Gay aber beim Projekt "Heida" auf die Spitze getrieben. Noch dazu im Sinne der Phrase. Der Haida ist ident mit dem Savagnin-Blanc, ein alter Traminer-Klon, der vor allem im Schweizer Jura wächst. Im Wallis gibt es in einer Höhe von rund 1.150 Meter noch wenige tausend Rebstöcke. Hier haben die beiden Önologinnen ihr Projekt geerdet.
Zwei Frauen und drei ausgefallene Weine. Nichts passt besser zum Captain und seiner Mission, seltene und rare Schätze zu bergen und aufs Schiff zu holen. Noch dazu diese Einzigartigkeit, diese Gefangennahme der Vielfalt, wie man sie auf dem Planeten Wein wohl selten vornehmen kann. Es ist, als hätten Kurt und Gay im Lexikon nachgeblättert, wo die seltensten Rebsorten der Welt wachsen. Und wären dann draufgekommen, dass dies in der unmittelbaren Nachbarschaft geschieht.
Alle drei Rebsorten sind ausdrucksstark, eigenwillig und kräftig. Heida (Savagnin) und der tanninreiche Humagne Rouge eignen sich nach einer monatelangen Lagerung im (bevorzugt großen) Eichenfass zur jahrelangen Ablage im Keller. 20-30 Jahre Strecke garantiert. Im neuen Weinsprech heißen solche Weine "Langstreckenläufer".
Für Chandra Kurt bedeutet dieses Projekt, die Symbiose zwischen autochtoner Tradition und önologischer Moderne beweisen zu können. In solcher Radikalität hat das bislang nur Roland Velich mit seinem Blaufränkisch "Moric" getan. All diese Weine sind Geistesblitze des gleichen Gedankenvaters. Und inzwischen alleinverantwortlich für wahren Reichtum.
Und dafür dass dem Captain nicht langeweilig wird.
Morgen gibt es eine detailierte Beschreibung, denn Heida wird der Wein der Woche. Bezugsquellen folgen.







Chandra Kurt: Das Gesicht des modernen "Schwizer" Weinbaus 






Toller Artikel, Kompliment!