Mir ist das schon früh aufgefallen. Als ich selber mit dem Rauchen aufgehört habe. Danach schmeckt alles anders. Eindrücklicher, deutlicher, unterschiedlicher. Mit ist das später noch stärker aufgefallen. Zum Beispiel, als ein Gast in einem Münchner Restaurant drei Meter neben mir damit begann, sich eine Hoyo de Monterrey Churchill anzustecken, ein mächtiger, wichtigtuerischer Tabakprügel, der mir meine Müller-Catoir 99er Scheurebe-Spätlese zerstörte. In Nase und Mund. Ein Kapitalverbrechen. Rauchen und Wein: Geht nicht!
Nach der Verwunderung, dass dergleichen vor fünf Jahren noch möglich war, kommt die Erleichterung, dass man seine Weine (und sein Essen) heute ohne Qualm genießen kann. In mancher Berliner Bar ist das immer noch nicht möglich. Nun ja, man muss nicht alles verbieten. Die Zivilgesellschaft regelt ihre Belange mitunter auch ohne Regelwerk.
Dabei bin ich kein militanter Nichtraucher. Ich habe mir meine annähernd täglich konsumierten 40 tiefdunklen Gauloises schon vor zwanzig Jahren abgewöhnt. Und anstelle abends mal an einer Zigarre angezogen. Was ich immer noch tue. Ich behaupte aber, dass ein dauerhafter Raucher, also jemand, der seinen Nikotinspiegel auf einem gewissem Level halten muss, den Charakter eines guten Weines nicht erfassen kann. Seine Sensorik ist demoliert. Manchmal für immer.
Der Stinkefinger
Schon alleine der Stinkefinger. Jedes Mal ekelt es mich, wenn ich mir vorstelle, wie ein nikotinverseuchter Zeigefinger, eventuell mit düstergelben Rauchrückständen, ein Weinglas balanciert, das sich schnell der Nase nähert. Mit ihm nähert sich die olfaktorische Belästigung, die der Finger als Tara transportiert. Und der schöne Weingartenpfirsich des zart restsüßen Rheingau-Rieslings hat seinen Henker gefunden.
Viel schlimmer aber, was Nikotin im Mund anrichtet. Erst recht die neuerdings stark gesüßten und parfümierten Zigaretten, die aufgrund ihren Kuchenaromen mit manchem Wein sogar gut kombinieren. So verfälschen sie den Charakter des Getränks und machen es eigenschaftsloser, beliebiger. Da ziehe ich den alten stinkigen Glimmstengel vor, oder auch jene neuen Tabakprodukte, die sich in ihrer rohen Ungeschliffenheit als Naturprodukt ausgeben. Es darf wieder gestunken werden. Biozigarette und Biowein passen trotzdem nicht zusammen.
Einer meiner Freunde ist seit Jahren starker Raucher. Er, ein leidenschaftlicher Weintrinker, gibt zu, mit der Zeit die Fähigkeit verloren zu haben, Riesling von Silvaner zu unterscheiden. Oder Spätburgunder von Lemberger. Früher konnte er das noch, doch die tägliche Dosis Nikotin legt sich Tag für Tag auf Schleimhaut und Papillen, wie Asphalt über atmende Erde. Neulich hat er einen Selbstversuch gemacht und mit zugebundenen Augen mehrere Weine verkostet. Da hat er nicht mal mehr Rot- und Weißweine auseinanderhalten können. Die Konsequenz? Er trinkt mehr Bier. "Die Sucht", sagt er entschuldigend, "die Sucht..."
Auch fetter Rotwein hilft nicht
Manch einer macht sich was vor; in Foren für weintrinkende Raucher wird stets aufs Neue behauptet, dass ein Rotwein á la Parker (fette, tannin- und alkoholreiche Konfitüre), oder eine Beerenauslese, auch von einem starken Raucher noch als Genuss erfahren werden kann. Das mag schon stimmen, doch um welche Art Genuss handelt es sich? Die ganze Vielfalt von Wein kann sich einem Raucher niemals erschließen.
Fazit: Das mag hart klingen, doch es kann kein falsches Leben im richtigen geben. Wer gerne und enthusiastisch Wein trinkt, wer den ganzen Strauß Gerüche und Geschmäcker erfahren will, der muss auf die dauerhafte Nikotin-Impfung seiner Zunge verzichten. Ausnahmetalente, die eingenebelt noch riechen und schmecken können, mag es geben. Sie sind selten.







Nun gut, die Dame hatte noch keinen Chateau Margaux 1990 im Glas... 





Mit Verlaub: Ich kann diese Erfahrung so nicht bestätigen. Diese völlig neue Geschmackswelt, von der man immer wieder liest, diese ungezählten neuen Eindrücke, diese feinsten Nuancen, die vorher verschlossen blieben - Fehlanzeige. Kann ich leider nicht mit dienen. Ich bin vor 6 Jahren ausgestiegen, von 40 bis 50 Selbstgedrehten auf Null und um nicht falsch verstanden zu werden: Ich erlebe das nach wie vor als ungemeine Befreiung. Aber das Aromenfeuerwerk, von dem ich so oft gelesen hatte? Fehlanzeige. Ich habe vorher überdurchschnittlich gut schmecken und riechen können und konnte es hinterher auch. Signifikante Unterschiede sind für mich nicht feststellbar.
Die einzige Ausnahme: Tabak, Teer, Rauch. Darauf reagiere ich seit ich nicht mehre rauche deutlich sensibler. Und das nimmt nach wie vor von Jahr zu Jahr zu.