Ein Empfang. Beim Bundespräsidenten. Beim neuen. Der mit der Gattin. Die mit der Tätowierung. Jetzt hat er es geschafft. Alles findet sich ein, auch seine Gegner und Widersacher. Freundliche Miene, mache lächeln gequält. Smalltalk. Jeder schwitzt. Ein heißer Tag.
Gegen Schweißperlen helfen Sektperlen. Also schenken die Damen und Herren vom Catering schnell ein paar große Flaschen Winzersekt aus. Deutscher Winzersekt selbstredend. Von einem großen und namhaften Hersteller. Trägt nicht dick auf. Und macht was her.
Als Gläser reicht man eine leicht tulpenbäuchige Flöte, ein Mittelding zwischen schmal und rund. Die Gäste freuen sich über die Erfrischung und schlürfen das perlende Wässerchen ohne Unterlass. Bis die ersten Damen beschwipst die Party verlassen. Unpässlich vor dem Präsidenten? Das geht nicht.
Champagner in der engen Flöte lässt nur die Kohlensäure leben
Alle sind happy. Bis auf einen Schauspieler, der auch als Gourmet bekannt ist. Er ruft eine Dame zu sich, die mit der Sektflasche die Runde macht und bestellt ein Weißweinglas. Begründung: "Ich will da meine Nase reinstecken." Der Mann hat recht.
Champagner und Sekt werden seit Beginn der Glaskultur in den falschen Gläsern serviert. Beispielsweise die Sektschale, das (oder die) "Coupe", ein gänzlich untaugliches Glas, das erstens alle belebenden Perlen schnell entweichen lässt und zweitens durch die Wärme der haltenden Hand keine stabile Trinktemperatur garantiert.
Deswegen erfand man die Flöte, sozusagen das Gegenstück, die zweite Fehlentwicklung. Die Flöte kann man zwar am Stiel halten und man sieht auch das Spiel der Perlen besser. Doch vom Wein, dem Grundprodukt des Champagners, kriegt man wenig mit. Nase rein und reichen? Geht nicht.
Champagner in der Schale ist eine Wasserleiche
Nachdem die Weinkultur den Grundwein der Champagner wieder in den Vordergrund rückt, produzieren die erfahrenen Glasproduzenten seit geraumer Zeit leicht bauchige Champagnergläser. Das mag zwar eine richtige Reaktion sein, bringt aber trotzdem wenig. Wie jedes Produkt, das zwischen den Stühlen steht.
Nein, Champagner und Sekt gehören in ein Weißweinglas. Besser gesagt in ein Chardonnay-Glas, ein leicht bauchiges Glas mit genug Öffnung, die Nase darin zu versenken. Viele Restaurants servieren ihre Champagner längst in diesen Gläsern. Das ist ein Wagnis, denn das bauchige Glas lässt nur guten Champagner richtig wirken. Billige und schlechte Ware wird in diesem Glas gnadenlos als Dreck entlarvt.
Denn das bauchige Glas gibt dem Wein den Vorrang. Und nicht den Perlen, die durch den "Liqueur de tirage", die Mischung aus Champagnerhefe und Zucker entstehen. Viele Jahre lang wurden dem Liqueur tirage und dem ihm folgenden "Liqueur d´expédition" (wird vor dem Verkorken des Champagner beigefügt) mehr Bedeutung beigemessen, als dem Grundwein. Soll heißen: Es ging um die Perlen, die optische Betörung. Der Wein war Nebensache.
Massenchampagner sollte man ohnehin nie trinken
Das ändert sich gerade. Die Hersteller durchschnittlicher Massenchampagner müssen in der Krise mit dramatischen Absatzrückgängen kämpfen. Hersteller von Qualitätsware, wie etwa Pol Roger, Bollinger, Gosset und viele andere mehr, überstehen die Krise ohne große Beschädigung. Zwar sind ihre Flaschen teuer. Doch der Champagner ist meist exzellent. Das liegt vor allem an der Qualität der eingesetzten Weine. Klasse vor Masse, die alte und immer gültige Regel.
Und nur ein guter Champagner kann die Probe im Weißweinglas schadlos überstehen. Er wird mehr Wein, die Aromen kommen schnell und präsent zu Tage, die Kohlensäure tritt in den Hintergrund.
Sicher werden Champagner und Sekt im Weißweinglas schneller schal, als in der Flöte. Sicher "verraucht" die Seele des Schaumweines, die Kohlensäure, binnen weniger Minuten, Doch ist es eine generelle Unsitte, sich an einem Glas Champagner oder Sekt mehr als zehn Minuten festzuhalten. Ein Blick zum Nachbarn nach Frankreich zeigt: Champagner gehört zügig getrunken.
Übrigens: Zu den Schaumweinen zählt selbstredend auch der verpönte Prosecco, meist billige Plörre. Doch für die wenigen guten Weine dieser Region empfehle ich ebenfalls das Weinglas. Wie für alle Schaumweine, die den Wein vor den Effekt setzen. Zu viele Perlen? Hände weg.
- Der Captain empfiehlt den exzellenten und trinkreifen Pol Roger Brut 2000, eine von Chardonnay dominierte Cuvée, vollmundig, cremig, wenig, elegant, exzellent zu Fisch und Krustentieren. Dieser Champagner ist vom Captain "Cóte-proofed" (am Strand getrunken). Für 49,80 Euro bei Mövenpick
Der Captain betont, dass er am Verkauf keinen Cent verdient, es handelt sich bei den Empfehlungen um journalistisches Service. Der Captain gibt auch keine Bestpreisgarantie oder Ähnliches.







Definitiv das falsche Glas. Die Perlen auch etwas zu groß, oder...? 





schön. endlich kann ich jetzt auch offiziell diese albernen flöten weglassen. privat haben wir eh' immer aus weißweingläsern getrunken...