13.11.10 MEINUNG 16 Einem Freund senden

Nicht immer nur auf eine Karte setzen

Auch in Frankreich ist es fad. Denn es gibt nur französische WeineAuch in Frankreich ist es fad. Denn es gibt nur französische Weine

Eine Fahrt durch die Republik. Hochrenommiertes Sternerestaurant hier, angesehene Weinstube dort. Ein Blick auf die Weinkarten. Überall die gleichen Weine. Die gleichen Rieslinge von der Mosel, aus der Pfalz und aus Rheinhessen; die immer gleichen Silvaner und Weißburgunder aus Franken und Württemberg; die gleichen Spätburgunder aus Baden; die gleichen namhaften Italiener und Franzosen, die man einfach auf der Karte haben muss. Gute Weine, keine Frage. Aber - gäähnnn - wie langweilig.

Es gibt sogar Weinbücher, die sind so dick, dass man den schwitzenden "Gourmet" vom Nebentisch damit erschlagen kann. Und was finde ich da drin - Vielfalt? Nein. Dafür aber zehn oberwichtige Bordeaux mit allen Jahrgängen, zurück bis 1966. Doch einen einfachen Cru Burgeois aus einem trinkbaren und aktuellem Jahrgang, etwa einen Sociando Mallet 2004 oder einen Meney 2005 (beide früher gerne Gäste auf deutschen Weinkarten), kann ich nicht finden. Nur Mouton, Lafite, Petrus, Le Pin etc. Verkauft sich das? Selten.

Bevor jetzt das Stöhnen und Jammern über dieses Gejammere beginnt, muss festgehalten werden, dass die Weinauswahl in den deutschen Restaurants heute viel besser ist, als vor zehn Jahren. Und dass man Händlern, wie etwa Wein & Glas in Berlin, dankbar sein darf, dass sie sich nach neuen und interessanten Winzern umsehen. Weltweit. Aber die paar Dutzend Händler, die sich noch über das Verlangte hinaus engagieren, können die Viefalt des Angebots nicht aufarbeiten und repräsentieren.

Ausgang für den Sommelier

Zu viele Gastronomen verlassen sich auf das Angebot angestammter Händler. Und bestellen ohne vorzukosten. Immer weniger Mtarbeiter der Restaurants fahren durch die Weinregionen und probieren vor Ort. Das hat vielerlei Gründe. Der wichtigste Grund ist die allgemeine Zeitknappheit. Alles geht, doch keiner hat eine freie Minute. Und so kommen nur wenige Termine zustande. Diese vor allem bei den wichtigsten Winzern, die unbedingt auf der Karte aufscheinen müssen. Dort fährt man auch gerne hin, denn man kauft eine erhebliche Menge Flaschen ein. Das macht gute Stimmung. Und natürlich, so hört man die Gastronomen oft klagen, gibt es heute auch viel mehr interessante Winzer als früher. Wer soll die alle besuchen? Das sollen die Händler tun.

Selbst bei zusammenfassenden Verantstaltungen, etwa Messen oder große Verkostungen, kommen fast nur noch Händler. Bis auf wenige Mitarbeiter bekannter Restaurants treffe ich dort stets nur andere, private Weinenthusiasten. Und alle strömen sofort zu den bekanntesten Produzenten, manch ein Winzer sieht sich mit seinem guten Wein in die zweite Reihe gestellt. Mein Fazit: Händler und Gastronomen machen es sich zu bequem. Und zeigen uns nicht die ganze Welt der Weine. Schon gar nicht die der deutschen Weine.

Ein Besuch in der Pfalz. Bei einem Winzer, der nicht genannt werden will, der aber in diesem Jahr schon drei Preise gewonnen hat und auch die Jahre davor Auszeichnungen sammelte. Sein einfacher, sehr feingliedriger und eleganter Riesling kostet ab Hof 4,50 Euro, die exzellente Spätlese 11,90 Euro. Beides sehr gute, sehr konsumentenfreundliche Weine. Doch er wird nicht alles davon verkaufen.

Die in der zweiten Reihe sieht man nicht mehr

Denn die großen Händler machen einen Bogen um ihn. Nicht absichtlich, denn die großen Händler haben zu wenig Personal, um alles zu erfassen, was der Markt anbietet. Ein Mitarbeiter eines bekannten Weinhandels gestand mir, dass auch dieses Jahr manch ein Probepaket im Lager liegen bleibt. So verkauft unser Winzer eben seinen Wein im regionalen Markt, denn dort kennt man ihn und mag seine Weine. Ein interessierter Weintrinker in Berlin oder Münster aber wird diese spannenden Flaschen nie zu Gesicht bekommen. Es sei denn, er fährt in die Region. Manche meinen, das sei sowieso besser.

Schuld daran, so sagen viele Händler, sei aber auch der Konsument, dem das Interesse an neuen Regionen abhanden kommt. Noch vor Jahren konnte der Wein gar nicht neu und exotisch genug sein; heute kauft man das, was man für eine sichere Bank hält. Und nach der Krise, deren Ende noch keine maßgebliche Änderung des Konsumentenverhaltens herbeigeführt hat, nach der Krise kauft man auch nicht mehr so sorglos, wie zuvor. Warum soll sich der Händler, sollen sich die Gastronomen abmühen, wenn es ohnehin immer die gleiche Weine sind, wie etwa die Rotweine von Markus Schneider aus der Pfalz, oder die Saar-Rieslinge von Van Volxem, die sich wie von selbst verkaufen...?

So bleibt es die Aufgabe weniger Engagierter, heute noch für Abwechslung zu sorgen. Sie werden von einer inzwischen kaum mehr übersehbaren Zahl von Weinbloggern unterstützt, die jede neue Entdeckung augenblicklich ins Netz stellen. Natürlich sind diese Eindrücke sehr subjektiv. Aber sie hinterlassen eine Spur. Und die Idee, dass es da mehr noch geben muss, als wir in den Lokalen zu trinken bekommen.

Nur alte Hasen und neue Stars. Keine Mitte

Fazit: Das Angebot und die Vielfalt deutscher Weine findet auf den deutschen Weinkarten nur wenig Niederschlag. Alte Hasen und neue Stars beherrschen die Seiten. Gefolgt von international Arriviertem. Manchmal jedoch hat man das Glück, auf eine Weinkarte zu stoßen, die von einem Sommelier individuell gestaltet wurde. Dazu braucht er auch freie Hand. Und ein Budget.

Und er braucht Weintrinker, die seinen Empfehlungen folgen. Denn der häufigste Grund standartisierter Weinkarten ist die Nachfrage der Gäste. Wenn die nicht mitmachen, kann der Wirt seine Weine selber süffeln. Es braucht Offenheit bei allen Beteiligten. Dann gibt es irgendwann auch mehr unterschiedliche Weine auf deutschen Weinkarten. Und eine Auswahl, die einem Weinland auch gerecht wird.



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Kommentare 16

Kommentare

SinZin

alles schön und gut lieber captain aber ein kleines problem, und das ist das problem der winzer: ihre preise, von denen aus der 2. reihe, sind konsumentenfreundlich günstig. der angesprochene winzer aus der pfalz verkauft seinen wein um € 4,50. wenn der haändler den einkauft braucht er einen einkaufspreis. aber welchen soll der winzer machen, der aufwand und di kosten zur erstellung dieses weins sind die selben wie bei einem rennomierten betrieb. um 2,50 euro netto kann er ihn nicht verkaufen. also 3,50 euro netto als untergrenze. und die händler machen es nicht rein aus spass und lust an der laune. nein, sie müssen sich davon ernähren, hoffentlich auch die familie.

also mit ein bisschen aufschlag ergibt ein doch schon höherer preis als ab hof. bei den heutigen versandkosten oder den mengen kann der winzer das auch direkt beim weingut bestellen, vor allem in diesem bereich braucht men eh eine menge, da kann man dann sogar versandkostenfrei rechnen. der händler würde als haslabschneider verrufen sein bei vielen gastronomen. weswegen sie sich gleich gar nicht damit auseinandersetzen. und auf betriebe setzen die ihre hauptaufgabe im erzeugen sehen und nicht im vertrieb. die wiederum überlassen den vetrieb denen die das können und wollen und dadurch auch zeit haben. und reputation.

in diesem sinn bleibt es am gastronomen oder seinem sommelier, der solche entdeckungen (schmeckt uns halt genau so gut wie der xyz wein) tätigt und den gästen präsentiert. und dadurch sich abhebt. den grossteil wird und muss er beim händler kaufen, in zeiten wie diesen sind grosse lagermengen bei gastronomen nicht ganz so zuträglich und kosten viel (zu viel) geld. favorits und lieblinge machen das salz in der suppe aus, wie bei den grundzutaten der küche, die man auch versucht zum grossteil aus der umgebung zu beziehen, frische ist durch nix zu ersetzen. ohne die ist nix zu machen.

nur das in schwierigen zeiten wie diesen gutes personal nicht einfach zu finden ist und die kosten momentan so niedrig wie möglich gehalten werden müssen um zu überleben, vom verdienen ganz zu schweigen. also wird auf nummer sicher gesetzt. zu sicher, wie die eintönigkeit zeigt und die mich ebenso wie dich, lieber captain, verzweifeln lässt.

es wird wieder besser werden, für die filigranen, aufmekrsamen geniesser einfach zu langsam. dieser artikel soll anstoss genug sein.

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Ralf Scholze (via facebook)

Schuld daran, so sagen viele Händler, sei aber auch der Konsument, dem das Interesse an neuen Regionen abhanden kommt

Wer berät den Kunden, der den Weinladen betritt? Der Verkäufer vor Ort,. Meistens nicht sonderlich gut bezahlt und … wozu soll der Big Boss in solche Leute Geld investieren? Warum nimmt man solche Leute nicht mal auf Einkaufstouren vor Ort mit, schickt sie mal hin zu den Produzenten? Wer einmal dagewesen ist, kann den Kunden auch was erzählen.

Ich traf auf einer Recherchetour in Schottland Brennereien einen jungen, ambitionierten Japaner, der durch Schottland reiste, sich sein Geld als Gelegenheitsarbeiter auf den verschiedensten Schottischen Brennereien verdiente. Er wollte so alle schottischen Brennereien kennenlernen, um dann als Barkeeper in Japan zu arbeiten.

Der CIVB unterhält beispielsweise in Bordeaux in bestre Lage eine hervorragende Weinschule, wo auch auf englisch unterichtet wird. Der ideale Start, wenn man beispielsweise anschließende die Appelationen dieser Region erkunden will.

Nur einfach mal so in den Raum geworfen

Allen noch ein schönes verregnetes Wochenende

Ralf Scholze

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Philipp Bründlmayer (via facebook)

nicht nur auf Deutschlands Weinkarten..auch Ö

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Gast ...begeistert

Habe gerade online eine NYer Weinkarte studiert. Da habe ich mich gleich perfekt zurechtgefunden, weil ich (fast) alles von Germany aus kannte. Da ist man doch begeistert! Aber im Ernst, es gibt auch hierzulande rühmliche Ausnahmen.
Meint der Gast

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Mister Spuck ...fragt

Zum Beispiel wo, bitte?

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Gast

Aqua Wolfsburg, Victor's Gourmet Nennig, Margaux Berlin, Kuntz in Herxheim, Erfort in Saarbrücken, Schwarzer Adler in Oberbergen, Flohrs bei Singen, Le Noir in Saarbrücken, Bauer in Rosenberg um mal einige zu nennen. Alle auf ihre Art nicht gerade auf dem zu Recht beklagten Mainstream. Gehen Sie hin, Sie werden zufrieden sein.
Meint der Gast

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pivu

Ausnahmen bestätigen die Regel, man muss sie suchen, die Lokale mit engagierten Weineinkäufern, die abseits des Mainstreams suchen.

Das beste Beispiel für mich, dass es geht, bietet ausgerechnet das derzeit angesagteste Lokal in Good Old Eourope, das Noma in Kopenhagen. Aktuell herrschen dort "deutsche Weinwochen", mit engagiert ausgesuchten Weinen abseits des Mainstreams, davor gab's das gleiche mit Weinen aus Österreich. Es geht also, man braucht halt die Klientel, die das schätzt. Und die ist in Deutschland äußerst rar.

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Gast ...belustigt

Klar, die Dänen sind ein Volk von Weinkennern und flächendeckend gibt es die weinschätzende Klientel. Darf ich fragen, ob es Ihnen, werter pivu, ansonsten noch gut geht?
Ein besorgter Gast

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pivu

Seien Sie unbesorgt, Gast, mir geht es gut.

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Gast

Und noch dazu werter pivu: sie sagten, dass Ausnahmen die Regel bestätigen. Genau das sagte ich auch und nannte die Ausnahmen. Sie haben es nicht bestritten. Also kommen auf ihr Noma 9 von mir (allerdings beliebig genannte) Restaurants in Deutschland. Erwarten sie nun bitte ebenso wie der Captain nicht, dass ich weiter Belege bringe, denn sie beide belegen nichts sondern behaupten nur. Ernst kann man weder den einen noch den anderen nehmen. Das ist aber kein Problem, wenn man amüsierter
GAST ist

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Gast ...vor Spass fast ausgeflippt

Und da habe ich noch eine Frage zum Titelfoto: was liest der Junge auf der Rückseite der Petrus-Flasche? Den Bar-Code aus dem Supermarkt? Oder steht dort: bleiben Sie ruhig, das vordere Etikett ist gefälscht?

Beste Grüße vom Gast

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Der Captain (auswärts)

So ähnlich nehme ich an. Das Foto ist aus Russland..

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duni

Das Problem ist mE, dass deutsche Gastronomen den Mut zur Lücke nicht kennen und daher meinen, jedes nur erdenkliche Weingebiet bespielen zu müssen, und das am besten in Rot-Weiss-Süss-Schäumer. So entstehen diese ausufernden Karten, dicht bestückt mit den Ewigen Verdächtigten.
Eine Tatsache peilt der Käptn aber nicht: Häufig ist die Gastronomie der einzige Ort, noch Weine trinken zu können, die vom deutschen Markt verschwunden oder schlichtweg nicht präsent sind: Wo, bitte schön, kann ich denn noch ein GG herkriegen, das nicht dem aktuellen Jahrgang entstammt? Oder einen Rayas? Oder reife Wachauer, oder diese feinen gereiften biodynamischen Champagner???

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Der Captain

Aus dem eigenen Keller beispielsweise..

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duni

Ok, das setzt aber voraus, dass Sie seit 10plusx Jahren sammeln. Ich bin 36,;das Geld, das ich jetzt in Wein stecke, hatte ich vor 10 Jahren noch nicht. Also muss ich jetzt nachholen- auf Auktionen, bei bestimmten Händlern etc. Dann gehe ich ermattet ins Restaurant und was seh ich da- doch noch einen 02 Kirchspiel ,einen 94 Rayas, dieses Cuvee von Kreydenweiss aus 97, dann will ich nicht maulen und Schneider zählen, sondern trinken.

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Gast

Mir geht auch der Einheitsbrei auf vielen Restaurant Weinlisten auf die Nerven, zumal Restaurants grundsätzlich eine tolle Gelegenheit bieten, Neuentdeckungen zu machen (im Bestfall mit der richtigen Temperatur serviert, in den richtigen Gläsern, zum richtigen Essen, etc.). Für mich ist auch eine gute Weinkarte mit viel Unbekanntem ein Grund mehr, ein bestimmtes Restaurant aufzusuchen.

Möglicherweise ist ein weiterer Grund für den Einheitsbrei aber auch, dass die meisten Gäste die bekannten Namen wollen und alles Unbekannte tendenziell liegen bleibt. Ich kenne sehr viele Leute, die sich nur mittelmäßig für Wein interessieren und für die entweder nur der Erzeugername oder die Appelation wichtig ist. Da ist dann egal, von welchem Erzeuger der Sancerre, der Barolo oder der Amarone stammt. Oder aber die Leute freuen sich, weil es Weine von Erzeugern gibt, die sie kennen (Avinionesi, Louis Latour, Robert Weil, Markus Schneider, um nur ein paar zu nennen). Und wenn es weit außerhalb des Rheingaus auf der Weinkarte die Wahl zwischen einem Riesling QbA Trocken von Robert Weil oder Schloss Reinhartshausen oder Schloss Vollrads oder einem ähnlich bekannten Gut und (nur als Beispiel) einem trockenen Gutsriesling von z.B. einem der besseren Güter vom Mittelrhein oder J.B. Becker oder so gäbe, halte ich es für wahrscheinlich, dass nicht wenige Leute trotz des höheren Preises und der nicht unbedingt besseren Qualität den ihnen bekannten Produzenten wählen.

Deshalb mein Credo: Im Restaurant die Diskussion suchen und den Wunsch äußern, etwas mehr Vielfalt in die Karte zu bringen. Und wenn ein Restaurant sich nicht offen zeigt und das Essen allein keinen Besuch rechtfertigt, einfach woanders hingehen.

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