23.03.11 WEINWISSEN 15 Einem Freund senden

Weinfehler: oft das Werk der Frächter

Am besten, der Winzer bringt die Flasche persönlich.Am besten, der Winzer bringt die Flasche persönlich.

Der Captain kann sich gut erinnern: es war vor wenigen Jahren an einer Verladerampe einer Spedition in Wien. Dort wollte der Captain ein Paket abholen. Es war Sommer, ein richtig heißer Tag mit Temperaturen um die 35 Grad, die in Wien immer weniger zur Seltenheit gehören. Der Captain ging dabei an vier Paletten Wein vorbei, die schutzlos in der prallen Sonne standen. Vom Frächter ab- und noch nicht umgeladen.

Der Captain, ganz Blockwart, machte die Bahnleute auf ihr Versäumnis aufmerksam und verlangte, dass die Flaschen in einen gekühlten Raum gebracht werden. Der Bahnspediteur wies das Ansinnen als grotesk zurück, es handle sich hier doch "nur" um Wein. Und nicht um Arzneien oder sonstige Besonderheiten.

Der Captain las den Lieferzettel und stellte fest, dass er den Weinhändler selbstredend kannte. Und so rief er ihn einfach an und klärte ihn über die Situation auf. Zwei Stunden später war der Lastwagen da und die Weine in Richtung Lager unterwegs.

Alles schal, alles hinüber

Zwei Jahre später traf der Captain den Händler bei einem Abendessen. Und als man an der Bar einen letzten Drink nahm, da fragte der Captain, was eigentlich aus den Weinen geworden war, die damals so schutzlos der prallen Sonne ausgesetzt gewesen sind. Der Weinhändler zuckte mit den Achseln. "Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass die drei Kisten Riesling, die ich privat konsumiert habe, sehr schal schmeckten. Und auch sehr unterschiedlich, telweise oxidativ. Keiner dieser Weine war ein Freude."

Mitunter, so erzählte er weiter, sei auch der Kork beeinträchtigt gewesen, Flüssigkeit sei durch die Kapsel ausgelaufen und habe sich am Flaschenrand klebrig verkrustet. Diese Flaschen waren dann besonders ausdruckslose Weine. Aber so richtig fehlerhaft sei kein Wein gewesen. Und es habe nur einen Korkfehler gegeben.

Ein irrtümlicher Ausflug nach Dubai

Was wohl der Wahrheit entspricht, einer Wahrheit, die viele nicht wahr haben wollen. Die Gründe dafür sind dem Captain unerklärlich. Der Captain ist sicher, dass Jahr für Jahr mindestens ein Zehntel der Weinproduktion durch unsachgemäße Logistik und Lagerung vernichtet wird. Da stehen die Flaschen ungekühlt oft Wochen in irgendwelchen Lagerhallen, da fliegt XXX mal irrtümlich zwei Paletten nach Dubai, wo sie am Beton Platz nehmen, bis sie am nächsten Tag in Frankfurt landen (das ist einem befreundeten italienischen Winzer passiert), da stellt der Kleinlastwagen die Kisten in praller Sonne oder auch bei Minusgraden vor die Türe, als wäre der Inhalt Mineralwasser.

Weiter auf Seite 2

Seite 1/2 >


DruckversionPDF-VersionEinem Freund senden Share this
Kommentare 15

Kommentare

Gast Ein genussvolles Hallo ...

Diese Situation kann ich gut nachvollziehen. Ein paar Anmerkungen hierzu, die einander bedingen:

1. Ich habe mehr als 12 jahre Weine aus Chile importiert. Viel Erfahrung im Wein hatte ich nicht. Ich war eben wirtschaftlich orientiert und habe auch nicht wirklich mich darum gekümmert, "wie kommt der Wein" bei uns an. An sorgsamem Umgang mit diesem Gut wurde nicht gedacht. Und ausgebildet in Sachen Wein war ich auch nicht.

2. Wenn ich höre, wie scheinbar "interessenlos" der Weinhändler diesem Thema gegenüber steht, graust es mich (heute)!

3. Die Logistik! Es ist nicht die Kernkompetenz, sich mit der Empfindlichkeit des zu transportierenden Gutes auseinander zu setzen.

4. Frage an den/die Winzer: Mit welcher Leidenschaft wird der Wein produziert und ist es ihm egal, wie mit seinem Produkt umgegangen wird. Hauptsache verkauft!

Diese Punkte bilden eine Kette von Problemen und wären ein sinnvolles Thema in einem Forum z.B. DWI. Der Fachhandel jammert, dass die Großfläche ihm die Umsätze abjagt. Wenn ich mich nur auf augenhöhe mit der Großfläche befinde, dann muss ich mich nicht wunder, wenn ich überholt werde. Es gilt mehr denn je, die USP zu zeigen.

Meine Bitte an den Captain: Das Thema mehr tematisieren. Ich wäre dabei!

Beate E. Wimmer
www.vinalia.de

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Franz Reinhard Weninger

sehe ich genau so, erlebe es immer wieder wie sorglos spediteure mit ihren waren umgehen.
wir haben schon seit ueber 10 jahren auf unserem karton konkrete temperaturangaben, nützen tuts trotzdem nichts.
musste erst letztens feststellen, dass ein haendler unsere weine bei minusgraden lagert und sich dann ueber die qualität beschwert, das tut weh.
gleicher wein aus unserem keller hat dann bei einer gegenprobe gesungen wie eine nachtigall.

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Innauen

"pardonieren" welch herrlicher Ausdruck. Wieder was gelernt von der österreichischen Sprache, die so viel verspielter als unser Deutsch ist.

In der Sache ist dem Captain nur Recht zu geben. Habe etliche dieser Erlebnisse hinter mir und weiss aus eigener Anschauung, dass man auch scheinbar seriösen Verkäufern nicht immer trauen darf.

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Micha

@Franz was steht genau auf euren Kartons und ist das auch in der Palette noch lesbar?

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Franz Reinhard Weninger

http://www.weninger.com/burgenland/uploads/d/karton.pdf
im karton gibt es dann noch genauer infos.

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Reblaus Nord Lagerbedingungen

Der Transport ist auch ein Problem klar, aber ich kenne z.B. auch ein 2 Sterne Lokal in dem der Keller im Sommer locker 27 Grad dafür im Winter um die 6 Grad liegt!

Leider muss man echt sagen es gibt eben nach einer gewissen Zeit keinen großen Wein sondern nur große oder eben weniger große Flaschen eines Weines!

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Mahatma Glück Mahatma Pech (via facebook)

Jau, genau das kann ich im Industriegebiet hier fast täglich im Vorbeifahren sehen: Palettenweise Weinkartons und -Kisten, die teilweise über mehrere Tage im Freien oder unter dem Dach einer Verladerampe stehen; bei jedem Wetter - es ist erst zum Kotzen und dann zum Heulen. Für mich in der Pflicht sind die Versandunternehmen, die ja in den Frachtpapieren stehen haben, worum es sich beim Frachtgut handelt. Dass Wein anders als Wasser zu behandeln ist, wissen diese Unternehmen ganz genau, aber es interessiert sie einen Scheissdreck. Warum? Weil der für ihre Haftung erforderliche Nachweis der Fehllagerung für den Absender i.d.R. nicht zu erbringen ist.

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Martin Lengauer (via facebook)

da kann man nur zustimmen!

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Peter Plank (via facebook)

bin für aufkleber "attention vino", den der arme wein hat so oder so einen transport shock, da braucht er nicht auch noch einen logistik shock. danke für den beitrag, captain!

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Gast

Man sollte aber nicht vergessen, dass der Wein im Zweifel erheblich teurer würde, wenn er in der ganzen Lieferkette vom Erzeuger über diverse Läger bis zum Restaurant/Händler/Endverbraucher konstant moderat temperiert werden müsste. Das soll die Spediteure nicht entlasten, viele Fehler sind vermeidbar/minimierbar. Aber es befindet sich eben nicht jeder LKW und jede Lagerhalle zu jeder Jahreszeit auf Weinlagertemperatur. Und als Verbraucher kann man auch schon etwas gewinnen, wenn man nicht im tiefsten Winter bei -15 Grad oder im Hochsommer bei 30 Grad seinen Wein bestellt und auf eine sofortige Lieferung besteht.

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Lutz Heimrich (via facebook)

Wir fahren immer 100% temperaturgeführt, es gibt allerdings nur sehr wenige Spediteure, die die Kette auch garantieren können. Guter Beitrag.

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Vinalia Ein genussvolles Hallo ...

Hallo Herr Heimrich,

gibt es da eine Liste von Empfehlungen?

Genussvolle Grüsse

Beate E. Wimmer

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
weinleerer interessiert und durstig

Servus,

bei den Jungs von Weinplus wurde mal von einem Versuch geschrieben - 1 Flasche Wein "normal gelagert" - 1 Flasche 6 Monate unterm Autositz...
Ergebnis:
http://www.mail-archive.com/weinforum@wein-plus.de/msg08616.html

Grüße

weinleerer

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Rolf

Habe auch noch eine kleine Story beizusteuern.

Vor, sagen wir mal etwa 15 Jahren, wir bereisten zu der Zeit in einer kleinen Gruppe von Hobbyweintrinkern noch jährlich diverse Weinbaugebiete, kamen wir von der Ahr von einem ebensolchen Trip zurück. Die Wagen waren alle voll geladen mit herrlichen Rot- und Weissweinen des mittleren bis höheren Preissegmentes. So auch der des - gerade in den elterlichen Betrieb als Geschäftsführer eingestiegene - Freundes mit seinem 7er BMW, dem mit Abstand größten Fahrzeug unserer launigen Truppe. So bat ich ihn, doch auch einige wertvolle Gewächse in seinem Pkw zu transportieren, dem er auch ohne Murren nachkam. Da ich schon damals wußte, dass sich ebendieser "Freund" unter anderem durch seine latente Behäbigkeit auszeichnete, hätte diese Kenntnis mir zur Warnung gereichen müssen, aber so kam es wie es kommen mußte:
Zu faul, den Wein in der Heimat auszuladen und im sicheren Keller zwischenzulagern, gondelte er mit den Weinkisten mehrere Tage zur Arbeit und ließ den Wagen dort in der prallen Sonne - es war August - stehen. Als ich meinen Wein dann abholen wollte, traf mich fast der Schlag und ich fürchtete, dass ich das teure Gesöff nunmehr als "Kochwein" im wahrsten Sinne, würde direkt der Kanalisation zuführen müssen.
Aber siehe da: Auch Jahre später schmeckte der Wein bei ordentlicher Kellerlagerung ausgezeichnet. Sowohl meinen Gästen als auch mir.
Nun, vielleicht liegt das auch am Trinker ;-))

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Der Captain

Nee. Glück gehabt..

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  

Kommentar hinzufügen


Neuen Kommentar schreiben
Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.

Sicherheitsabfrage
Matrose, beantworten Sie bitte die unten stehende Frage. Ihre korrekte Antwort behindert automatische Störporgramme gegen das Schiff.
Bild-CAPTCHA
Enter the characters shown in the image.
* = Pflichtfeld