Wie kommt er drauf? Ganz einfach. Der Captain bekam eine Serie alter Weine geschenkt. Bordeaux. Und zwar die fünf Premier-Grand-Cru´s: Lafite, Latour, Mouton, Haut-Brion und Margaux. Alle aus dem Jahr 1974. Alte Knaben also.
Die Jahre 1971 bis 1974 heißen bei amerikanischen Bordeaux-Kenner, die "Vietnam-Jahre". Damals ging dort der Krieg zu Ende: Waffenstillstand in Paris, langsamer Abzug der amerikanischen Truppen. Diese vier Jahre gelten als ungewöhnlich schlechte Weinjahre in der Region Bordeaux. Keiner dieser Weine hat sich großartig entwickelt. Alle sollten schon vor Jahren besser schon längst getrunken sein.
Sagte man.
So hat ein Weinfreund dem Captain alle fünf Spitzenweine überlassen. Motto: Ich habe die vor Jahren einmal getrunken, da waren die samt und sonders nicht viel wert. Nimm sie und trink sie, denn du hast daran zumindest professionelles Interesse. Stimmt!
Fünf alte Flaschen
Also hat der Captain die Flaschen mal weggelegt. Und zwei Jahre vergessen. Dann hat er seinen Gönner angerufen, ihn aufs Schiff gebeten und mit ihm gemeinsam alle fünf Flaschen geöffnet und getrunken. Und siehe da: Die Weine waren ganz in Ordnung. Vor allem der Haut-Brion. Und der Margaux.
Das hat auch den Gönner überrascht. Und geärgert. "Wenn ich das gewusst hätte". War das überhaupt zu ahnen? Dass die Weine so viel besser werden? Was war geschehen?
Er hat die Weine Mitte der Achtziger gekauft. Je eine Kiste. Und dann immer wieder eine Flasche getrunken. Jede Flasche hat sich als mittelmäßig erwiesen, was Captains Gönner sehr geärgert hat. Er hatte ja auch jede Menge Geld dafür bezahlt; Geld, das offenbar falsch investiert war. Dann hat er dem Captain die Serie überlassen, die jetzt, zehn Jahre nachdem er die Weine zuletzt getrunken hat, besser schmeckt, als je zuvor. Haben sich die Weine noch einmal erholt?
Letztes Abheben vor dem Ableben
Der Captain kennt das Phänomen. Er hat das mehrmals erlebt. Zum Beispiel Leoville Poyferre 1991. Zuerst ein richtig langweiliger Wein, zuletzt, 2005, ein sehr guter Bordeaux. Aber auch nur ein Jahr lang. Tignanello 1992 dito. Auch ein paar 1987er Bordeaux waren nach der Jahrtausendwende sehr gut zu trinken. Vor allem Chateau Palmer.
Warum das so ist, kann der Captain auch nicht sagen. Aber sicher einige Matrosen. Fakt aber, dass viele Rotweine (und manchmal auch edelsüße Weine) aus schlechten Jahrgängen mit den Jahren gewinnen. Und zwar exakt in jener Phase, bevor es mit ihnen zu Ende geht.
Wahr ist aber auch, dass ein schlechtes Weinjahr immer ein schlechtes Weinjahr bleiben wird. Auch keiner der erwähnten 1974er Bordeaux, nicht der 1991er, auch nicht die anderen hatten später jenen Druck, der ihnen schon in jungen Jahren fehlte. Was sich aber deutlich besser entwickelte, war die Nase und der primäre Eindruck im Mund. Der Alterston, das Morbide, half den Weinen besser zu erscheinen. Und kramte - des Captains Meinung nach - auch noch etwas von der Frucht hervor.
Des Gönners letzte 74er Flaschen sind übrigens vor wenigen Wochen nach China verschifft worden. Um ein Irrsinnsgeld. Denn die Chinesen kaufen Wein als Objekt. Und nicht als Getränk. So hat er doch noch was davon gehabt, des Captains Gönner. Wenn auch Jahre später. Die Weine sind längst tot.







Manches soll im Keller bleiben. Dann bitte aber legen. Nicht stellen... 





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