Mögen Deutschlands Weinblogger und Weinjournalisten untereinander manchmal heillos zerstritten sein - eines eint sie immer: Der Hass auf den Naturkork, den ältesten Weinflaschenverschluss der Welt. Grund dafür sind so genannte Korkschmecker, die schon manchem Weintrinker die gute Laune verdarben. Doch das Problem ist seit ein paar technischen Verbesserungen nahezu Geschichte. Wenn der Winzer Qualität kauft. Und keinen billigen Dreck.
Erst gestern sprach der Captain mit Adi Schmid, dem berühmten Sommelier des Restaurants Steiereck in Wien. Schmid sah händeringend zu Decke und deutete einen Würgereiz an, wenn er auf die berühmten Korkfehler zu sprechen kam; auf Leoville 1989 (jede zweite Flasche), auf die Wachauer zwischen 1998 und 2002. Eine Million Patronen, so Schmid, habe er gedanklich auf die Korkhersteller abgefeuert. Und auf die Winzer, die Kork verwenden. Doch seit ein paar Jahren ist das bei den jungen Abfüllungen vorbei.
Das Argument der verbesserten Technik zur Korkherstellung gilt komischerweise im Technikland Deutschland wenig. Naturkork ist bei manchen Winzern und Besserwissern schlicht abgeschrieben. Dennoch verschließt Kork immer noch die meisten Flaschen, die in diesem Land gefüllt werden. Warum eigentlich? Das fragte neulich ein Matrose hier an Bord. Wenn es doch zur angeblich allgemeinen Meinung gehört, dass Schaubverschluss (Stelvin) oder Glaskorken viel besser sind, als Naturkork - warum werden dann die meisten Flaschen in Deutschland immer noch mit Kork verschlossen?
Wo lebst Du?, entgegnete der Captain.
In New York, antwortete der Matrose.
Da hast Du die Antwort.
Naturkork: Etwas für den Export
Mag Naturkork im deutschen Inland von dem einen oder anderen lautstark in Frage gestellt werden, so ist er im Ausland nach wie vor die unbestrittene Verschlusssache Nummer eins. In Frankreich, dem Mutterland des Weinbaus, waren Alternativverschlüsse bis jetzt kein großes Thema; Korkschmecker werden dort entweder als originelle Geschmacksvariante übergangen, oder als gottgegeben hingenommen. Ähnlich in Italien und Spanien, wobei man sich in diesen Länder wenigstens ein klein wenig um Alternativen kümmert.
Der Captain behauptet ja seit Monaten, dass gerade Frankreich das Modernisierungsverweigerungsland im Weinbau ist. Und die Matrosen ballern dann kräftig zurück und verteidigen "ihr" Frankreich gegen die unqualifizierten Angriffe des Captain. Aber gerade "ihr" Frankreich pfeift auf alternative Weinverschlüsse. Woran mag das liegen?
Es ist der Konsument, stupid. Denn der Franzose will keinen alternativen Verschluss für seine Weinflaschen. Korkschmecker hin oder her. 89 % der Franzosen, so eine neue Umfrage, präferieren nach wie vor den Naturkork als Weinverschluss. 81 % der US-Amerikaner ebenfalls. Aber nur 46 % der Briten. Die Umfrage bezog sich auf Flaschenweine.
Und das Eigenartige: Weine, die mit Naturkork verschlossen sind, so ein weiteres Ergebnis der Nielsen-Research-Umfrage, sind deutlich im Kommen. Sie werden vor allem von jungen Konsumenten angenommen, da der Naturkork als Qualitätsbeweis gilt. Schraubverschluss oder gar der unnötige Kunststoffkork, gelten als Beleg für Minderwertigkeit.
Im Inland hui, im Ausland pfui
Das, was in Deutschland und Österreich gilt, hat im Rest der Welt also noch einen schwachen Stand. Und - so die Umfrage - verliert offenbar an Einfluss. Nun ist der Captain natürlich nicht so blöd, dass er nicht weiß, dass der Auftraggeber dieser Umfrage wohl die Korkindustrie gewesen sein muss, die Belege im Kulturkampf sucht. Ist ja auch ihr gutes Recht. Und der Captain kennt den Spruch, dass man nur jener Umfrage trauen kann, die man selber gefälscht hat. Doch auf seinen Reisen (heute gehts gleich nach Italien) stellt er in Restaurants immer die gleiche Frage: Was wollen die Leute? Und außerhalb der deutsch sprechenden Länder ist die Antwort klar: Die Leute wollen Kork.
Das ist wohl eine Mentalitätsfrage, "gefühlte Soziologie", wie eine Matrosin hier an Bord neulich feststellte. Für die deutschen und österreichischen Winzer heißt das aber wohl oder übel, dass sie einige ihre Flaschen mit zwei Verschlüssen versehen müssen. Stelvin oder Glas für die heimischen Konsumenten; Naturkork für den Export.
Das bedeutet aber auch, dass wir in wenigen Jahren schon alte Weine trinken können, die mit beiden Verschlüssen abgefüllt wurden. Ein paar deutsche Winzer führen dieses Doppelleben ja schon etwas länger und haben inzwischen einige Weine auf Lager, die unterschiedlich zugemacht sind. Das wird zeigen, ob der Wein unter Schraubverschluss schlechter altert, wie vermutet wird.
Weil wir an Bord es aber genau wissen wollen, starten wir hier eine eigene Umfrage, der wir glauben dürfen, weil wir sie selber fälschen können. Scherz beiseite: Wir wollen von den Matrosen wissen, welchen Verschluss sie bevorzugen. Mal sehen, was dabei rauskommt. Die Umfrage findet sich rechts in der Leiste neben diesem Artikel.
Our own Survey. And a Chocolate-Block
Verbindlich ist das freilich nicht, denn wir können ja nicht nachprüfen, wer einen Rundruf startet und seine Kumpel/ Geschäftspartner dazu auffordert in seinem Sinne zu stimmen. Aber wir vertrauen unseren Matrosen und ihrer inzwischen gewaltigen Zahl, sodass ein paar Agitatoren mathematisch nicht mehr ins Gewicht fallen. Genug weininteressierte Matrosen hat es hier ja wirklich hier an Bord. Viel mehr wird man im digitalen Deutschland (und Österreich, Schweiz) nirgendwo finden.
Und als Tipp reicht der Captain einen Wein aus Südafrika nach, der mit einem extra langen und qualitativ hochwertigen Kork verschlossen ist: Die Cuvée "Chocolate Block" von Boekenhoutskloof aus der Coastal Region in Südafrika (60 % Syrah, dann Cabernet Sauvignon, Grenache, Cinsault und 2 % weißer Viognier zur Abrundung). Der Captain mag den Wein, weil er ihn in der Nase immer an einen mittleren Bordeaux erinnert. Doch nur die Hälfte kostet. Am Gaumen macht er ordentlich Druck ohne zu übertreiben. Wenn man einen hochwertigen Alltagswein sucht, der auch ein bisschen mehr sein will, als nur gefälliger Schmeichler, dann ist der Chocolate-Block exakt der richtige für diesen Winter.
- Chocolate-Block 2008 für 24,99 Euro bei Wein&Co (Deutschlandversand) und für SFR 44,90 bei Finewine in der Schweiz (wie bereits oben erwähnt, wir haben inzwischen auch viele Schweizer Matrosen an Bord)
Der Captain betont, dass er an keiner Flasche auch nur einen Cent verdient. Und der Captain gibt auch keine Bestpreisgarantie für die empfohlenen Weine.
Die November-Frage im Weinquiz folgt morgen.







Da wächst die Schokolade... 







Auch wenn wir Sommeliers ja gar nicht gefragt sind, so stellt sich die Frage, wo man den hier abstimmen soll????