Naturkork? Oder nicht? Der Captain hat in dieser interessanten (in Deutschland ungewöhnlich scharf geführten) Diskussion immer klar Stellung bezogen: Viele Weine (auch seine eigenen) kann er sich ohne Korkverschluss gar nicht vorstellen. Auch wenn es letztlich von geringem Interesse ist, was der Captain sich vorstellen kann.
Die Meinung mancher deutscher Winzer, vor allem aber die Meinung vieler deutscher Weinjournalisten (egal, ob in Print oder Internet) ist merkwürdig eindeutig: Wenn möglich, sollten alle Weine in Zukunft ohne Kork auskommen und dafür mit Glas, Kronkorken oder mit Stelvin - dem erprobten Schraubverschluss - verschlossen sein. All das ist besser, als der Korken, der im mythischen Glauben mancher Weinexperten seit Jahrzehnten alle Weine vernichtet.
Nun ist dem Captain aufgefallen, dass er und viele seiner Bekannten, die gerne Weine mit Kork trinken, viel weniger "Korkschmecker" (so der Ausdruck für den Korkfehler) haben, als jene, die den Kork zum Totmacher stempeln. Diese Winzer, Tester und Trinker, so kann man in den Foren mitverfolgen, haben quasi täglich mit einem Wein zu tun, der einen Korkfehler hat. Des Captains Bordpsychologin, vom Captain auf dieses Phänomen der verschiedenen Wahrnehmung angesprochen, sieht dies als weiteren Beweis der "selbsterfüllenden Prophezeiung"; ein Ordnungsbruch, der ihr schon länger Gedanken macht. Dem Captain macht das wenig Gedanken, Hauptsache seine Weine korken nicht.
Und das haben sie auch letzte Woche nicht getan. Weder der 1999er Leoville (jetzt ideal), noch der 59er Figeac (aus der Großflasche fantastisch), der 66er Talbot, der 79er Brane Cantenac, der 2006er Haut Marbuzet (ganz fürchterlich durchschnittlicher Wein ohne Länge), der 1999er Tignanello (immer noch fantastisch), der 2001er Ca´Marcanda. Und auch der 1953 Dürnsteiner Flohhaxn nicht, der aus der Dopplerflasche serviert wurde und ein ganz hervorragender Sherry war. Alle diese Weine hatten keinen Korkschmecker. Und auch die paar Montrachets nicht, die letzte Woche noch in der Schiffsmesse am Tisch standen. Eigenartig, denn zumindest einer dieser vielen Weine hätte ganz heftig nach TCA miefen sollen. Aber nix dergleichen.
Nun sind solche subjektiven Wahrnehmungen mitnichten der Beweis für irgendwas. Um sich schlau zu machen, wie die Korkdiskussion in anderen Ländern läuft, muss man die renommierten Weinbaugebiete besuchen. Oder einfach mal anrufen. Der Captain hat sich umgehört. Im Piemont, in der Toskana. Und im Bordeaux.
Frankreich
Letzte Woche zum Beispiel. Essen in Bordeaux. Mit Eric Hosteins, der Präsident des Bordeaux-Handelshauses Louis Vialard, eine "kleines" Unternehmen mit etwa 20 Millionen Euro Umsatz. Hosteins sieht den Korkverschluss unangreifbar im Bordeaux verankert. Zwar gab es eine Zeit lang grobe Probleme und es fiel so manch scharfes Wort, doch habe niemand ernsthaft je die Abkehr vom Kork in Erwägung gezogen. Auch nicht für die einfachen Weine. Und ebenfalls nicht für die Weißweine der Region Entre-deux-Mers. Obwohl, so sagt auch Hosteins, hier ein Schraubverschluss gut möglich wäre. Aber das "industrielle Design" sei selbst bei jungen Weintrinkern schwer durchsetzbar. Eine Mentalitätsfrage. Und tatsächlich: Ein Blick in die schicken Weinbars von Bordeaux zeigt: Kein Wein ohne Kork.
Gleiches hört man von Stefan Graf Neipperg, den der Captain auf La Mondotte besuchen durfte (die Fotos sind in der nächsten Ausgabe des Magazins "falstaff" zu sehen). Der Besitzer etlicher prominenter Weingüter hat keine Absicht auch nur einen seiner Weine mit Metall oder Glas zu verschließen. Die Korkindustrie, so Neipperg, habe auf die dramatischen Probleme umfassend reagiert. Der Druck war ja auch hoch. Heute gäbe es im Bordeaux weniger Korkschmecker denn je. Neipperg kann sich zwar noch an die schlechte Bearbeitung der Korkrinden erinnern. Jetzt jedoch werde die Rinde gleich nach dem Schälen ausreichend behandelt. Und nicht irgendwo liegen gelassen und obendrein im Produktionsablauf vernachlässigt, wie es in den Boom-Jahren üblich war.
Auch Jean-Michesl Cazes, unter anderem Besitzer von Lynch-Bages, hat neulich verlautbaren lassen, dass er sich keinen anderen Verschluss als den Naturkork vorstellen kann. Nur Michel Rolland ist für Experimente zu haben; er will alternative Verschlüsse aber erst in einer langen Testphase ausprobieren. Ob sie halten, was sie versprechen. Und ob ein Wein damit auch richtig alt werden kann.
Es ist also auch eine Tatsache in dieser Diskussion, dass ausgerechnet einige, der von vielen Journalisten verehrten Granden des französischen Weinbaus vom Kork nicht lassen. Und das, obwohl manche deutsche Fachjournalisten es viel besser wissen wollen.
Oder Italien.
Auch in Italien sieht es ebenso nicht danach aus, als würde einer der führenden Weinmacher auf einen anderen Verschluss ausweichen. Der Captain sprach mit Angelo Gaja, der von seinen Weinen behauptet, zu jeder Zeit nur ganz selten durch Korkfehler gelitten zu haben. Also auch nicht während der Massenproduktions-Krise Ende der Neunziger-Jahre. Gaja macht hierfür einen einfachen Grund verantwortlich: Seine Korken zählten immer zu den längsten und teuersten der Branche. Gaja weiter: „Viele Winzer haben in die Flasche investiert, ich habe den Kork schon früh als Schwachstelle gesehen, die man mit der nötigen Qualitätssicherung vermeiden kann."
Nirgendwo in Italien planen Winzer ihre Rotweine mit einem Alternativ-Verschluss auszustatten. Einzig beim Weißwein bröckelt die Ablehnungsfront. Nach einigen Weinmachern in Südtirol könnten nun auch friulanische Winzer dem Schraubverschluss zusprechen. Für die Merlots und Cabernet Francs der Region sehen die Weinmacher aber nach wie vor keine andere Möglichkeit, als den Naturkork. Sind wirklich alle so verbohrt?
Und Deutschland?
Ein großer deutscher Winzer, mit dem Captain gut bekannt, pfropft wieder vermehrt mit Kork. Selbstredend tut er das anonym, denn er hat keine Zeit, sich endlosen Diskussionen hinzugeben. Er erwägt in den folgenden Monaten, zwei seiner Kabinett-Rieslinge wieder zu verkorken. Grund dafür sind die durchaus positiven Erfahrungen, die er in den letzten Monaten mit dem Korkverschluss bei seinen Großen Gewächsen gemacht hat. Kein TCA-Stinker weit und breit. Grund aber auch: Er griff tiefer in die Tasche und kauft seit zwei Jahren Korken, die mit der so genannten "Rosa"-Technologie hergestellt wurden. Dabei handelt es sich um die Methode der kontrollierten Dampfdestillation, die die TCA-Moleküle aus dem Rohmaterial herausspült. Es heißt, bei dieser Methode büßt der Korken - im Gegensatz zu früheren Zeiten - keine Dichte mehr ein. Wenn es noch dazu Korkmaterial eines nachhaltig wirtschaftenden Lieferanten ist, dann ist, so sagt unser anonym bleibender Spitzenwinzer, mit einer Fehlerrate von gleich Null zu rechnen. Jedenfalls sei das seine Erfahrung.
Also auch beim Weißwein wieder zurück zum Kork? Dieser Rückwärtsgang wäre für viele Winzer von finanziellem Nachteil. Denn im Gegensatz zu den sicheren Schraubverschlüssen kostet der aufwendig bearbeitete High Tech-Kork etwa um ein Drittel mehr als der Schrauber. Das hilft zwar dem Image, schmälert aber den Gewinn. Es wird schwer sein, die Mehrheit der Kork-Abweichler wieder zum archaischen Material zurückzuholen.
Und es ist, wie Stefan Graf Neipperg sagt, auch ein bisschen deutsch, mit alternativer Technologie zu prahlen. Deutschland ist das Land der Verschluss-Avantgarde. Mehr noch als Österreich oder Australien (wo der Schraubverschluss auch sehr beliebt ist). In den traditionellen Weinländern bleibt man reserviert. Das könnte sich später mal als klug erweisen.







antik, umstritten, romantisch... 






kommt ja nicht oft vor, aber da kann ich mal ganz von Herzen zustimmen;-). Es gibt beim Kork erhebliche Qualitäts-- (und Preis-)Unterschiede und wenn man da als Winzer nicht spart, sollte es heute eigentlich keine Probleme mehr geben.
Es ist ja inzwischen auch hinlänglich bekannt, dass viele der sogenannten "Korkschmecker" von ganz anderen Einflussfaktoren stammen, die eher aus dem Keller stammen.
siehe: http://www.hr-online.de/website/rubriken/ratgeber/index.jsp?rubrik=55401...
und das weiß man in Frankreich z.B. schon etwas länger...