Nein, das würde sich nie durchsetzen. Niemals. Doch Hugh Johnson irrte. Und schon ein Jahr später zog er selbst die Notbremse. Für junge Weißweine ist der Schraubverschluss sicher eine gute und preiswerte Lösung, so Johnson im Jahre 2002. Inzwischen schraubt man auch langlebige Rieslinge zu. Egal, ob es den Weinpäpsten gefällt, oder nicht. Ein Kulturbruch? Mitnichten.
Vor zehn Jahren sah es aber verdammt nach Kulturbruch aus. Die Flaschenindustrie hatte den Schraubverschluss schon einige Jahre im Schrank liegen, war sogar nachgerade begeistert vom Gewinde auf schlanken Flaschen. Doch die Winzer wollten nicht mitschrauben, selbst große und kostenmaximierte Kellereien fürchteten, dass ihr Wein dann wie billiger Fusel aussehen würde (der er bisweilen war). Der Schraubverschluss, das war das Merkmal der Limonadengetränke, blankes Metall, nah an der Dose. Das Kulturgut Wein sollte nicht mit dem schnöden Blech in Verbindung gebracht werden. Selbst einfache Kreszenzen nicht.
Bei der Kork-Krise kriegt Cork die Krise
Dann kam die Kork-Krise. Sie kam überraschend. Obwohl man sie vorhersehen hätte können. Jahr für Jahr steigerte sich die weltweite Weinproduktion, die Produzenten in Portugal, Spanien, Sizilien, Sardinien, Griechenland, Korsika und auch jene in Lateinamerika kamen mit dem Schneiden und Formen der Pfropfen kaum nach; eine Branche, die jahrelang friedlich und mit niedrigen Gewinnen dahinvegetierte, war auf einmal Lieferant eines raren Naturproduktes geworden. Keine Frage, dass die meisten Unternehmer schnelles Geld machen wollten. Zudem enterten auch noch Finanzinvestoren den Markt. Und die wollten Rendite sehen. Schnell.
So litt die Qualität. Und sie litt laut. Laut fluchten die Händler und Konsumenten, als wieder eine teure Flasche in den Ausguss gekippt wurde. Der Captain kaufte eine Kiste Riesling Kellerberg 1999 von F.X. Pichler. Von den 12 Flaschen hatten acht einen Korkfehler. Die Wut stieg.
Den Winzern war das Anfangs egal. Hier und da ein Kork? Was soll´s? So etwas reklamiert auch kein Händler oder Restaurantbesitzer, dafür ist der Aufwand zu hoch. Doch als reihenweise ganze Kisten zu Abfall wurden, da warfen auch die Händler und Wirte ihre Einkäufe wieder in die Keller der Weinmacher zurück. Und zögerten, im Folgejahr neue Flaschen zu kaufen. Als der Schaden bei den Winzern ankam, schlug die Stunde des Drehverschluss.
Der teure Bordeaux in einem Schrauber?
Und das gar nicht zaghaft, die Umstellung erfolgte rasch. Und bald auch breit. Die Breite blieb aber bei den Weißweinen stehen, denn selbst einfache Rotweine haben heute meistens noch einen Kork im Hals stecken. Unnötig, meint der Captain, der selbst teure Bordeaux aus experimentellen Gründen gerne mal in einen "Schrauber" zwingen würde. Das Zeug könnte gut problemlos altern.
Doch da endet das Pragmatische. Ein guter Rotwein, auch ein sehr guter Weißwein, müssen von einem Kork verschlossen sein. Denn der gibt viel mehr Auskunft als der banale Dreher. Am Kork erkennt man die Qualität des Kellers. Oftmals den Weg des Weins - ob er viel bewegt wurde, oder nicht. Und dann auch den Zahn der Zeit. Das kann Blech nicht bieten.
Nach fünf Jahren Schraubverschluss war der Siegeszug sicher. Und die Korkproduzenten wieder am Niveau vor dem Boom. Plantagen wurden heruntergefahren, ganze Landstriche verlassen. Die Umweltorganisation Greenpeace warnte sogar vor den Folgen der Stilllegungen. Die Folge: Austrocknung und Brände, häufig verursacht von Brandstiftern.
Der Kork bleibt. Ob man das vom Glasverschluss behaupten kann?
Das scheint inzwischen auch Vergangenheit und die Korkproduzenten liefern heute meist einen besseren Standard als vor zehn Jahren. So hat jeder profitiert, scheint es.
Jeder? Nun, eventuell gibt es einen Verlierer. Den Glasverschluss. Elegant, edel, teuer. Der Glasverschluss kam fast zur gleichen Zeit mit dem Drehverschluss in Mode. Er sollte die teure Alternative für anspruchsvollere Weine sein. Die Glasproduzenten kamen zu der Erkenntnis, dass sich Drehverschlüsse nur bei den billigen und einfachen Weinen durchsetzen würden. Ab einer gewissen Preisklasse will der Kosument aber bessere Verschlüsse sehen, teurere Verschlüsse, herzeigbare Verschlüsse. Der Glasverschluss erinnert zudem an die Glaspfropfen teurer Alkoholkaraffen. All das spricht Bände für den Glasverschluss. Nur wollte die Bände keiner lesen.
Der Glasverschluss wäre ein Erfolg, wenn auch namhafte Produzenten mit ihren teuren Weinen umgestiegen wären. Doch die Vorzeigebetriebe, die es beim Drehverschluss zuhauf gibt, fehlen beim Glasverschluss. Das ist schade, denn er ist eine gute Alternative zu den beiden anderen Dichtmachern.
Zehn Jahre Drehverschluss habe bewiesen, dass auch Unkonventionelles in einen von Konventionen überfrachteten Markt eindringen kann. Manches, das gerade eben undenkbar schien, ist Teil einer modernen Weinwirtschaft geworden. Dabei wurde viel über Bord geworfen. Und wenig Porzellan zerbrochen. Mal sehen, wo die Grenze ist. Wein in eleganten und stabilen Pet-Flaschen? Undenkbar. Abwarten.







Das Besondere wird immer noch entkorkt... 





wirklich und völlig verloren hat vor allem der kunststoff-stöpsel, der verschwand so rasch wie er in der not kam. da wurden einige millionen verbrannt, sogar in österreich (konkret gmunden). nachteil des glasstoppels und daher auch bald weg vom fenster: er ist nicht dicht, sobald die schutzhülle (mit der man sich ganz schön in den finger schneiden kann) mal weg ist; er ist weiß (was auf einer grünen flasche beschissen aussieht); und er dichtet nur dank einer schmalen gummidichtung, ist somit – anders als der schrauber – eigentlich fake.
was die dokumentation von vergangenheit, haltung und alter betrifft, geb ich dir korkmäßig völlig recht. ich kann aber diese zitterpartie so gar nicht leiden. und durchschnittlich 30% ausfall sind ökonomischer wahnsinn.