19.04.10 WEINWISSEN 20 Einem Freund senden

Die Holzfrage: kleines oder grosses Fass?

Her mit den dicken Dingern!Her mit den dicken Dingern!

Der Captain war auf kleiner Fahrt. Ein paar Stunden Österreich, ein paar Stunden Slowenien und ein paar Stunden Italien. Jetzt ist der Captain wieder in Berlin.

Der Captain ist bei seinen Kurzbesuchen in ein paar Keller gestiegen und hat sich dort die Anlagen angesehen. Kellerbesichtigungen haben einen eigenen Reiz. Für den Captain ist jeder Keller ein Einblick in die Philosophie des Winzers.

Der Captain hat erlebt, dass manche Weinbauern in alten Kellern mit alten Anlagen perfekte Weine keltern. Und solche mit neuen Anlagen oft wenig Interessantes. Es muss eben sauber gearbeitet werden, dann klappt es auch in der Garage. Viele "arme" Winzer (des Captains Entdeckung: Strekov 1075 in der Slowakei) haben das in den letzten zehn Jahren zur Genüge beweisen.

Doch dem Captain ist aufgefallen, dass viele Winzer ihre alten kleinen 225-Liter Barriquefässer (das klassische Eichenholzfass, wie es seit Jahrhunderten z. B. im Bordeaux verwendet wird) dieses Jahr nicht nur durch neue kleine 225-Liter-Barriquefässer ersetzt haben, vielmehr haben sie vielfach größere 300-Liter-, oder 500-Liter-Gebinde (meist ebenfalls aus Eichenholz, mitunter aus Kastanie) gekauft. Und auch 1.200- oder 2.400-Liter-Stehfässer. Das kleine Barriquefass ist auf dem Rückzug. Warum?

1.) Der Konsument hat die fetten Weine satt

Jahrelang wurden wir von fetten Fruchtbomben belästigt, die noch dazu überbordend lange im Fass lagen. Noch vor fünf Jahren konnte man sich nicht vorstellen, dass der Konsument diesen Weingeschmack irgendwann einmal langweilig finden würde. Doch genau das ist eingetreten.

Selbst einige kalifornische Winzer, wie etwa Michael Mondavi, bauen ihre Premiumweine seit ein paar Monaten nur noch elegant aus und kontern so die langjährige Strategie ihrer Kollegen. "Zu oft", sagte Mondavi dem Captain, "haben die Weinmacher geglaubt, dass Selektion, schonendes Verarbeiten und ein Medium-Plus-Fass eines französischen Herstellers schon reichen würden, einen guten Wein zu machen." Nun, schlechte Weine sind diese Holzbomben sicher nicht. Aber eben auch nicht individuell.

2.) Der Klimawandel verändert das Traubenmaterial

Der Klimawandel kommt nicht, wie man sich sein Kommen vorstellt. Keine regelmäßige Wiederholung des heißen Sommers von 2003. Keine Regen- und Hagelstürme, die alles vernichten. Aber dafür von allem ein bisschen.

Der Klimawandel macht das Traubenmaterial (vor allem in südlichen Ländern) fetter und alkoholischer. Da wirkt ein kräftig getoastetes Barriquefass wie ein Schnitt durch die Halsschlagader: Es macht dem Wein den Garaus. Und säurearme buttrige Weine sind nicht unbedingt das, was der Konsument will.

Ein gutes Beispiel, wie sich die Weine verändert haben, sind die beiden Chardonnays des italienischen Starwinzers Angelo Gaja. Der "kleine" Rossj-Bass war vor fünf bis sieben Jahren noch ein säurereicher, kräftiger und recht einfach gestrickter, aber elegant gekleideter Kumpan, der zu jedem Essen Vergnügen machte. Das Holz fiel nicht auf. Heute ist der Rossj-Bass ein grober Kerl, der mit Holz protzt, als müsse er eine finnische Sauna in die Landschaft stellen. Dabei hat Gaja den Einsatz neuer Barriques nicht erhöht.

Das gleiche beim teuren Gaia & Rey, dem Vorzeige-Weißwein von Gaja. Vor zehn Jahren noch eine herrliche Alternative zu Burgund und Kalifornien, ist der Gaia & Rey heute ein aufdringlicher Kraftprotz, von dem man gerne ein Glas trinkt. Aber nicht mehr. Zu viel Holz. Soll heißen: Hier hat der Winzer nicht auf die Folgen der Klimaveränderung reagiert.

3.) Die großen Fässer sind billiger

Der Captain trank in Slowenien einen teuren Wein eines bekannten Winzers (Movia), der auffällig leichter und angenehmer schmeckte, als die Jahre zuvor. Grund dafür: Movia verwendet nun gebrauchte Barriques auch ein drittes und viertes Mal. Früher war nach der zweiten Füllung Schluss.

Selbstredend spart die neue Mode den Winzern einiges Geld. Jedes Barrique kostet zwischen 600 und 850 Euro. Die größeren und elegant verarbeitenden 300- und 500-Liter-Fässer (der Captain ist bei seinem eigenen Wein längst auf 300-Liter-Fässer umgestiegen) sind nur geringfügig teurer, als die gewohnten Barriques.

Ein Winzer in Österreich hat dem Captain erzählt, er spare sich nun etwa ein Viertel der Fasskosten ohne auch nur einen Händler oder einen Privatkunden zu verlieren. Und wörtlich: "Wenn dir die Bank draufsteigt, ist so eine Ersparnis der beste Beweis, dass du wirtschaften kannst." Ausserdem, so die Resonanz der Weintrinker, schmecken diese Weine besser. Das ist, was zählt.

Wein am Berg

Der Captain will abschließend auf die mega-interessante Veranstaltung "Wein am Berg" in Sölden hinweisen. Dort kann man von 22. bis 25. April um gemäßigtes Geld jede Menge fantastischer Weine von Winzern aus Spanien und Österreich (etwa jene von Franz Hirtzberger oder der Bodegas Roda) trinken. Am besten im Package mit Skipass, Essen und Hotel buchen. Und der Leber Bescheid sagen, dass was auf sie zukommt.



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Kommentare 20

Kommentare

Der Weinfreak ... erleichtert

Ja, weg mit den Barriques, die will kein Mensch mehr. Das schmeckt immer gleich, immer gleich fad, immer überlagern die toastigen und Holzaromen alles, was der Wein sonst bieten könnte.

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el hottino ...säuerlich...

Das stimmt doch so überhaupst nicht....

Selbstverständlich gibt es (mE insbesondere kräftige Rot-)Weine, die den Ausbau in kleinen Barriques rechtfertigen. Eine "Holzbombe" ist per se nichts schlechtes. Jeden Tag möcht ichs auch nicht auf dem Tisch haben.

Aber ab und zu so eine richtige Tanningranate ist nichts schlechtes.

Es ist hanebüchener Unsinn, eine Art des Ausbaues zu verteufeln und die Andere für göttlich zu erklären. Auf den Wein kommt es an! Für mich ist das Wichtigste, dass es Abwechslung gibt - in die eine UND in die andere Richtung.

Ein Patentrezept, "DEN" goldenen Weg für alle und alles gips schlicht und ergreifend nicht.

Sag ich.

lg

el hottino

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Der Weinfreak

Was soll ich sagen, "stimmt" :-) Ich hätte sagen müssen, dass *ich* die Weine nicht mehr mit Barrique haben will. Ein jeder natürlich, wie er es mag!

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el hottino ...lustig...

ich sehe, lieber weinfreak, wir sind auf einer linie. wobei ich dir mit einem rechtgebe: in den letzten jahren, so seit ca 2000, scheint es mir einen regelrechten run auf die barriques gegeben zu haben. ob sinnvoll oder nicht: jeder winzer, der was auf sich gehalten hat, MUSSTE barriques im keller haben.

auch das ist nicht gut, gar nicht gut sogar. es wurde nämlich oftmals darauf vergessen, ob das barrique überhaupst zum wein passt....

schöne grüße

el hottino

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Der Weinfreak ... erleichtert

Wir verstehen uns wirklich, ich bin erleichtert, denn eben jene Mode meinte ich: Alles, was Rotwein (oder auch mal Weißwein) ist in kleine Eichenfässchen stecken, als würde das per se den Wein besser machen.

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el hottino ...erfreut...

hehehehhehe....

wir sollten mal einen gemeinsamen weinabend verbringen...

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Der Weinfreak

Gerne, dann aber nur mit Holz, das sinnvoll ist ;-)

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el hottino

mein lieber Weinfreak,

wann und wo?

lg

el hottino

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Der Weinfreak

Mein lieber el hottino!
That depends ... nämlich davon, wie weit wir beide auseinander wohnen. Ich hocke hier ca. 10 km von Ulm entfernt, jedoch auf bayerischer Seite. Wo findet man Dich?

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el hottino

"ähem"

Na ja, ich befinde mich in Wien, Österreich, Mitteleuropa.

Da war mein Vorschlag zwar gut, aber leider nicht wirklich kurzfristig exekutierbar. Aber wenn Du mal ins schöne Wien kommst - ist echt eine Reise wert! - würde ich mich freuen, wenn Du dich meldest!

Und Ulm ist ja auch eine schöne Stadt, was ich mich so erinnere...

lg

el hottino

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Der Weinfreak

Wien ist in der Tat eine schöne Stadt, besucht habe ich sie bereits 4mal! Ende Mai fahre ich daran vorbei, auf dem Weg Richtung Balaton zwecks Familienurlaub. Dann werde ich Dir heftig winken.
Und wenn ich dann wieder direkt nach Wien komme, melde ich mich auf jeden Fall, versprochen!

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el hottino ...heiter bis freundlich...

Na, dann wüsch ich einen gelungenen Familienurlaub.

Ich werd heftig winken, wenns ihr durch Wien fährt...

lg

el hottino

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Armin Tement (via facebook)

der inhalt ist wichtig! der rest ist egal!

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Christian Segers (via facebook)

...aber nitt beim Preis , dem "EndvernascherPreis" !
Da ist Holz immer noch ein "Verteuerungsfaktor" !
LG CpS - Weinnase - ; die sehr an den verkosteten Qualitäten aus Slowenien interessiert ist !

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Oscar Szemes (via facebook)

Das Betonei: http://www.alpine.at/allgemein/7248/

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Christian Segers (via facebook)

BETON "OsterEier" , gefüllt mit BIO-Wein , datt ist zwar fein , aber so nitt ganz so neu ... die Betontanks alter Technik
wurden größtenteils abgerissen ( auch in Italien u. France ) !
LG CpS - Weinnase - ; die die leckeren Klänge aus Austria sehr schätzt !

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Thomas Burg (via facebook)

Muttern würde sagen: "Zwenig oder zvü is in Narrn sei Zü".
Will sagen, 250l dort wo's Sinn macht. Gänzlich drauf verzichten, macht wohl wenig Sinn.
vor 5 Stunden ·

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Traubenfreund verschnupft

teuer hin oder her: ca. 4,80 pro flascherl - sollte man das 225l-fasserl nur 1x anfüllen, tut niemand - also mind. 2x = nur mehr € 2,40 bringen sicher nicht die weinwelt zum einstürzen. dh. wein ohne barrique muss nicht billiger sein, schon gar nicht, wenn er ohne holzeinsatz (=aromatisierung) ähnlich oder genauso vielschichtig/intensiv/interessant schmecken soll/muß. prost.
p.s: wegen 2,40 mehr z.b. auf der handyrechnung macht sich sicher kaum jemand in die hosn - oder ?

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Der Captain Hmm..

..ich ahne ungefähr, was Sie sagen wollen, bitte aber auch im Interesse unserer önologisch interessierten, aber freilich nicht professionell versierten Leserschaft um eine Präzisierung. Danke..

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el hottino

Lieber verschnupfter Traubenfreund,

erstmals gute Besserung!

In der Preisklasse 10 EUR machen 2,4 EUR schon fast ein Viertel des Kaufpreises aus.

Wer beispielsweise Sassicaia gerne trinkt und kauft, dem is es eher wurscht, ob er 96 EUR oder 98,4 EUR zahlt.

Is eine Frage der Relation.

lg

el hottino

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