Regen. Der Winzer sieht aus dem Fenster und seine Mundwinkel sinken. Wie die Wolken, die sich langsam und konstant über den Weingärten abregnen. Regen ist generell nicht schlecht. Wenn man ihn braucht. Jetzt braucht man keinen Regen mehr. Schon gar nicht in einem Jahr, das schon viel Regen brachte. 2010 wird als Scheißjahr für den Weinbau in die Geschichte eingehen. Wenn nicht noch ein Wunder geschieht.
Ein Wunder wäre, wenn morgen der Himmel die Schleusen dicht machen und die Sonne mindestens vier Wochen lang hell und warm die Trauben verwöhnen würde. Dann würde all das besser, das jetzt noch am Stock hängt. Auf jeden Fall aber wäre vieles noch gerettet. Davon kann man im Augenblick aber nicht ausgehen. In Deutschland. In Österreich. In der Schweiz. In einigen Teilen Italiens. Im Norden und Nordosten Frankreichs. Aber auch in Teilen Spaniens und Portugals. Dieses Jahr macht den Winzern dort superschlechte Laune.
Wie schon in einigen Vorgängerjahren ist auch der Frühling 2010 spät gestartet. Der Winter dauerte enorm lang, die Blüten kamen spät und einige wurden nicht befruchtet. Das war der erste Schlag, der schon im Frühjahr klar machte, dass es 2010 nicht mehr den vollen Ertrag geben kann. Die Winzer nennen dieses Problem "Verrieselung". Das ist noch keine Tragödie, denn 10-20 % Verlust kann jeder Winzer verschmerzen. Bei einigen Bauern in Rheinhessen waren es sogar über 25 %. Naja, auch noch irgendwie in Ordnung.
Regen, Hagel, falscher Mehltau
Dann regnete es. Im April. Im Mai. Und immer wieder. Die Folgen: Pilze und Peronospora; die Pflanzen erkrankten. Vor allem für Biowinzer ist 2010 ein Jahr der höchsten Konzentration. Ökologisch arbeitende Winzer stehen ohne radikal-chemische Spritzmittel da. In diesem Jahr ist das eine Herausforderung. Ein Jahr des konzentrierten Arbeitens im Weingarten.
Als ob das nicht schon genug wäre, schlug 2010 auch noch der Hagel seine Schneisen in die Weingärten. In der Pfalz. in Rheinhessen, in Sachsen, in der Steiermark, in Norditalien. Aber auch in Frankreich. Und sogar in der Toskanaregion Bolgheri, wo die Eiskörner im dritten Jahr in Folge niederkamen. Nach zwanzig Jahren Abwesenheit. Soll uns also keiner erzählen, das Wetter ändere sich nicht.
Der Captain hat dieses üble Jahr vorausgesagt. Besser gesagt nicht er, sondern sein Meteorologe in Potsdam. Der hat gesagt: "Dieses Jahr könnt ihr den Weinbau in Deutschland und in weiten Teilen Europas vergessen, denn es wird dauernd regnen".
"Warum?"
"Wegen des isländischen Vulkans. Die ganze Asche wird die Art der Bewölkung ändern. Und die Zusammensetzung der Wolken. Das wird ein feuchtes Jahr. Und es wird kaum Hurricans geben in der Karibik. Wie nach dem Pinatubo-Ausbruch 1991 und 1992. Denk an meine Worte."
Er hat Recht behalten.
Der Vulkan, das Arschloch
Der Captain wurde für die Weitergabe dieser Mutmaßung im Frühjahr ordentlich geohrfeigt. Der Tenor: Wie man so einen Blödsinn nur behaupten könne, alle Studien würden darauf hindeuten, dass der Vulkanausbruch das Klima nicht beeinflussen würde. Des Captains Meteorologe hat nur gelacht. Jetzt ist dem Captain das Lachen vergangen. Und den Winzern. Nur: Sie hätten ohnehin nichts machen können.
Was nun folgt ist eine freudlose Ernte (die teilweise schon begonnen hat). Und es folgt das Jahr des Rütteltischs und der peniblen Selektion. Nur durch die radikale Auslese schadhafter und unreifer Beeren kann die Qualität der 2010er Weine irgendwie gesichert werden. Für die Großen Gewächse ist das noch nicht ausgemacht. "Früher", so ein Winzer zum Captain, "hätte man das Jahr wohl vergessen."
Bunkert 2009! Und ja, auch 2008...
Die Händler reagieren langsam. Einige beginnen jetzt Weine aus den Jahren 2009 und 2008 abzurufen. So besteht vor allem Interesse an den einfachen, trinkfreudigen Weißweinen aus 2009. Und inzwischen werden selbst die Großen Gewächse und andere Spätlesen aus dem mittelprächtigem Jahr 2008 angefragt. Denn diese oft überraschend guten Weine könnten in naher Zukunft sehr begehrt sein.
Mancher Händler gibt auch ganz offen zu, dass er mit einem verheerend schlechten Jahrgang 2010 nicht unzufrieden wäre. Erstens steigen die Preise für einige Weine. Andererseits lässt sich der Weinsee verkleinern, der manchen Händlern inzwischen Sorge macht. Das Nachsehen haben in diesem Jahr vor allem die Winzer.
Übrigens wird nicht jede Region unter dem Wetter leiden: Die Winzer des Bordeaux rechnen mit einem sehr guten Jahrgang, ihre Stöcke haben seit August ordentlich Sonne bekommen. Das ist auch in einigen Regionen Italiens so. Und auch in Teilen Spaniens. Wir werden also nicht verdursten.







Auch der Franzose wurde feucht (Foto: Stiftung Häusser) 





Da schau' her, der Captain empfiehlt Weine aus 2008, ganz was Neues. I.ü. kann 2010 noch richtig gut werden, wenn a) der Winzer seine Hausaufgaben bis jetzt gemacht hat, und viele der guten (nicht alle) haben das, und b) der Herbst einigermaßen trocken bleibt. Lange Hängezeiten sind für die Qualität viel entscheidender als hohe oder frühe Reife. Aber eins ist klar: viel wird's nicht davon geben.