17.09.10 WEINWISSEN 21 Einem Freund senden

2010: Das Jahr, als der Regen kam...

Auch der Franzose wurde feucht (Foto: Stiftung Häusser)Auch der Franzose wurde feucht (Foto: Stiftung Häusser)

Regen. Der Winzer sieht aus dem Fenster und seine Mundwinkel sinken. Wie die Wolken, die sich langsam und konstant über den Weingärten abregnen. Regen ist generell nicht schlecht. Wenn man ihn braucht. Jetzt braucht man keinen Regen mehr. Schon gar nicht in einem Jahr, das schon viel Regen brachte. 2010 wird als Scheißjahr für den Weinbau in die Geschichte eingehen. Wenn nicht noch ein Wunder geschieht.

Ein Wunder wäre, wenn morgen der Himmel die Schleusen dicht machen und die Sonne mindestens vier Wochen lang hell und warm die Trauben verwöhnen würde. Dann würde all das besser, das jetzt noch am Stock hängt. Auf jeden Fall aber wäre vieles noch gerettet. Davon kann man im Augenblick aber nicht ausgehen. In Deutschland. In Österreich. In der Schweiz. In einigen Teilen Italiens. Im Norden und Nordosten Frankreichs. Aber auch in Teilen Spaniens und Portugals. Dieses Jahr macht den Winzern dort superschlechte Laune.

Wie schon in einigen Vorgängerjahren ist auch der Frühling 2010 spät gestartet. Der Winter dauerte enorm lang, die Blüten kamen spät und einige wurden nicht befruchtet. Das war der erste Schlag, der schon im Frühjahr klar machte, dass es 2010 nicht mehr den vollen Ertrag geben kann. Die Winzer nennen dieses Problem "Verrieselung". Das ist noch keine Tragödie, denn 10-20 % Verlust kann jeder Winzer verschmerzen. Bei einigen Bauern in Rheinhessen waren es sogar über 25 %. Naja, auch noch irgendwie in Ordnung.

Regen, Hagel, falscher Mehltau

Dann regnete es. Im April. Im Mai. Und immer wieder. Die Folgen: Pilze und Peronospora; die Pflanzen erkrankten. Vor allem für Biowinzer ist 2010 ein Jahr der höchsten Konzentration. Ökologisch arbeitende Winzer stehen ohne radikal-chemische Spritzmittel da. In diesem Jahr ist das eine Herausforderung. Ein Jahr des konzentrierten Arbeitens im Weingarten.

Als ob das nicht schon genug wäre, schlug 2010 auch noch der Hagel seine Schneisen in die Weingärten. In der Pfalz. in Rheinhessen, in Sachsen, in der Steiermark, in Norditalien. Aber auch in Frankreich. Und sogar in der Toskanaregion Bolgheri, wo die Eiskörner im dritten Jahr in Folge niederkamen. Nach zwanzig Jahren Abwesenheit. Soll uns also keiner erzählen, das Wetter ändere sich nicht.

Der Captain hat dieses üble Jahr vorausgesagt. Besser gesagt nicht er, sondern sein Meteorologe in Potsdam. Der hat gesagt: "Dieses Jahr könnt ihr den Weinbau in Deutschland und in weiten Teilen Europas vergessen, denn es wird dauernd regnen".
"Warum?"
"Wegen des isländischen Vulkans. Die ganze Asche wird die Art der Bewölkung ändern. Und die Zusammensetzung der Wolken. Das wird ein feuchtes Jahr. Und es wird kaum Hurricans geben in der Karibik. Wie nach dem Pinatubo-Ausbruch 1991 und 1992. Denk an meine Worte."

Er hat Recht behalten.

Der Vulkan, das Arschloch

Der Captain wurde für die Weitergabe dieser Mutmaßung im Frühjahr ordentlich geohrfeigt. Der Tenor: Wie man so einen Blödsinn nur behaupten könne, alle Studien würden darauf hindeuten, dass der Vulkanausbruch das Klima nicht beeinflussen würde. Des Captains Meteorologe hat nur gelacht. Jetzt ist dem Captain das Lachen vergangen. Und den Winzern. Nur: Sie hätten ohnehin nichts machen können.

Was nun folgt ist eine freudlose Ernte (die teilweise schon begonnen hat). Und es folgt das Jahr des Rütteltischs und der peniblen Selektion. Nur durch die radikale Auslese schadhafter und unreifer Beeren kann die Qualität der 2010er Weine irgendwie gesichert werden. Für die Großen Gewächse ist das noch nicht ausgemacht. "Früher", so ein Winzer zum Captain, "hätte man das Jahr wohl vergessen."

Bunkert 2009! Und ja, auch 2008...

Die Händler reagieren langsam. Einige beginnen jetzt Weine aus den Jahren 2009 und 2008 abzurufen. So besteht vor allem Interesse an den einfachen, trinkfreudigen Weißweinen aus 2009. Und inzwischen werden selbst die Großen Gewächse und andere Spätlesen aus dem mittelprächtigem Jahr 2008 angefragt. Denn diese oft überraschend guten Weine könnten in naher Zukunft sehr begehrt sein.

Mancher Händler gibt auch ganz offen zu, dass er mit einem verheerend schlechten Jahrgang 2010 nicht unzufrieden wäre. Erstens steigen die Preise für einige Weine. Andererseits lässt sich der Weinsee verkleinern, der manchen Händlern inzwischen Sorge macht. Das Nachsehen haben in diesem Jahr vor allem die Winzer.

Übrigens wird nicht jede Region unter dem Wetter leiden: Die Winzer des Bordeaux rechnen mit einem sehr guten Jahrgang, ihre Stöcke haben seit August ordentlich Sonne bekommen. Das ist auch in einigen Regionen Italiens so. Und auch in Teilen Spaniens. Wir werden also nicht verdursten.

 



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Kommentare 21

Kommentare

pivu

Da schau' her, der Captain empfiehlt Weine aus 2008, ganz was Neues. I.ü. kann 2010 noch richtig gut werden, wenn a) der Winzer seine Hausaufgaben bis jetzt gemacht hat, und viele der guten (nicht alle) haben das, und b) der Herbst einigermaßen trocken bleibt. Lange Hängezeiten sind für die Qualität viel entscheidender als hohe oder frühe Reife. Aber eins ist klar: viel wird's nicht davon geben.

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Der Captain

Es muss schon ein Wunder geschehen, dass der Regen aufhört. Nichts sieht danach aus. Auch längerfristige Prognosen nicht. Eine kleine Chance auf ein stabiles Hoch allerdings gibt es..

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Gottfried Lamprecht (via facebook)

bei viel Regen sind die Hausaufgaben zu wenig, da musst du schon freiwillig Aufsätze schreiben, nach der Schulzeit. Fehlerfrei versteht sich....

http://www.herrenhof.net/_newsandblog/paint-it-black-vintage2010/

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Markus Fries (via facebook)

OK! Doch ist die Luft hier noch sauber! Mosel!

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Florian Holzer (via facebook)

kann mich an 1989 erinnern, das war (zumindest in österreich) noch mieser (august mit 8°). was man mir gesagt hat, ist die physiologische reife bis jetzt erstaunlich weit fortgeschritten, zuckerreife allerdings überhaupt nicht. und botrytis wird flächendeckend zum problem. wird auf jeden fall ein extrem ambivalentes jahr, vielleicht mit ein paar rieslingen und veltlinern, wie wir sie eigentlich immer schon trinken wollten.

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Bettina Wimmer (via facebook)

botrytis in 1190 neustift... ganz schlimm...

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pivu

Ein BioDyn Winzer im Rheingau sagte mir, er wär' sehr zuversichtlich, wenn der Herbst passt. Und der hatte im verregneten 2006 massive Probleme.

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Gottfried mies

Heutzutage brauchst du einen 3-wetter weingarten: grosse hitze, der weingarten hält; trockenheit, der weingarten hält; viel regen, der weingarten hält.

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Roman Niewodniczanski, Weingut Van Volxem

Das nervt irgendwie.
Erst wurde 2008 schlecht geredet und dann wird am 17.10. der Jahrgang 2010 abgeurteilt???? ca. 1 Monat, bevor Qualitätsweingüter beispielsweise an der Saar mit der Lese beginnen?
Ist diese pauschale Generalisierung wirklich treffend und schlau?

Ich stehe gerne für eine Blindverkostung von vermeintlich problematischen Jahrgängen wie 2008, 2006, 2003 und 2000 von Topwinzern wie Manfred Prüm oder Markus Molitor zur Verfügung.
Auf den Winzer, die Genetik, die Lage >das Terroir kommt es an - gerade in anspruchsvollen Jahrgängen!!!!!
"Le vigne aime le soleil, mais plus encore l'hombre de son maitre"!
Herzliche Grüße von der heute herrlich sonnigen Saar, Roman Niewodniczanski

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Der Captain (von auswärts)

Steht nicht auch im Artikel, dass es auf die Winzer ankommt? Und ist es nicht wahr, dass bereits einige Gärten gelesen werden (Österreich und Deutschland)? 2008 ist ein gutes Beispiel für die Kraft und die Kenntnis der guten Winzer. Aber außerhalb dieser Winzer habe ich (im Gegensatz zu 2009) nur Mittelmaß verkostet. Reden wir in 4 Wochen weiter. Ich wünsche mir Sonne. Viel Sonne..

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Sigbert Frisch

Hahaha - die Trauben sind noch nicht gelesen, da wird schon der Untergang des Abendlandes verkündet. Das ist Satire!

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Der Captain (von auswärts)

Viele Weingärten werden bereits gelesen, oder sind schon gelesen. Viele noch nicht. Deswegen ist das, was Sie hier sagen, schlicht falsch. Reden wir in einem Monat weiter..

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Sanders

Wenn jetzt laut dem Captain erst in vier Wochen geredet werden soll, warum dann vier Wochen zu früh dieser Beitrag? Dieses ständige Hin und Her zwischen "Pauschalaussage" und "ganz viele Ausnahmen zur Pauschalaussage" nervt langsam.

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Der Captain (von auswärts)

Dann nochmal und deutlich:

1.) Nur ein Wetterwunder macht das Weinjahr 2010 noch zu einem guten Weinjahr. Meteorologisch nicht in Sicht.

2.) Die ersten Trauben sind runter. Ich war selbst dabei (in Österreich). Qualität gering, Menge auch.

3.) Wie schon 2008 kommt es auf den Winzer an; auf dessen Präzision und Können.

4.) Wir werden was zu trinken bekommen, es wird schlechter sein, als 2008. Glaube ich zu wissen. Will ich mich irren..

Passt das?

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pivu

@1 heute ist's trocken und sonnig, warum soll's nicht so bleiben?
@2 die frühgelesenen Trauben bieten selten die beste Qualität, auch in guten Jahren.
@3 meine Rede.
@4 das ist pure Spekulation, selbst wenn der Herbst perfekt ist, muss im Keller auch noch was passieren. Ich bin sicher, dass es aus 2010 ähnlich wie aus 2008 einige herausragende Weine geben wird. Und will mich NICHT irren :) .

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Bernhard Fiedler

Aus burgenländischer Sicht:

@1 Ein Wetterwunder macht das Weinjahr 2010 noch zu einem SEHR guten Jahr. Für ein gutes Jahr braucht es keine Wunder, sondern nur (noch) halbwegs normale Verhältnisse. Und die sind zumindest für diese Woche auch meteorologisch prognostiziert.

@2 Ja, wir sind schon bei der Ernte von Muskat Ottonel und Zweigelt. Die Qualität ist nicht "gering", sondern gut (womit ich aber nicht sagen will sehr gut). Die Menge reicht sorten- und riedenabhängig von gering bis durchschnittlich.

@3 Darauf kommt es zwar immer an, aber 2010 wohl tatsächlich etwas mehr als in anderen Jahren.

@4 Da bin ich bei Pivu: Das ist völlige Spekulation, denn z.B. der vom Captain in seiner Tabelle als sehr gut titulierte Rotweinjahrgang 2004 war um diese Jahreszeit nicht wesentlich besser, als 2010. Und auch 2007, ebenfalls mit drei Sternen bewertet, war von Fäulnis und Nässe bedroht.

Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben. Aber man muß ihn auch nicht schon zu Mittag verdammen.

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alex

2009 wurde (nicht nur in der Pfalz) als Jahrhundertjahrgang gefeiert. Was muß ich aus 2009 trinken? Alkohol oder Zucker wenns gut läuft, wenns schlecht läuft Alkohol und Zucker (die Weine sind eine Plage)! Freu mich jetzt schon wie narrisch auf den Scheißjahrgang 2010!!

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Sanders

Interessant ist an den ganzen Posts und Diskussionen hier, dass sich bei der Stilistik deutscher Weißweine (und insbesondere der Frage 2008 vs. 2009) offensichtlich die Geister scheiden. Die einen (auch der Captain, so scheint es) scheinen eher ausgewogene und volle, zuweilen auch üppige, Weine zu bevorzugen, also z.B. 2007 oder 2009. Die anderen schätzen eher die etwas sauberer geschnittenen, dafür aber nicht so ausladenden, Weine mit präsenter Säure und weniger Schmelz, also z.B. 2008. Die Entscheidung, was man kauft, fällt ja umso schwerer, als - anders als z.B. im Bordeaux - der Preis eigentlich (vorbehaltlich der üblichen Steigerungen) in jedem Jahrgang nahezu gleich ist.

Nachdem ich jetzt aus beiden Jahrgängen (2008 und 2009) einiges probiert habe, finde ich keinen der Jahrgänge viel besser oder schlecher als den anderen. Sie sind halt anders in der Stilistik. Als "Arschjahrgang" würde ich eher sowas wie 2006 bezeichnen. Da hatten echt viele Weine viel zu viel Alkohol, Boytritis und Zucker. Aus 2009 liegt bei mir nichts mit mehr als 13 % im Keller und ich habe nicht gezielt nach wenig Alkohol gesucht.

Zur Frage 2008 vs. 2009 würde ich dann für die Vielseitigkeit plädieren: beides in den Keller legen. Dann hat man was für alle Tage und für alle Arten von Gästen.

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Der Captain

Mich haben die Großen Gewächse aus 2008 dann doch sehr überrascht. Viele Gutsrieslinge jedoch enttäuscht. Captaincork hat mehrheitlich eine Leserschaft, die gerne und häufig zu Gutsrieslingen greift. Das Forum, in dem wir uns unterhalten, spiegelt nicht die große Mannschaft des Captain wieder. In diesem Sinne muss ich werten. Sie haben natürlich Recht, mit dem, was Sie sagen..

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Sanders ernüchtert

Es heißt zwar immer noch abwarten, aber mit dem Dauerregen der letzten Tage und der jetzt kommenden Kälte schwindet dann doch die Hoffnung, dass 2010 noch was wird.

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