In Österreich gab es den manisch-genialen Zeitungsherausgeber Kurt Falk, ein Mann von unfassbarer Unausstehlichkeit. Er ist inzwischen verstorben. Er hat sich selbst aufgefressen. Wenn man so will. Dieser Falk gründete aus Hass eine Tageszeitung, ein Boulevardblatt, eher links als rechts, aber dann wieder beides vermischend, ebenso ein Hassorgan für gedemütigte Sozialdemokraten, wie ein weiteres Sammelbecken für alte Nazis. Das ist das Schreckliche an der österreichischen Presselandschaft.
Falks Zeitung hieß "Täglich Alles" und ich erzähle die Geschichte nur aus dem Grund, weil ich eine einzige Methode von Falk kopiert habe, den so genannten "Putzfrauen-Test". Falk, immer total beratungsresistent, ließ sich Headlines und Werbelinien vorschlagen, ließ sich die Peer-Group-Ergebnisse vorlegen und rannte dann mit dem Sujet in das Erdgeschoß seines Verlagshauses, um es dort den einfachen Mitarbeitern zu zeigen. Der Reinigungskraft, dem Drucker, dem von der Arbeitsagentur gestellten Portier. Er fuhr diese Leute an: "Verstehen Sie, was da steht?". Die meisten verstanden freilich Bahnhof, also nix, niente. Daraufhin ging Falk wieder hoch, warf der Agentur oder dem Chefredakteur den Krempel hin und schrie die Leute nieder: "Ihr seid alle Idioten, unsere Putzfrau versteht nicht, was da steht." Danach textete er alles im Alleingang neu. Mit dieser Methode brachte es das Blatt auf den zweiten Platz der Tageszeitungen in Österreich. Nur wollte keiner in seinem grauenvollen Pressemüll Werbung schalten. Die Zeitung ging pleite. So viel zu Kurt Falk.
Mein "Putzfrauentest" heute war, als ich in einer Berliner Vinothek zwei gutaussehende und gebildet wirkende Menschen fragte, warum sie je eine Flasche Sauvignon-Blanc aus der französischen Region Haut-Poitou kaufen. Für 7,50 Euro. Und warum keinen deutschen Gutsriesling fürs gleiche Geld. Die Antwort:
1.) "He, ich kaufe nie deutschen Wein. Ist mir entweder zu sauer. Oder zu süß. Hat keine Mitte und auch kein Image."
2.) "Hab ich ein paar Mal probiert, taugt nur zur Schorle. Die Deutschen sollen Autos bauen, das können sie. Vom Wein verstehen nur die Franzosen was."
Soll heißen: Diese beiden haben noch nie über die exzellente Qualität vieler deutscher Weine gelesen. Die haben auch noch nie hier reingesehen (was sie genau jetzt hoffentlich tun, denn ich habe ihnen unsere Web-Adresse gegeben). Mag sein, dass der deutsche Wein ihren Geschmack gar nicht trifft. Aber sie versuchen es nicht mal.
Und ich frage mich, warum ich die Tätigkeit des DWI (Deutsches Weininstitut) mache? Also deutschen Wein in einer Berliner Vinothek gegen Vorurteile zu verteidigen. Was bitte macht das DWI?
Bericht unter Verschluss
Ja, was macht das DWI? Der Biologe und Rebsortenkundler Andreas Jung hat im Auftrag der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernähung unter Verwendung von Steuergeldern einen Abschlussbericht seines Projekts zur Erfassung rebgenetischer und autochthoner Rebsorten in Deutschland verfasst. Soll heißen: Der Mann hat drei Jahre lang nachgesehen, welche autochthonen Rebsorten in Deutschland überhaupt wachsen. Und ist dabei offenbar auf eine herrliche Vielfalt gestoßen. Nichts besser als das. Denkt man.
Denn seltsamerweise darf dieser Bericht nicht veröffentlicht werden. Und Jung nicht darüber reden. Als wäre es ein Staatsgeheimnis. "Hallo, wir sind vom BND, den Bericht geben Sie mal her und ja schön die Klappe halten." Grotesk.
Aber dann wird vieles klar. denn Jung fand neben 88 als ausgestorben geltenden Rebsorten auch 130 Falschbenennungen in deutschen Rebsortimenten. Das scheint viel Wirbel auf einmal. Und es haut vieles über den Haufen.
Dem Journalisten Carsten Henn (VINUM) und dem Weinfachmann und professionellen Blogger Michael Liebert ist es zu verdanken, dass diese Beschlagnahme (nennen wir es ruhig mal so) an die Öffentlichkeit kam. Hier ein von Liebert ausgesuchter, hochinteressanter Auszug aus einer Art Zusammenfassung:
Jüngere Sortenfunde haben gezeigt, dass es in Deutschland noch alte Rebbestände gibt, die eine unerwartete Vielfalt historischer Rebsorten und Klone enthalten können. Allein an der Badischen Bergstrasse sind über 60 Traditionssorten in alten, noch wurzelecht bepflanzten Weingärten gefunden worden. Die mit dem Trollinger verwandte Rebsorte Blauer Elbling stellt z.B. bei Heidelberg die zweithäufigste traditionelle Rebsorte nach Riesling dar. Als Früher Blauduftiger Trollinger war sie auch in Schwaben, als Will(d)bacher an der Hessischen Bergstrasse verbreitet. Sogar die bereits ausgestorben geglaubte, uralte Rebsorte Fütterer konnte in einigen Exemplaren wiederentdeckt werden. Die Funde der international renommierten Rotweinsorte Primitivo / Zinfandel haben zu Tage befördert, dass diese ursprünglich ungarische Sorte unerkannt seit über 400 Jahren in Deutschland angebaut wurde. Andere Sorten wie Honigler und Putzscheere waren Importe aus dem Tokay und Bestandteil von Trockenbeerenauslesen. Die Sortengruppe der Veltliner bildete die Grundlage süßer Importweine aus Istrien und war nicht nur in Österreich, sondern auch in der Oberrheinebene sehr geschätzt.
Da liegt also eine Art Schatz, die man nicht heben darf. Wozu gibt es das DWI? Ich weiß, das ist nicht deren Angelegenheit. Aber warum nicht mal querschießen? Wenn schon der Deutsche Weinbauverband nichts tut. Kann sich da mal wer einschalten? Kann man aufklären, warum dieses Papier so "gefährlich" ist? Eventuell stimmt ja auch nicht alles, was da drin steht. Aber es bedarf einer Aufklärung.
Link zu Vinum
Link zu Liebert und der Zusammenfassung von Jung
PS: Heute, 18:50 Uhr. Nach mehreren Telefonaten und E-Mails mit der Frage, warum ich im Fall Jung auch auf das DWI hinprügle, wenn doch das BLE als Auftraggeber Schuld an der Sperre ist, möchte ich ergänzen, dass ich eben der Meinung bin, dass sich auch andere Verbände und Institutionen für eine Aufklärung dieser Angelegenheit einsetzen sollen. Mag sein, dass das naiv ist. Aber ich denke, es wäre notwendig. Freilich weiß ich, dass es weder im Interesse des DWI noch des Weinbauverbandes ist, dass man Rebsorten eventuell sogar umbenennen muss. Gegenteilig drohen aber Jahre der Spekulation. Und ein Satz, der heißt: "Hätte man damals diese Analyse von Jung veröffentlicht, ja dann..."







Neues Leben aus alten Reben? Kann mal einer fragen, warum das nicht sein darf...? 





Das Ganze ist ein handfester Skandal allererster Kategorie. Ich habe letzte Woche eine Stunde mit Jung telefoniert und der hat Sachen erzählt... Leider hat das zuständige Ministerium nach dem nunmehr dritten Blogbeitrag http://wuertz-wein.de/wordpress/2011/02/02/autochtone-reben-nein-danke/ einen Maulkorb und sagt jetzt erstmal gar nichts mehr. Kaum zu glauben, aber die lesen Blogs. Da müssen jetzt ganz andere ran, stern, Spiegel, ARD uswuswusw um ordentlich Druck zu machen.
Das DWI kann da gar nichts machen und ist da auch überhaupt nicht für zuständig. Wenn schon, dann müßte der Deutsche Weinbauverband intervenieren... aber das ist wohl eher unwahrscheinlich...