06.11.10 MEINUNG 12 Einem Freund senden

Deutscher Wein: Im Land noch unbekannt

Es ist egal aber, so will ich´s doch nicht haben...Es ist egal aber, so will ich´s doch nicht haben...

Ich kann mich an Zeiten erinnern, als die Deutschen ihr Land ausschließlich über die die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Bevölkerung definierten. Saß man als Ausländer mit einem Deutschen zusammen, so erzählte er binnen weniger Minuten von der enormen Wirtschaftskraft Deutschlands. Und obwohl man das nicht bestritt, musste man sich die Litanei der zwei Waschmaschinen anhören. Jeder deutsche Haushalt könne sich jedes Jahr zwei Waschmaschinen leisten. Als ob das wichtig wäre. Ich hab auch keine Ahnung wer diesen Unsinn mit den zwei Waschmaschinen in die Welt gesetzt hat. Damals. Vor dreißig Jahren.

Wahr ist aber, dass sich die Deutschen schon damals statt den zwei Waschmaschinen dreißig Kisten deutschen Weins hätten leisten können. Oder mehr. Doch sie taten es nicht, sie kauften ihren Wein vom vertrauenswürdigen französischen Winzer. Oder vom vertrauenswürdigen deutschen Weinhändler, der viele vertrauenswürdige französische oder italienische Winzer im Programm hatte. Irgendwann auch ein paar österreichische und spanische. Aber keine deutschen. Deutsche Winzer waren nicht vertrauenswürdig.

Nun, das hat sich geändert. Möchte man meinen. Doch neulich saß ich mit einem großen deutschen Weinhändler zusammen, der mir im lauten Getöse eines Berliner Szenelokals folgenden Satz in das Ohr schrie: "Deutscher Wein lässt sich immer noch schwer verkaufen!"

"Waaas?", schrie ich zurück.

Wir setzten uns in eine leise Ecke.
"Nein, ehrlich. Es ist immer noch schwer, meinen Kunden einen deutschen Wein zu verkaufen, wenn es kein Riesling oder Sylvaner ist. Und selbst dann greifen die lieber zu anderen Weinen."
Grotesk, denn der Händler ist vor allem in der Mitte Deutschlands tätig, in der Nähe vieler Weinbaugebiete.
Was trinken die den dort?
"Hauptsächlich Italiener".
Seltsam.

Warum trinkt Deutschland so wenig Deutschland?

Ist aber so. Und das ist nicht unbedingt schlecht, denn viele Weine vieler verschiedener Länder bringen wieder viel Wissen über Wein, Klima, Böden, Technik und Region. Und wenn man etwas länger reinriecht auch über die Mentalität der ortsansässigen Winzer. Kurzum: Wein erzählt viel über die weinanbauenden Länder. Aber es gibt kein weinanbauendes Land weltweit, in dem die Mehrheit der Weintrinker nicht mehrheitlich den einheimischen Wein trinkt. Ausser Deutschland.

Die Zahlen sagen, dass die Deutschen zwischen 45 und 48 Prozent Wein aus dem eigenen Land trinken. Das gilt aber vor allem für jene Weine, die man bei den Discountern bekommt. Dort wird viel Wein verramscht, der sonst keine Abnehmer findet. Im besseren Segment, in der Gastronomie und bei den Vinotheken, erreicht deutscher Wein weniger gute Werte. Je nach Region zwischen 30 und 42 Prozent.

Freilich muss man sagen, dass die Situation heute viel besser ist, als sie es noch vor zwanzig Jahren war. Als die Deutschen ihre Weine links liegen ließen. Vor allem bei den modernen, gebildeten Ständen stand der deutsche Wein lange Zeit mit seinen grauenhaft alten Etiketten - die wir heute wieder originell finden - für veraltetes und nationaltümelndes Trinken. Deutscher Wein war schlicht von gestern.

Das Gestern war gestern

Das Gestern ist vorbei und die deutschen Winzer sind jung, modern, gebildet und weltmännisch, wie nie zuvor. Und trotzdem fährt kein Frankfurter, kein Stuttgarter, kein Kölner am Wochenende mal zu einem Winzer raus, geht kosten, oder packt sich ein paar Kisten in den Kofferraum. Deutscher Wein mag in der Mitte der Gesellschaft angekommen sein; eine richtiges Weinland, wie Frankreich, Italien, oder Österreich, ist Deutschland deswegen noch lange nicht. Und das ist seltsam.

Und es ist auch gefährlich. Denn der letztlich doch geringe Konsum im eigenen Land droht die Entwicklung der Mitte zu stoppen, die Bemühungen jener Winzer zu untergraben, die nun zu den paar hundert Spitzenwinzern aufschließen wollen und sich der Qualität verpflichten. Sie merken, dass Qualität in Deutschland nicht zwingend zum Erfolg führt. Und viele resignieren, vor allem nach einem ertragsarmen Jahr, wie 2010, nach dieser schlechten Ernte, mit der Macher Winzer kaum die Kreditrückzahlungen tilgen kann. Überzeugte Marktwirtschaftler würden jetzt von einer längst notwendigen Marktbereinigung sprechen. Ich behaupte, es ist um jene Weine schade, die in Zukunft in Deutschland nicht gekeltert werden.

Man kann nicht sagen, ob man sich freuen soll, dass die Deutschen vor allem ausländischen Weinen zusprechen. Viele Händler sagen auch, dass Deutschland ohnehin nicht ausreichend Wein für alle deutschen Weintrinker erzeugt. Außerdem stechen nationale Karten in Deutschland aus gutem Grund immer im falschen Spiel.

Aber man kann sagen, dass ein wenig mehr Augenmerk auf das, was auf der eigenen Scholle angebaut und im eigenen Keller gekeltert wird, den deutschen Winzern und dem deutschen Wein helfen würden, ihre Position zu verbessern. Noch nie war sie so gut. Doch das Gute steht auf tönernen Füßen.

Dieser Text ist auch auf Zeit-Online erschienen.

Mehr zu diesem Thema und auch über im Internet publizierte Nazi-Vorwürfe eines Kollegen folgt morgen in einem Kommentar von Captains Maat Friedrich Küppersbusch.



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Kommentare 12

Kommentare

Gastritischer Anfall B.Scheuertmann & blubblubb supp

Was soll der Quatsch?
Sind hier eigentlich alle nicht mehr ganz dicht?
Es geht hier um Wein, wie kann es da zu Nazi-Vorwürfen kommen?
Ist es jetzt so weit gekommen, das durch den Einfluss von RTL-Talkshows tatsächlich jeder denkt das er sich zu jedem Thema äussern kann oder sollte?
Hat es der Scheuermann tatsächlich geschafft uns mit seinen Weinhistorienkurs zu belästigen?
Wer erzählt diesem Mann das dies von ihm Verlangt wird?
Weshalb macht er sich in dem Alter lächerlich mit dieser"Herr Lehrer ich weiß auch was" Attitüde?
Was erlaubt er sich, im schlecht geschnittenen Lederjäckchen und Papageienkrawatte über Wein zu belehren?

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höllenreiter genervt von dem ganzen sch...

irgendwie schade das man nicht mehr das schreiben darf was man möchte, nur weil ein dahergelaufener schreiberling in irgendwelchen sätzen rechtsradikalismus zu entdecken meint.

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Gast ...unentspannt, weil keiner mehr zuhört...

Samal Captain...erst vor Tagesfrist hab ich Dir erzählt, dass ich beim Eisele in Kernen war...und jetzt lese ich: "Und trotzdem fährt kein Frankfurter, kein Stuttgarter, kein Kölner am Wochenende mal zu einem Winzer raus, geht kosten, oder packt sich ein paar Kisten in den Kofferraum."

???

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Gast ...unentspannt, weil keiner mehr zuhört...

...und heut war ich beim Mauz. ca. 30 deutsche Weine trinken - rot-weis-bla-bin-ich-voll.

Aber sorry: wenn der Merlot vom Wöhrwag zwar "ned schlecht" ist, der rote Hades aus Öhringen-Verrenberg okay, das Cuvee Comte vom Ellwanger auch...der Alfeo aus Bolgheri aber grob 31 mal mehr kann...soll ich dann trotzdem den deutschen Wein kaufen? Im Ernst?

Geile deutsche Knaller sind für mich Mönch Berthold *** von der Weinmanufaktur Untertürkheim, Wöhrwags Philip und Wöhrwags Sauvgnon Blanc - sonst waren die roten flach und eben eins: deutsch.

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höllenreiter Phänomenal, hell erheitert

Da muss ich widersprechen, ich finde garnet das deutsche Rotweine flach und deutsch sind, das einzige was deutsch ist, ist die Meinung über deutsche Rotweine, nämlich engstirnig und kurzsichtig.
lieber gast, du solltest auch mal über dein baden-Württemberger Tellerrand schauen und Rotweine aus anderen Anbaugebieten Deutschlands probieren und dann urteilen.

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Der Captain

Hatte Wöhrwag gerade heute abend, großer Stoff..

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Get_Stuffed

Nun ja, lieber Höllenreiter: mit Mitte 30 ist man wohl weintechnisch noch nicht ganz so weit herumgekommen?

Selbstverständlich kenne ich auch den feinen Burgunder Musikantenbuckel von Jürgen Krebs oder die Cabernet Sauvignon von Anselmann. Genauso wie die "Grossen Gewächse" von Keller aus Rheinhessen. Oder Johner und Laible aus Baden. Herrliche Weine sind hier zu finden.

Aber ich sprach von der Hausmesse des Weinhauses Mauz. Und da gab's an deutschen Weinen ausser einem Stand aus der Pfalz eben hauptsächlich Württemberger, die ich entweder nicht (Trollinger Marke "Schlotz-Viertele") oder wenig schätzte. Klar, die Oberklasse der Wöhrwags und Ellwangers hat schon ordentlich was auf dem Kasten, das stelle ich gar nicht zur Diskussion.

Aber bis sagen wir mal 10 Euro kaufe ich mir lieber Franzosen, Italiener, Spanier oder Australier, denn die Wahrscheinlichkeit, dass ich dort mehr Tiefe und Volumen und Komplexität finde, ist deutlich grösser. Das ist eine Meinung, die natürlich keiner teilen muss - aber meine Meinung.

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Tackleberry

Da kann ich als Würrtemberger Weintrinker dem Beitrag von Get_Stuffed nur zustimmen!

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Gast

Peinlich, wie sich einige selbsternannte Weinkritiker etc. bei dieser Diskussion in Szene setzen! Man bekommt beim Lesen ihrer Statements den Eindruck, irgendjemand hätte ihnen ans Bein gepinkelt oder hätte ihnen alternativ die Backförmchen entrissen. Bei einigen bekommt man den Eindruck, sie halten sich für den absoluten Weinmessias und müssten die armen Unwissenden missionieren.

An diese Messiase: Es mag Euer Hobby und Eure Leidenschaft sein, in die Tiefen der Weinerzeugung einzusteigen. Jedem Tierchen sein Plaisierchen! Aber akzeptiert einfach, es gibt Weintrinker, die dieses Gesöff ebenfalls lieben, die aber ganz klar andere Hobbys und Leidenschaften pflegen. Die brauchen euch nicht und wenn sie euch benötigen, sie werden sich von selbst an euch wenden.

Im Übrigen denkt sich meine Erfahrung mit der des Captains. Deutsche Weine erzeugen hier immer noch keine grosse Begeisterung, und das obwohl es grossartige deutsche Weine gibt - Weiss wie Rot. Es gibt viele Händler, die wenig einheimische Weine führe, weil ihr Kundschaft sie nicht kauft. In Restaurants wird nach wie vor eher der Franzose als der Deutsche bestellt.

Also, was soll die Aufregung?

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Get_Stuffed

Der einzige, der sich hier so richtig echauffiert...

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snob3000 wants to see blood.

so, jetzt wollte ich mich sonntags ein bisschen aufreiben, blut sehen am fruehen morgen, bevor ich mir zum fussballspiel am nachmittag einen vernuenftigen antideutschen wein aus deutschland oeffne, und suche nach den natsivorwuerfen. weil aber gruende im text: null (zero) zu finden sind, muss ich jetzt meiner faulheit geschuldet die frage stellen, welcher wein-nazi die die vorwuerfe ueberhaupt in umlauf gebracht hat und wo?

herzlichst,
der snob.

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OliKnolli phänomenal

Deutschland hat viel zu bieten, aber eben keine Weinkarten mit deutschen Gewächsen. Aber auch etwas übertriebene Preise in der Gastro sprechen gegen eine Flasche. Gestern habe ich noch zwei Mädels gesehen, beim Japaner in Köln; die sich zwei Flaschen ialienischen Pinot, also jede eine!!! gegönnt haben. Wollt aber nicht fragen wieso keinen Deutschen, weil zu schüchtern.

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