Ich kann mich an Zeiten erinnern, als die Deutschen ihr Land ausschließlich über die die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Bevölkerung definierten. Saß man als Ausländer mit einem Deutschen zusammen, so erzählte er binnen weniger Minuten von der enormen Wirtschaftskraft Deutschlands. Und obwohl man das nicht bestritt, musste man sich die Litanei der zwei Waschmaschinen anhören. Jeder deutsche Haushalt könne sich jedes Jahr zwei Waschmaschinen leisten. Als ob das wichtig wäre. Ich hab auch keine Ahnung wer diesen Unsinn mit den zwei Waschmaschinen in die Welt gesetzt hat. Damals. Vor dreißig Jahren.
Wahr ist aber, dass sich die Deutschen schon damals statt den zwei Waschmaschinen dreißig Kisten deutschen Weins hätten leisten können. Oder mehr. Doch sie taten es nicht, sie kauften ihren Wein vom vertrauenswürdigen französischen Winzer. Oder vom vertrauenswürdigen deutschen Weinhändler, der viele vertrauenswürdige französische oder italienische Winzer im Programm hatte. Irgendwann auch ein paar österreichische und spanische. Aber keine deutschen. Deutsche Winzer waren nicht vertrauenswürdig.
Nun, das hat sich geändert. Möchte man meinen. Doch neulich saß ich mit einem großen deutschen Weinhändler zusammen, der mir im lauten Getöse eines Berliner Szenelokals folgenden Satz in das Ohr schrie: "Deutscher Wein lässt sich immer noch schwer verkaufen!"
"Waaas?", schrie ich zurück.
Wir setzten uns in eine leise Ecke.
"Nein, ehrlich. Es ist immer noch schwer, meinen Kunden einen deutschen Wein zu verkaufen, wenn es kein Riesling oder Sylvaner ist. Und selbst dann greifen die lieber zu anderen Weinen."
Grotesk, denn der Händler ist vor allem in der Mitte Deutschlands tätig, in der Nähe vieler Weinbaugebiete.
Was trinken die den dort?
"Hauptsächlich Italiener".
Seltsam.
Warum trinkt Deutschland so wenig Deutschland?
Ist aber so. Und das ist nicht unbedingt schlecht, denn viele Weine vieler verschiedener Länder bringen wieder viel Wissen über Wein, Klima, Böden, Technik und Region. Und wenn man etwas länger reinriecht auch über die Mentalität der ortsansässigen Winzer. Kurzum: Wein erzählt viel über die weinanbauenden Länder. Aber es gibt kein weinanbauendes Land weltweit, in dem die Mehrheit der Weintrinker nicht mehrheitlich den einheimischen Wein trinkt. Ausser Deutschland.
Die Zahlen sagen, dass die Deutschen zwischen 45 und 48 Prozent Wein aus dem eigenen Land trinken. Das gilt aber vor allem für jene Weine, die man bei den Discountern bekommt. Dort wird viel Wein verramscht, der sonst keine Abnehmer findet. Im besseren Segment, in der Gastronomie und bei den Vinotheken, erreicht deutscher Wein weniger gute Werte. Je nach Region zwischen 30 und 42 Prozent.
Freilich muss man sagen, dass die Situation heute viel besser ist, als sie es noch vor zwanzig Jahren war. Als die Deutschen ihre Weine links liegen ließen. Vor allem bei den modernen, gebildeten Ständen stand der deutsche Wein lange Zeit mit seinen grauenhaft alten Etiketten - die wir heute wieder originell finden - für veraltetes und nationaltümelndes Trinken. Deutscher Wein war schlicht von gestern.
Das Gestern war gestern
Das Gestern ist vorbei und die deutschen Winzer sind jung, modern, gebildet und weltmännisch, wie nie zuvor. Und trotzdem fährt kein Frankfurter, kein Stuttgarter, kein Kölner am Wochenende mal zu einem Winzer raus, geht kosten, oder packt sich ein paar Kisten in den Kofferraum. Deutscher Wein mag in der Mitte der Gesellschaft angekommen sein; eine richtiges Weinland, wie Frankreich, Italien, oder Österreich, ist Deutschland deswegen noch lange nicht. Und das ist seltsam.
Und es ist auch gefährlich. Denn der letztlich doch geringe Konsum im eigenen Land droht die Entwicklung der Mitte zu stoppen, die Bemühungen jener Winzer zu untergraben, die nun zu den paar hundert Spitzenwinzern aufschließen wollen und sich der Qualität verpflichten. Sie merken, dass Qualität in Deutschland nicht zwingend zum Erfolg führt. Und viele resignieren, vor allem nach einem ertragsarmen Jahr, wie 2010, nach dieser schlechten Ernte, mit der Macher Winzer kaum die Kreditrückzahlungen tilgen kann. Überzeugte Marktwirtschaftler würden jetzt von einer längst notwendigen Marktbereinigung sprechen. Ich behaupte, es ist um jene Weine schade, die in Zukunft in Deutschland nicht gekeltert werden.
Man kann nicht sagen, ob man sich freuen soll, dass die Deutschen vor allem ausländischen Weinen zusprechen. Viele Händler sagen auch, dass Deutschland ohnehin nicht ausreichend Wein für alle deutschen Weintrinker erzeugt. Außerdem stechen nationale Karten in Deutschland aus gutem Grund immer im falschen Spiel.
Aber man kann sagen, dass ein wenig mehr Augenmerk auf das, was auf der eigenen Scholle angebaut und im eigenen Keller gekeltert wird, den deutschen Winzern und dem deutschen Wein helfen würden, ihre Position zu verbessern. Noch nie war sie so gut. Doch das Gute steht auf tönernen Füßen.
Dieser Text ist auch auf Zeit-Online erschienen.
Mehr zu diesem Thema und auch über im Internet publizierte Nazi-Vorwürfe eines Kollegen folgt morgen in einem Kommentar von Captains Maat Friedrich Küppersbusch.







Es ist egal aber, so will ich´s doch nicht haben... 





Was soll der Quatsch?
Sind hier eigentlich alle nicht mehr ganz dicht?
Es geht hier um Wein, wie kann es da zu Nazi-Vorwürfen kommen?
Ist es jetzt so weit gekommen, das durch den Einfluss von RTL-Talkshows tatsächlich jeder denkt das er sich zu jedem Thema äussern kann oder sollte?
Hat es der Scheuermann tatsächlich geschafft uns mit seinen Weinhistorienkurs zu belästigen?
Wer erzählt diesem Mann das dies von ihm Verlangt wird?
Weshalb macht er sich in dem Alter lächerlich mit dieser"Herr Lehrer ich weiß auch was" Attitüde?
Was erlaubt er sich, im schlecht geschnittenen Lederjäckchen und Papageienkrawatte über Wein zu belehren?