Das Schöneck erreicht man, wenn man von Brixen Richtung Bruneck abbiegt. Dazu muss man sich aber einmal von München kommend über den Brenner schieben, womöglich im Dauerstau mit holländischen und belgische Viehlastwägen, die den Speck als Lebendware in die Schlachthöfe Oberitaliens transportieren - ein immer noch grausamer und widerlicher Handel mit Nutzvieh, den man unterbinden sollte.
Vor Bruneck biegt man bergan ab, Richtung Molini di Falzes. Und dort, rechts neben der Landstrasse, vor einer uneinsehbaren Kurve, liegt das Wirtshaus Schöneck. Wirtshaus? Nun gut, ein Michelin-Stern, also ein Edelwirtshaus.
Karl Baumgartner kocht. Und das kann er hervorragend. Großartig ein Hechtfilet mit Brösel aus Schuppen, der traditionelle lauwarme Kalbskopf mit Kürbiskernöl, die tatsächlich leichten Speckknödel in der Consommé, die Ravioli mit Steinpilzen, der Rehpfeffer, die Schlutzkrapfen mit Amkäsefonduta und eine Kohl-Kümmel-Sauté, das Risotto mit den ersten Alba-Trüffel. Nur die Desserts liegen etwas unter der Höchstleistung, hier war eine gewisse Schwäche beim Abschmecken spürbar. Aber egal. Wirklich egal.
Wirklich egal, denn was zu den Speisen an Weinen aufgemacht werden kann, lässt sich schwer in einem kurzen Artikel darstellen. Das Wirtshaus Schöneck hat eine der umfangreichsten und vernunftreich gestalteten Weinkarten Italiens.
Angefangen von einer Auswahl der besten Franciacorta-Schaumweine bis hin zu den besten Champagner, etwa den Dom Perignon 1996 (150,00 Euro, ein Lieblingsgetränk des Captain) oder den Roederer Cristal 1999 (210,00 Euro); weitergehend eine gut zusammengestellte Bordeauxkarte mit ein paar Weinen zu sehr vernünftigen Preisen (Chasse Spleen 2003 für 48,00 Euro, Pontet Canet 2000, ein großer Jahrgang, für 88,00), sowie eine kleine, aber engagierte Selektion französischer Burgunder, dann auch noch Süßweine aus aller Welt, sogar einen Eiswein aus Kanada. Hier will man Breite bieten, die ganze Welt der Weine darstellen.
Würde die Klimakatastrophe schon morgen das Wasser an die Alpen spülen, der Captain würde das Schöneck zu seiner Arche machen.
Doch wir sind in einer Region. Und wir sind in einem Land. Ganz wollen wir uns nicht daran halten und einen Ausflug nach Deutschland machen. Denn auch die Auswahl deutscher Rieslinge ist beachtlich. Aus allen Regionen. Der Captain beginnt sein abendliches Trinken mit einer Franciacorta Cuveé vom Weingut Bellavista, das in den Hügeln der Region einen der größten Weinkeller besitzt, den man nur mit Elektrowägelchen schnell durchqueren kann. Fünf Kilometer Gänge im Berg - beeindruckend.
Beindruckend auch, wie diese Prestige-Cuveé (90 % Chardonnay, 10 % Weißburgunder gemeinsam mit Blauburgunder) jedes Jahr aufs Neue ohne große qualitative Unterschiede gelingt: knochentrocken, extrem belebend, zitrusfruchtig und ausgewogen mit Kohlensäure ausgestattet - das schlägt so manchen Champagner.
Dann eine der wenigen, aber immer interessanten Südtiroler Weißweincuveés, den Nova Domus 2006 der Kellerei Terlan (Weißburgunder, Chardonnay und Sauvignon), ein kräftiger Saft, der in der Nase deutlich nach Sauvignon duftet (fast schon sortenrein), am Gaumen aber die Kraft der burgundischen Sorten dominieren lässt. Dramatische Kräuternoten werden von Steinobst und Kieselgeschmack abgelöst. Ein Trinvergnügen (35,00 Euro).
Die noch interessantere Cuveé Mittenberg von Ingnaz Niedrist (aus Petit Marseng, Charonnay und Vigonier) war leider ausverkauft. Dieser Wein ist dem Captain als Fruchtbombe in Erinnerung, als unerwartetes Erlebnis. Diese Erinnerung konnte leider nicht aufgefrischt werden.
Der nachfolgende Westhofner Riesling S 2007 vom Weingut Wittmann aus Rheinhessen (33,00 Euro) konnte den Captain leider nicht überzeugen. Am Anfang völlig eindruckslos, fand er erst nach einigen Minuten zu einer gewissen Kraft, die ihm dann zwar nicht mehr entkam, ihn aber auch nicht glänzen ließ. Keine Enttäuschung gewiss; dieser Prachtwein hatte aber schon bessere Tage. Zudem der Keller im Schöneck wirklich die besten Lagerbedingunen bietet und der Captain auch sicher sein kann, dass der Wein hier nicht dauernd durch die Gegend gefahren wird und genug Ruhe hatte, sich ausgiebig zu entwickeln. Dem war nicht so. Schade. Der Captain hätte besser den Brauneberger Juffer (Spätlese trocken aus 2007) von Fritz Haag genommen, ein grandioser Riesling (im Schöneck für lächerliche 39,00 Euro).
Bei den Rotweinen fiel die Wahl des Captain auf einen banalen 1999er Tignanello von Antinori, ein Massenwein mit Prestige, ein Wein für Neureiche, eine Cuveé aus Sangiovese, Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc. Der Tignanello war Mitte der siebziger Jahre der erste Supertuscan der Region und wird seit etwa 1995 mit beobachtbarer Vernachlässigung gefertigt. Heute ist er eine überteuerte Gelddruckmaschine für Antinori, aber in guten Jahren ein perfekter Vergügungswein. 1999 war ein super Jahr.
Und der Captain kann wieder einmal mehr bestätigen, dass die teuren Supertuscans nicht so lange halten, wie von ihren Herstellern immer behauptet wird. Dieser 99er war bereits in seine Abwärtsspirale eingetreten, hatte aber genügend Kraft, zwei Hauptgänge durchzuhalten. Dennoch: ein feiner Wein, in der Nase sehr schöne toskanische Noten nach nasser roter Erde, dann auch Tabak, altes Heu und ein wenig geröstete Mandeln. Am Gaumen dann eine verhalten elegante Frucht, kaum noch Holz, aber genug Struktur für einen angenhmen Nachklang. Der Preis im Schöneck ist schlicht senationell (69,00 Euro).
Unnötig zu sagen, dass die Leute vom Schöneck etwa hundertfünfzig der besten Positionen aus Toskana und Piemont im Keller lagern, darunter so tolle Weine wie die Pergole torte 2001 (sensationelle 69,00 Euro), den 2001er Merlot Apparita von Ama (120,00 Euro) oder den schlicht sensationellen 98er Barolo von Elio Altare (90,00). Das sind freilich keine unbekannten Weine, keine Überraschungen, nach welchen man Ausschau hält. Die Überraschung ist aber die faire Kalkulation im Schöneck. Hier kann man die besten Weine Italiens sehr günstig trinken.
Danach noch ein Glas vom Lagrein 2003 der Kellerei Muri Gries in Bozen, ein Rotwein aus der nächsten Umgebung, der beim Captain Erstaunen auslöst. Denn der sechs Jahre alte Wein präsentiert sich frischer und fruchtiger als Vergleichbares aus Italien oder Österreich. Man möchte ihn fast als Fassprobe einer 2006er Cuveé abtun, als unreife Angelegenheit, die man besser zu einem späteren Zeitpunkt erneut verkostet. Und dann hat dieser Wein auch noch eine deutlich präsente, angenehm mineralische Säure, die den Gaumen bestimmt. Und das im warmen, säuretötenden Jahr 2003. Der Captain prüft es noch einmal, 2003: es stimmt.
Nun, der Captain muss das Schöneck nicht groß empfehlen, er empfiehlt nur, im Herbst vorbeischauen und sich sechs Tage lang von Karl Baumgartner bekochen zu lassen. Mittags und abends. Dazu die richtigen Flaschen aus dem Keller zu trinken. Und man hat sein Wissen bereichert. Den Alkohol kriegt man mit Wandern wieder weg. Oder mit zwei Aspirin - wie der Captain.
Ristorante Schöneck, Via Castello 11, Falzes/Molini (Pfalzen/Mühlen), Tel. +390474565550. Montag Ruhetag.







Schaut aus, als würde es schmecken 






Lieber Captain, da hätten Sie nur die Kaberettisten Scheuba und Hader fragen müssen, die Sitzen dort oft genug herum. Sie kommen spät drauf, wie super das Schöneck ist.